Flüchtlinge

»Es besteht Gefahr«

Herr Haq, Sie beschreiben in Ihrem Buch »Die Brutstätte des Terrors« die Situation in Flüchtlingsheimen in Deutschland und europäischen Nachbarländern. Wie haben Sie dafür recherchiert?
Ich bin selbst vor 25 Jahren als pakistanischer Flüchtling nach Deutschland gekommen. Mir war bewusst, dass es Probleme geben würde, wenn plötzlich über eine Million Menschen weitgehend ungehindert nach Deutschland kommen. Schließlich war hier niemand auf diesen Massenansturm von Schutzsuchenden vorbereitet. Also habe ich mich undercover in Flüchtlingsunterkünfte an verschiedenen Orten in Deutschland und auch in Nachbarländern begeben, habe mich mit unterschiedlichen Identitäten als Flüchtling vorgestellt und dann Unterkunft und Verpflegung erhalten. Wochenlang habe ich dort mit Flüchtlingen gelebt. Nur so kann man wirklich erfahren, was in den Unterkünften los ist.

In Dresden waren Sie Hamid Mustafa aus dem Irak, in Berlin Jamal Ramiri aus Indien. Ist das wirklich so leicht, unter falschen Angaben in Deutschland Aufnahme und Hilfe zu erhalten?

Ja, es war kein Problem. Selbst dann nicht, als ich mit Fingerabdrücken registriert wurde. Die werden nicht abgeglichen.

Ihr Buch hat heftige Debatten ausgelöst. Wie waren die Reaktionen bei Erscheinen im September 2016?

Anfangs haben mir viele Politiker und Journalisten vorgeworfen, dass ich mit meinen Darstellungen im Buch übertreibe. Viele waren nicht begeistert von den Ergebnissen meiner Recherche. Aber ich habe stets erwidert, dass man nicht wirklich wissen kann, was in den Flüchtlingsunterkünften vor sich geht, wenn man nicht selbst dort war, die Sprache der Menschen spricht und ihre Mentalität und Probleme kennt. Ich kenne sie.

Haben sich die Reaktionen auf Ihre Rechercheergebnisse inzwischen geändert?
Ganz deutlich nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im vergangenen Dezember. Der Fall Anis Amri hat meine Darstellungen und Vermutungen bestätigt. Nehmen Sie nur den Fakt der unterschiedlichen Identitäten. Der aus Tunesien stammende Täter Amri war mit 14 verschiedenen Namen und Papieren unterwegs. Das konnte sich vorher niemand vorstellen.

Und das ist kein Einzelfall?
Nein. Ich schreibe in meinem Buch auch über einen pakistanischen Flüchtling, der sich in ganz Europa registriert hatte und auf diese Weise monatlich mehrere Tausend Euro erhielt. Er hat mir das persönlich erzählt, als ich ihn in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Tempelhof näher kennenlernte. Und ich habe auch von anderen erfahren, die das System ausnutzen, die an unterschiedlichen Orten Geld kassieren und es nach Hause schicken. Aber es gibt eben auch viele ehrliche Flüchtlinge, die in Pakistan wirklich verfolgt wurden und sich hier anständig benehmen. Die überwiegende Zahl der Menschen, die gekommen sind, sind Kriegsflüchtlinge, die unsere Hilfe brauchen. Aber es gibt eben auch sehr gefährliche Personen, auf die man unbedingt achten muss.

Sie schildern in Ihrem Buch, dass diese Gefährder auch zu Terrororganisationen wie Boko Haram, Junud al-Sham oder den tschetschenischen Mudschaheddin gehören. Ist es falsch, immer nur über IS und deutsche Salafisten zu sprechen?
Der Verfassungsschutz ist schon sehr aktiv, aber wir müssen die vielen unterschiedlichen Organisationen auf dem Schirm haben. Wenn der IS besiegt ist, kommen andere nach. Wir dürfen keine Brutstätte des Terrors werden. Es muss sofort und effektiv gehandelt werden. Wenn wir eine Katastrophe verhindern wollen, muss nicht nur auf politischer Ebene alles unternommen werden, terroristische Aktivitäten zu bekämpfen.

