Hannah Arendt

»Erotisch genial veranlagt«

Blieb auch in der McCarthy-Ära unabhängig: Hannah Arendt (1906–1975) Foto: Ullstein

Eine scharf Denkende war sie, die keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging. Sie hatte eine Affäre mit ihrem Philosophieprofessor, der sich später, in seiner Rektoratsrede 1933, über die Herrschaft der Nationalsozialisten freute, während sie, seine Geliebte, wie viele seiner Kollegen aus Deutschland fliehen musste. Sie ging nach Frankreich, flüchtete aus dem Internierungslager Gurs nach Amerika. Sie kritisierte die Gründung des Staates Israel, legte sich deswegen auch mit alten Freunden an.

Sie besuchte Nachkriegsdeutschland, das sie wegen der vielen frei herumlaufenden und wieder in Amt und Würden befindlichen Altnazis verabscheute. Sie schrieb für die Zeitschrift »New Yorker« über den Prozess gegen Eichmann in Jerusalem, wo sie an ihm die »Banalität des Bösen« entdeckte – eine Beschreibung, die bis heute oft missverstanden wird. Sie schrieb grundlegende Werke der politischen Philosophie, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) oder Vita activa (1958) – beide übrigens zuerst auf Englisch. Kurz: Hannah Arendt war eine Philosophin, die sich einmischte, unabhängig dachte und keine Probleme damit hatte, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Auch mehr als 40 Jahre nach ihrem Tod ist sie eine Art Ikone der politischen Philosophie und des antitotalitären Denkens.

Privatleben Doch über die Person Hannah Arendt, wie sie liebte, dachte und im Privatleben war, ist nach wie vor nicht allzu viel bekannt. Eine sehr verdienstvolle – und an mehreren Stellen auch überraschende – Ergänzung ist in dieser Hinsicht die gerade veröffentlichte Korrespondenz Arendts mit fünf sehr unterschiedlichen Freundinnen. Die Briefwechsel unter dem Titel Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen könnten unterschiedlicher kaum sein, nicht nur von den Temperamenten, Charakteren und dem Grad der Freundschaft her, sondern auch in dem, was in den Briefen erzählt und geschrieben wird.

Ihre wohl intimste Freundin unter den fünfen war Hilde Fränkel. Viel ist über sie leider nicht bekannt: Die beiden Frauen haben sich Anfang der 30er-Jahre in Frankfurt an der Universität kennengelernt, wo Fränkel mit den Mitgliedern des Instituts für Sozialforschung Kontakt hatte; sie kannte Horkheimer, Adorno und den Theologen Paul Tillich, mit dem sie eine Liebesbeziehung hatte. Wahrscheinlich über Argentinien floh sie nach New York, wo sie Arendt und Tillich Anfang 1940 wiedertraf. Mit dem verheirateten Tillich, den sie in den Briefen immer »den Meinen« nannte, ging die Liebesgeschichte weiter, und als seine Mitarbeiterin transkribierte sie seine Manuskripte.

Liebesgeschichte Aber nicht darum ging es im Briefwechsel. Denn auch mit Arendt verband sie eine Art Liebesgeschichte. Welcher Art genau, ist nicht klar. Einmal schreibt Arendt: »Ich kann Dir schlecht sagen, wie viel ich Dir verdanke; nicht nur an Aufgelockertheit, welche aus der Intimität mit einer Frau, so wie ich sie nie gekannt habe, kommt, sondern an unverlierbarem Glück der Nähe«, und meint: »Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen.« Sie schickt ihr rote Rosen, und als Fränkel an Krebs stirbt, sitzt sie tagelang an ihrem Sterbebett, abwechselnd mit Tillich. Fränkel war für sie »erotisch genial veranlagt«. Es sind sehr private Briefe, die die beiden tauschen, auch wenn es immer wieder um Deutschland und die Politik ging – natürlich auch um Tillich, der nach Deutschland zurückwollte, was beide zu verhindern suchten.

Solch ein tiefgehend persönlicher Austausch ist in diesem Buch aber die Ausnahme: Obwohl Anne Mendelsohn eine Jugendfreundin Arendts war, tauschten sie sich mehr über Politisches aus, denn Mendelsohn engagierte sich nach dem Krieg in der europäischen Politik. Zudem hat die »beste Freundin« Arendt eine Sammlung von Rahel-Varnhagen-Büchern geschenkt, als diese mit ihren postdoktoralen Forschungen über »das Problem der deutsch-jüdischen Assimilation, exemplifiziert an dem Leben der Rahel Varnhagen« beginnt.

