Yitzhak Rabin

Erinnerung an einen Mord

Das »Friedenslied« steht auf dem blutbefleckten Stück Papier, das Yitzchak Rabin bei seiner Ermordung in seiner Brusttasche trug. Foto: picture-alliance / dpa

Yitzhak Rabin

Erinnerung an einen Mord

Wie ich am 4. November 1995 im Café Moment in der Jerusalemer Azza Street vom tödlichen Anschlag auf Israels Ministerpräsident in Tel Aviv erfuhr

von Ayala Goldmann  04.11.2025 17:04 Uhr

Es war gegen Abend, als ich das Café Moment in der Azza Street in Jerusalem betrat. Mein Stammcafé als Studentin, ich wohnte in Rechavia gleich um die Ecke. Ich war an diesem Schabbat nicht nach Tel Aviv gefahren, um Yitzhak Rabins Friedenskurs zu unterstützen. »Demonstrationen für die Regierung sind in demokratischen Staaten unnötig« – ähnlich hatte es ein Kommentar im Radio ausgedrückt.

Ich nahm seine Meinung zum Anlass, um mich zu drücken – war ich doch auf vielen Kundgebungen auf dem »Platz der Könige Israels« in Tel Aviv gewesen, der heute Rabin-Platz heißt. Für Frieden, gegen Rassismus, wie nach dem Massaker von Baruch Goldstein, der im Februar 1994 während des Gebets in der Ibrahim-Moschee in Hebron 29 Palästinenser erschossen hatte. Diesmal, mehr als eineinhalb Jahre später, hatte ich keinen Bock auf Demo, wollte ein ruhiges Wochenende und im Café sitzen.

Als ich von der Straße durch die offene Tür in das winzige Lokal ging, stellten die Kellner die Stühle auf die Tische. Baten alle Gäste zu gehen. Jemand war gestorben, hörte ich. Ein Stammgast? Warum sonst sollten sie das Café schließen? Ich fasste mir ein Herz und fragte: »Wer ist tot?« »Rabin. Man hat auf ihn geschossen«, sagte einer der Kellner knapp. Ich rannte sofort nach Hause in die Binyamin Mitudela Street, die Treppen in den fünften Stock zu einer Nachbarin, mit der ich befreundet war.

4. November 1995. Einen Ministerpräsidenten wie Yitzhak Rabin hat Israel seit diesem Tag nie wieder gehabt.

Den Rest des Abends verbrachten wir vor dem Radio. Hörten Rabins Bürochef Eitan Haber im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv, seine Erklärung, die sich anhörte wie ein einziger Schrei: »Die israelische Regierung gibt mit großem Schmerz und tiefer Trauer bekannt …« (im Hintergrund schrien auch die israelischen Journalisten, die sofort verstanden, was los war: »NEIN!«), und dann wieder Haber: »den Tod des Ministerpräsidenten und Verteidigungsministers Yitzhak Rabin, der heute Abend durch einen Attentäter in Tel Aviv ermordet wurde. Sein Andenken sei gesegnet!«

4. November 1995. Einen Ministerpräsidenten wie Yitzhak Rabin hat Israel seit diesem Tag nie wieder gehabt. Einen, über den der israelische Starjournalist Nahum Barnea unlängst in der Wochenendbeilage von »Yedioth Ahronoth« schrieb: »Ihn hätte man aufgeweckt.« (Der Kommentator meinte die Nacht zum 7. Oktober 2023, als der amtierende Ministerpräsident erst am Morgen von der Armee benachrichtigt wurde.)

Einen, der 1977 als Ministerpräsident zurücktrat wegen zwei unerlaubter Devisenkonten seiner Frau in den USA, auf denen sich etwas mehr als 20.000 Dollar befanden. Einen, für den der damalige US-Präsident Bill Clinton beim Staatsbegräbnis am 9. November 1995 die berühmten Worte fand: »Yitzhak Rabin was my partner and my friend. I admired him, and I loved him very much. (…) Schalom, Chaver.«

Auch das Café Moment gibt es nicht mehr. Bei einem Terroranschlag der Hamas im März 2002 wurde es komplett verwüstet, elf Israelis kamen ums Leben.

Auch das Café Moment gibt es nicht mehr. Bei einem Terroranschlag der Hamas im März 2002 wurde es komplett verwüstet, elf Israelis kamen ums Leben, mehr als 60 wurden verletzt. Solche Anschläge haben viele dazu gebracht, nicht mehr an den Frieden zu glauben.

Ich verstehe das. Aber ich kenne keinen anderen Weg. Und ich finde keine besseren Worte als das »Schir La-Shalom«, das »Lied des Friedens«, das Rabin auf der Demo am 4. November 1995 als Manuskript bei sich trug und mitsang – in falscher Tonlage mit seinem tiefen Bass. Das Lied von Yaakov Rotblit von 1969, das sich jetzt anhört wie Rabins Vermächtnis: »Hebt die Augen in Hoffnung, anstatt durch Visiere zu schauen. (…) Sagt nicht, der Tag wird kommen, sondern führt den Tag herbei.«

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