Musik

Erneuerer und Erzieher

Lebte mehrere Jahre im Exil in Argentinien: Michael Gielen, der heute seinen 90. Geburtstag feiert Foto: dpa

Die spektakulärste künstlerische Leistung des Dirigenten Michael Gielen, der am 20. Juli 90 Jahre alt wird, war die Uraufführung der Oper Die Soldaten. Das Werk galt als unaufführbar, der Komponist Bernd Alois Zimmermann verlangte drei Dirigenten.

Gielen wagte 1965 in Köln das Alleindirigat. Erschwerend kam hinzu: Die Partitur war zur Premiere noch nicht komplett gedruckt, Gielen musste zwei Drittel des Werks aus der Handschrift dirigieren. Am gravierendsten aber war der Widerstand im Orchester. Viele der Musiker waren noch zu Zeiten der NS-Diktatur ausgebildet worden, ohne Kontakt zur modernen Musik. »Es gab viele falsche Noten«, sagte Gielen später in einem Interview. Trotzdem war die Uraufführung ein Erfolg, die Oper setzte sich danach international schnell durch.

Unrecht Zimmermann hatte mit dem Theaterstück Die Soldaten des Sturm- und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz eine gute Vorlage gewählt: Das Schicksal von Marie, die unter den Soldaten zur Prostituierten wird, bewegte die Zuschauer. Die hoch komplizierte Partitur begann zu leben, und der zentrale Satz des Werks wurde als Botschaft verstanden: »Und müssen denn die zittern, die Unrecht leiden, und die allein fröhlich sein, die Unrecht tun?«

Michael Gielen ist selbst dem Unrecht begegnet. Er hat mehrere Jahre im Exil in Argentinien gelebt, wohin die Familie 1940 von Österreich aus geflohen war – seine Mutter war Jüdin. Geboren wurde er am 20. Juli 1927 in Dresden. Sein Vater war der Schauspieler und Regisseur Josef Gielen, der vor und nach dem Exil am Wiener Burgtheater engagiert war und 1948 dort Direktor wurde.

Michael Gielen ist mit Musik aufgewachsen und fing schon 1946 an zu komponieren. Zurück in Europa, hat er sich intensiv mit klassischer und zeitgenössischer Musik beschäftigt, begann zu dirigieren. Er hat sich das Konzert- und Opern-Repertoire erarbeitet, die symphonischen Werke von Bach bis Mahler und die wichtigen Opern des 18. bis 20. Jahrhunderts. »Schubert trifft mich an einem Punkt wie kaum eine andere Musik«, so sein Bekenntnis zu einem Lieblingskomponisten.

Stationen Er war unter anderem an der Wiener Staatsoper, der Königlichen Oper in Stockholm, dem Belgischen Nationalorchester in Brüssel sowie an der Niederländischen Oper in Amsterdam. Sein Dirigat war sehr direkt, oft auch schneller als gewohnt. Er vermied jede Glätte, auch bei italienischen Belcanto-Opern.

Als er 1977 Direktor der Oper Frankfurt wurde, war sein Stil vielen Zuschauern zu modern. Das galt auch für die von ihm verpflichteten Regisseure, besonders Ruth Berghaus, Alfred Kirchner und Hans Neuenfels – Vertreter eines modernen Regietheaters. Zum Skandal wurde Verdis Aida. Neuenfels hat das Werk in die Gegenwart verlegt, Aida war eine Putzfrau. Je länger Gielen aber in Frankfurt arbeitete, desto mehr gewann er das Publikum. Auch Aida wurde Kult.

Triumphal endete nach zehn Jahren seine Intendanz mit Wagners Ring des Nibelungen, inszeniert von Ruth Berghaus, dirigiert von Gielen. Nach der letzten Aufführung der Götterdämmerung musste er immer wieder vor den Vorhang treten, 72 Minuten lang.

Nach den Frankfurter Jahren leitete er bis 1996 das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden, er blieb von 1998 bis 2014 Gastdirigent, wurde schließlich Ehrendirigent. Ab den 90er-Jahren war er auch ständiger Gast bei beiden Berliner Orchestern, dem Konzerthausorchester und der Staatskapelle.

moderne Neben dem klassischen Konzert- und Opernrepertoire hat Gielen sich in Berlin besonders der Musik des 20. Jahrhunderts gewidmet. Wenn Gielen ein Orchester regelmäßig dirigierte, sorgte er nicht nur für interessante, attraktive Programme, er wirkte auch als Orchestererzieher. Mit den Musikern hat er die großen symphonischen Zyklen von Beethoven, Bruckner und Mahler erforscht und ihnen die Moderne nahegebracht, besonders die neue Wiener Schule mit und um Alban Berg, bei der noch immer ein Nachklang von Schubert zu hören ist.

Im Jahr 2014 leitete Gielen – nun 87 Jahre alt – sein letztes Konzert. Er lebt heute am Mondsee im Salzkammergut in Österreich. Obwohl er nie die Popularität von Furtwängler oder Karajan erreichte, gehört er zu den großen Musikergestalten der letzten 50 Jahre. Er wirkte nicht nur nach außen, zum Publikum hin, sondern auch nach innen. Michael Gielen hat dem Musikbetrieb neue Werke erschlossen und er hat neue Maßstäbe gesetzt.

Beverly Hills

Timothée Chalamet und Seth Rogen gewinnen Golden Globes

Welche jüdischen Schauspieler und Filmemacher steckten in der vergangenen Nacht Trophäen ein? Welche nicht?

von Imanuel Marcus  12.01.2026

Aufgegabelt

Weißkohl-Salat

Rezepte und Leckeres

 11.01.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wettergespräche oder Warum ich Kälte einfach so aushalte

von Nicole Dreyfus  11.01.2026

Literatur

Im Tunnel

Eli Sharabis Erinnerungen an seine Geiselhaft in Gaza sind ein Manifest der Menschlichkeit. Ein Buch voller Grausamkeit, aber ohne Hass

von Maria Ossowski  10.01.2026

Reimund Leicht

»Präsenz und Sichtbarkeit verstärken«

Der Leiter des Judaistik-Instituts an der FU Berlin über Herausforderungen auf dem Campus, die vakante zweite Professur und Lehre zu jüdischer Kultur im modernen Israel

von Ayala Goldmann  09.01.2026

Berlin

Dschungelcamp-Kandidatin stichelt gegen Gil Ofarim: »Ganz übel«

Die Teilnahme des jüdischen Musikers sorgt für heftige Reaktionen. Nun wirft ihm auch Kandidatin Belstler-Boettcher Fehlverhalten in der sogenannten Davidstern-Affäre vor

 09.01.2026

Osnabrück

Christian Berkel hat zu viele Bücher

Das Problem: »Wir haben mal versucht, eine alphabetische Ordnung in den Bücherschrank zu bringen, aber mittlerweile liegen die Neuen einfach obenauf«, so der jüdische Autor und Darsteller

 09.01.2026

Berlin

Swing-Konzert nach Hüftoperation

Nur Tage nach dem Eingriff will Andrej Hermlin wieder auf der Bühne sein. Unter anderem steht ein großes Konzert in der Philharmonie an

von Imanuel Marcus  08.01.2026 Aktualisiert

Trauer

Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist tot

Der Bildhauer Hubertus von Pilgrim ist im Alter von 94 Jahren in Pullach bei München gestorben. Internationale Bekanntheit erlangte er durch sein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarschs vom April 1945

 08.01.2026