Sie warnen vor der Radikalisierung der Flüchtlinge. Fundamentalisten hätten ein leichtes Spiel mit diesen Menschen. Wie gehen die Extremisten dabei vor?
Sie nutzen zum Beispiel die fehlenden Essensangebote nach muslimischen Regeln oder die fehlenden Gebetsräume als Argument, Asylbewerber zu radikalisieren. Sie sprechen sie an, laden sie zum Kaffee ein, fragen scheinheilig nach den Gegebenheiten in den Unterkünften. Wenn sie hören, dass es keine entsprechenden Gebetsmöglichkeiten oder Verpflegung gibt, begründen sie es damit, dass man hier gezwungen werden soll, zum Christentum überzutreten. Verschwörungstheorien funktionieren dort am besten, wo Unsicherheit und empfundene Ohnmacht am stärksten wirken.

Was ist zu tun?
Man kann schnell reagieren. Richtig ist, dass nur in sehr wenigen Flüchtlingsunterkünften Halal-Essen und Gebetsräume angeboten werden. Dabei ist ein deutscher Caterer doch viel teurer als zum Beispiel ein türkischer, der auch noch Speisen nach den Halal-Regeln liefern kann. Und in großen Einrichtungen gibt es bestimmt auch einen Raum, den man als Gebetsraum ausweisen könnte. Einfache Lösungen. Warum tut man das nicht?

Sie schreiben auch über die Drangsalierung von christlichen Flüchtlingen durch muslimischstämmige Heimbewohner. Was geschieht da?
Das ist ein bekanntes Phänomen. Ich habe mehrfach selbst erlebt, dass Betten von christlichen Syrern durch die halbe Unterkunft geschleudert wurden, dass auf Bibeln getreten wurde. Christen und Angehörige anderer Religionen werden gemobbt und unter Druck gesetzt, manchmal sogar geschlagen. Ich bin selbst ein gläubiger Muslim. Und unsere Religion sagt nicht, dass man jemand anderen wegen seines Glaubens benachteiligen oder schlagen soll. Nun sind viele Flüchtlinge nicht besonders gebildet und befinden sich dazu auch noch in einem Ausnahmezustand. Aber dennoch muss man ihnen unmissverständlich klarmachen, dass das nicht geht.

Was sollte noch unternommen werden?
Man muss ihnen beibringen, dass hier alle Menschen gleich sind, schließlich gibt es unter den Flüchtlingen viele unterschiedliche Konfessionen. Es kann zu Konflikten kommen, aber vielleicht muss man das gleich von vornherein berücksichtigen. Womöglich auch dadurch, dass man verschiedene Gruppen getrennt unterbringt und dadurch Konflikte vermeidet. Aber man darf nicht vergessen, dass es viele unterschiedliche Gruppen gibt, die außerordentlich friedlich zusammenleben.

Teilen Sie die Sorge des Zentralrats der Juden in Bezug auf den importierten Antisemitismus?

Absolut, diese Gefahr besteht. Viele Flüchtlinge haben ein schreckliches Bild von Israel und Juden. Sie sind damit in ihren Heimatländern aufgewachsen, sie haben das in den Schulen gelernt. Und manche sind deshalb auch mit islamistischen Ideen unterwegs und denken, dass man etwas gegen die »Ungläubigen«, also auch und vor allem gegen Juden, unternehmen müsse.

Ist es damit getan, dies in Integrationskursen anzusprechen?
Es stellt sich doch schon die Frage, wer die Integrationskurse überhaupt abhalten soll. Wir haben nicht einmal genügend Lehrer und Sozialpädagogen. Ich habe selbst solche Integrationskurse besucht. Die Sprachvermittlung ist hervorragend, aber bei der Wertevermittlung und der Vorbereitung auf die Integration gibt es wirklich ganz große Defizite. Ich habe in keinem Integrationskurs mitbekommen, dass ein Lehrer gesagt hat: In Deutschland ist jeder Mensch ohne Rücksicht auf Herkunft, Glauben oder Geschlecht gleich und genießt die gleichen Rechte. Das Recht auf freie Religionsausübung wird in den Kursen nicht thematisiert. Es muss viel mehr für die Demokratisierung und gegen radikale Tendenzen getan werden.

Mit dem Terrorexperten und Journalisten sprach Detlef David Kauschke.

Shams Ul-Haq: »Die Brutstätte des Terrors«. SWB Media Publishing, Waiblingen 2016, 214 S., 14,90 €

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