Sprache Charlotte Beradt, die später als Schriftstellerin und Journalistin berühmt wurde, hatte eine Liebesbeziehung zu Arendts Mann Heinrich Blücher – die in den Briefen nie thematisiert wurde. Sie sammelte Zeitungsausschnitte über Arendt und besorgte einige der ersten Übersetzungen ihrer Bücher. Rose Feitelson half Arendt vor allem, den englischen Text von The Origins of Totalitarianism und Human Condition zu schreiben. Das war wichtig, weil bei Arendt Sprache und Inhalt sehr stark voneinander abhängig waren und einander bedingten, und das Englische konnte sie nicht so spielerisch und assoziativ einsetzen wie das Deutsche, während Feitelson eine starke literarische Begabung hatte.

Wichtig war auch während der McCarthy-Ära ihre politische Unabhängigkeit und die treffsichere Charakterisierung der New Yorker Intellektuellen, von denen sich nicht wenige als Opportunisten entpuppten. Feitelson war eine wichtige jüdische Freundin, die sie später regelmäßig zu den Sederfeiern einlud; Arendt hat sie immer angenommen. Und Helene Wolff war vor allem die Verlegerin, für die Arendt schrieb, für die sie unter anderem Ausgaben von Walter Benjamin herausgab, durch die er in den USA bekannt wurde, und Karl Jaspers, einem alten Freund Arendts, dessen The Great Philosophers 1962 erschien.

Viele Facetten einer faszinierenden Frau lernt man hier kennen: wie sie Freundschaften auf verschiedenen Ebenen führen konnte, die oft mit einer gewissen Zärtlichkeit einhergingen (so nennt sie Anne Weil »Mon Cher Petit«), aber auch Auseinandersetzungen nicht scheute, und oft vom Privaten ins Politische und zurück changierte. Die Kommentare und Einführungen zum Band und den einzelnen Freundinnen sind sehr ausführlich und erhellend, manchmal aber auch ein wenig akademisch geschrieben und das Ganze fast mit Gewalt auf eine philosophische Ebene zerrend – was ganz unnötig ist.

Hannah Arendt: » Wie ich einmal ohne Dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen«. Piper, München 2017, 688 S., 38 €

Fernsehen

Empathie im Dschungelcamp: Und dann reicht Gil Ariel die Hand

Die elfte Folge steckte voller Überraschungen

von Martin Krauß  02.02.2026

Kommentar

Antisemitismus im »Safe Place«: Die Kunstakademie Düsseldorf macht’s möglich

Eine Kunstakademie sollte Räume für kritisches Denken öffnen - aber nicht für Ideologien, die Menschenfeindlichkeit salonfähig machen

von Nicole Dreyfus  02.02.2026

Kino

»Disclosure Day«: Steven Spielberg bringt neuen Alien-Film ins Kino

Der jüdische Regisseur legt mit seinem neuen Sci-Fi-Drama ein geheimnisvolles Werk vor, das einen ganz neuen Ansatz verfolgen soll

 02.02.2026

Meinung

Antisemitismus auf Sendung

RTL zeigte ein Video zu einem »Betrüger-Gen« von Gil Ofarim – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Das muss Konsequenzen haben

von Ayala Goldmann  02.02.2026

TV

»Stefan Raab Show« unterstellt Gil Ofarim »Betrüger-Gen«

In seiner »Dschungelcamp«-Nachlese greift der Showmaster in einem Einspieler auf antisemitische Stereotype zurück

von Ralf Balke  02.02.2026

Los Angeles

Jack Antonoff gehört zu den jüdischen Grammy-Gewinnern

Der Sänger, Songschreiber und Produzent aus New Jersey war mehrfach nominiert. Welche Juden gewannen noch?

von Imanuel Marcus  02.02.2026

Fernsehen

»Du bist ein kranker Lügner«

Ariel attackiert Gil Ofarim und Mirja muss raus: So war die zehnte Folge des Dschungelcamps

von Martin Krauß  01.02.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  01.02.2026

Musik

»Ich werde alles geben«

Noam Bettan, Israeli mit französischen Wurzeln, vertritt sein Land beim Eurovision Song Contest in Wien

von Sabine Brandes  01.02.2026