Berlin

Erschütternde Zeugnisse

Zum 75. Jahrestag der Pogromnacht dokumentiert das Centrum Judaicum in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt in einer gemeinsamen Ausstellung erstmals Berichte ausländischer Diplomaten über die Gewalttaten des 9. November 1938 in Berlin und anderen Orten. Auf 25 großen Tafeln werden im früheren Repräsentantensaal der Jüdischen Gemeinde Auszüge von Schreiben aus 20 Staaten an ihre Ministerien vorgestellt, die belegen, wie die Ereignisse der sogenannten Reichskristallnacht international wahrgenommen wurden. Darunter sind Berichte aus Polen, Großbritannien, Brasilien und dem Vatikan.

Die vom Centrum Judaicum initiierte und vom Auswärtigen Amt geförderte Ausstellung geht der Frage nach, wie von innen nach außen berichtet wurde und vor allem, wie das Auswärtige Amt auf Interventionen ausländischer Missionen reagierte. Noch am 11. November 1938 hatte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch vermerkt: »Wir warten nun die Auswirkungen im Ausland ab. Vorläufig schweigt man dort noch. Aber der Lärm wird ja kommen.«

botschaften Bei den gezeigten Dokumenten handelt es sich größtenteils um bisher unbekannte Berichte, die vom Auswärtigen Amt und deutschen Botschaften in aller Welt gesammelt wurden – in Kooperation mit den Archiven der Länder, die 1938 in Deutschland diplomatisch vertreten waren. Sie machen deutlich, wie internationale Diplomaten die Geschehnisse der Pogromnacht, das Leid der Opfer und die Reaktion der Bevölkerung schilderten und an die Hauptstädte ihrer Heimatländer in der ganzen Welt berichteten.

Die Dokumente belegen vor allem Erschütterung über die Ereignisse. Fast alle der Diplomaten beschreiben in deutlichen Worten, was sich zugetragen hat: Tausende hätten sich an dem Spektakel »bestialisch ergötzt«, während die Polizei wohlwollend zugesehen habe, meldet ein brasilianischer Diplomat am 21. November 1938 an sein Ministerium und ergänzt: »Es handelt sich übrigens um die schlagkräftigste, am straffsten organisierte, am perfektesten ausgerüstete und brutalste Polizei der Welt, mit den besten Voraussetzungen, jedweden Aufruhr im Volk unverzüglich zu unterdrücken.«

Dennoch gibt es auch verharmlosende Darstellungen wie im Fall des irischen Gesandten Charles Bewley, der als Antisemit bekannt war und vor allem die Juden selbst für die Gewalttaten verantwortlich machte.

forschungsstand Die in nur fünf Monaten zusammengetragene Ausstellung dokumentiere auch einen neuen Forschungsstand, sagte Kurator Christian Dirks bei der Eröffnung am Montag in Berlin: »Viele der Berichte waren vorher nicht bekannt.« Mit der Ausstellung werde ein neues Kapitel der Diplomatiegeschichte Deutschlands aufgeschlagen. Die »Wucht der Ereignisse« sei von den Diplomaten in alle Welt berichtet worden, betonte Dirks. Damit sei belegt, dass auch den Zeitgenossen unmittelbar bewusst gewesen sei, dass die Pogrome Auftakt zu einer neuen Dimension der Gewalt gegen Juden waren.

Das Berliner Auswärtige Amt hat die Schau mit eigenen Recherchen und klassischen diplomatischen Mitteln unterstützt. So seien an Botschaften von rund 50 Ländern sogenannte Verbalnoten mit der Bitte um Unterstützung geschickt worden, sagte Sibylla Bendig, stellvertretende Sonderbeauftragte des Außenministeriums für Beziehungen zu jüdischen Organisationen.

archive In einem weiteren Schritt seien deutsche Vertretungen im Ausland aufgefordert worden, sich vor Ort um Unterstützung von Recherchen in offiziellen Archiven zu bemühen, ergänzte Bendig. Als Ergebnis dessen wurden zahlreiche CDs und Faksimiles historischer Dokumente übermittelt. Die letzten Berichte seien erst vor rund einer Woche aus Kolumbien eingetroffen.

Bendig betonte in ihrer Ansprache, dass die Dokumente erneut verdeutlichten, dass das NS-Außenministerium »Teil des nationalsozialistischen Terrorapparats war«. Als unmittelbare Folge der Novemberpogrome verzeichnete das Auswärtige Amt rund 100 Interventionen ausländischer Vertretungen, die im Interesse ihrer Staatsangehörigen, die bei den Pogromen zu Schaden gekommen waren, Ansprüche geltend machten. Die Verantwortlichen des Amtes begegneten diesen Protesten zumeist mit Gleichgültigkeit. ja (mit epd)

»Von Innen nach Außen. Die Novemberpogrome 1938 in Diplomatenberichten aus Deutschland«. Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28-30, Berlin, bis 11. Mai 2014, So bis Do von 10 bis 18 Uhr, Fr von 10 bis 14 Uhr

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