Kiss

»Es muss ein Armageddon werden«

Ab Mai 2019 in Deutschland auf Tour: die Kultband Kiss Foto: imago

Liebe auf den ersten Blick war es nicht für Paul Stanley. Als der Kiss‐Sänger und Gitarrist vor Jahrzehnten erstmals nach Deutschland kam, hatte er große Vorbehalte. Denn seine in Berlin geborene jüdische Mutter war als Kind vor den Nazis geflohen.

»Ich hatte nicht unbedingt positive Gefühle, was Deutschland angeht«, sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse‐Agentur. »Ich musste erst einmal hinfahren und Zeit dort verbringen, um festzustellen, dass mein Eindruck von Deutschland nicht zur heutigen Generation der Deutschen passt. Ich habe viele gute Freunde dort und wunderbare Menschen kennengelernt.« Seinen jüdischen Bandkollegen Gene Simmons und Eric Singer ging es ähnlich.

Als der jüdische Kiss‐Sänger Paul Stanley erstmals nach Deutschland kam, hatte er große Vorbehalte.

Im Sommer 2019 tourt Stanley wieder mit Kiss durch die Bundesrepublik und spielt Konzerte in Leipzig, München, Essen, Berlin, Hannover und Iffezheim. Die »End Of The Road«-Tour soll die letzte für seine Band sein, die für Hits wie »I Was Made For Loving You«, »Shout It Out Loud« oder »God Of Thunder« genauso berühmt ist wie für glitzernde Kostüme, Make‐up und ein lautes Feuerwerk auf der Bühne.

BESETZUNG Bis zu drei Jahre könnte die Tournee dauern. Und dann? »Es ist schwer zu sagen, was am Ende passiert«, sagt Stanley etwas vage. Schon einmal gingen Kiss auf »Farewell Tour« – im Jahr 2000 in der Originalbesetzung mit Gitarrist Ace Frehley und Schlagzeuger Peter Criss – und machten doch weiter. »Das war kurzsichtig und überraschenderweise ein Fehler von uns«, räumt Stanley ein.

»Die Band war in der Besetzung musikalisch und live nicht gut«, erzählt der Frontmann, der den Bühnennamen Starchild trägt. »Es war eine fürchterliche Situation auf und hinter der Bühne. So wollte ich nicht weitermachen.«

Wegen der schweren Kostüme will die Band langfristig kürzertreten.

Schließlich trennten sich Kiss von Criss und Frehley. »Der Gedanke, dass zwei Leute die Band sabotieren und damit für deren Ende sorgen, ist doch lächerlich«, sagt Stanley bestimmt. »Kiss ist größer als jeder Einzelne von uns.«

Eric Singer, der schon von 1991 bis 1996 für Kiss getrommelt hatte, kehrte zurück. Gitarrist Tommy Thayer ersetzte schließlich Frehley. In dieser Besetzung waren Kiss beinahe ununterbrochen unterwegs und spielten zwei Alben ein.

OUTFITS Singer ist inzwischen 26 Jahre dabei, Thayer seit 17 Jahren. »Wenn das nicht Kiss ist, weiß ich auch nicht, was es ist«, lacht Stanley. Gut möglich, dass einige Konzertbesucher den Wechsel wegen der ähnlichen Bühnenoutfits gar nicht bemerkt haben.

Die Kostüme sind auch ein Grund dafür, dass der 66‐jährige Stanley und sein 69 Jahre alter Bandkollege Gene Simmons langfristig kürzertreten wollen. »Wir können das nicht ewig machen, das ist körperlich unmöglich«, sagt Stanley. »Wenn wir in Turnschuhen und Jeans auf der Bühne stehen würden, könnten wir auch mit 90 noch Rock ‹n’ Roll spielen. Aber versuch mal, ein 50 Pfund schweres Kostüm anzulegen, damit rumzurennen und es einfach aussehen zu lassen.« Dass Kiss – wie in den 80er‐ und frühen 90er‐Jahren – ohne ihre berühmte Verkleidung auftreten, ist wohl nicht ausgeschlossen.

Simmons hatte zudem angedeutet, dass Kiss eines Tages sogar ganz ohne Originalmitglieder existieren könnten. »Ich halte das für möglich«, sagt auch Stanley. »Wir sind da nicht anders als ein Fußballverein oder eine Armee. Weder die Armee noch der Fußballverein steht oder fällt über die Jahrzehnte mit irgendeinem bestimmten Spieler.«

Noch sei das aber kein Thema, versichert der Sänger. »Das ist nichts, was ich momentan in Erwägung ziehen würde oder worüber ich nachdenke.«

RÜCKZUG Ex‐Mitglied Criss zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Frehley macht weiter Musik, trat ab und zu mit Simmons auf und war sogar auf der »Kiss Kruise«, einer jährlichen Konzert‐Kreuzfahrt als Special Guest dabei. Man versteht sich wieder, eine Rückkehr zu Kiss schließt Stanley aber kategorisch aus.

»Es ist besser, wenn man manche Dinge so lässt, wie sie sind. Man will eine alte Beziehung nicht unbedingt auffrischen«, sagt er und lacht. »Aber man muss ja auch nicht gleich die Straßenseite wechseln, wenn man sich sieht.«

Ein weiteres Kiss‐Album in der aktuellen Besetzung ist unwahrscheinlich.

Ein weiteres Kiss‐Album in der aktuellen Besetzung ist ebenfalls unwahrscheinlich. Ein kreatives Bedürfnis habe er nicht, sagt Stanley, der inzwischen auch als Maler recht erfolgreich ist. Er sieht es pragmatisch. »Die Rolling Stones können so viele neue Alben machen, wie sie wollen. Die Leute sagen: Das ist großartig, aber jetzt spielt ›Honky Tonk Women‹! Ich verstehe das, denn die Klassiker sind unsere Zeitkapsel, es sind Momentaufnahmen aus unserem Leben.«

»Wir sind nicht anders als ein Fußballverein oder eine Armee«, sagt Gene Simmons.

Nostalgie spielt auch bei Kiss eine Rolle. »Das kann man heute nicht neu erschaffen«, meint Stanley. »Man kann nur etwas Vergleichbares machen, aber für die meisten Leute kann es nicht so gut sein. Klingen ›Hell Or Hallelujah‹ oder ›Modern Day Delilah‹ (Kiss‐Songs von 2012 und 2009) klassisch nach Kiss? Absolut. Hätten sie vor 30 Jahren auf einem Album sein können? Absolut! Aber sie waren es nicht.« Bei den Konzerten liegt der Schwerpunkt auf den Hits der 70er‐ und 80er‐Jahre.

PROBEN Für die Zukunft stellt Stanley ein Musical mit Kiss‐Songs und einen Kiss‐Film in Aussicht. »Aber nur, wenn alles perfekt passt, sonst würde ich es lieber lassen.« Zeit wird er in nächster Zeit ohnehin nicht finden. Die Proben für die Tour sind in vollem Gange.

Zum Abschied wollen es Kiss bei den »End Of The Road«-Konzerten noch einmal richtig krachen lassen. »Es wird die ultimative Show mit Pyrotechnik und Lichtern, und es wird mehr Songs geben als sonst«, verspricht Paul Stanley. »Wenn das hier wirklich das Armageddon für Kiss wird, dann muss es auch ein echtes Armageddon werden.«

JFBB

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