Fernsehen

Empathie im Dschungelcamp: Und dann reicht Gil Ariel die Hand

Vielleicht sind wir, die wir gerne in fremden Küchen Partys feiern, näher dran an den B-Promis als an denen, die als etwas Besseres gelten? Foto: RTL / Hintergrund KI-generiert

Wir und die. Vergleichen wir doch einfach mal eine ganz übliche Party, die so normal ist, dass auch unsereins eingeladen wird, mit dem RTL-Dschungelcamp.

Es fällt auf, dass keine In-der-Küche-rumsteh-Party ohne Gespräch über Trump und Nahost auskommt. Auch über Persönliches wird in Kühlschranknähe getratscht: der neue Job, der letzte Urlaub oder um die Kinder geht es, wenn wir bei Freunden eingeladen sind.

Lädt aber RTL ein, gibt es andere Diskussionsthemen: Wer von den Anwesenden ist ein Lump, wer eine Schlampe, und darf eine Frau eigentlich einen Bikini tragen? Tatsächlich wurde und wird in diesem Freiluftfernsehstudio genau über so etwas geredet. Und wir sollten vor der letztlichen Bilanz dieses Dschungeltages doch zumindest dies festhalten: Solch merkwürdiges Geschwätz ist nichts, was man sich in einer besseren Welt anhören möchte.

Die Daueranfeindungen gegen Eva passen in dieses Muster. Ihr wurde zuletzt vorgeworfen, mit Patrick geflirtet zu haben, obwohl der doch auch, what a word: »vergeben« ist. Und, shocking, sie trägt Bikini. Das ist der Dschungeltrash, der diese Sendung groß gemacht hat. 

In dieser Folge nun haben Eva und Gil sich freundlich unterhalten. Es war eine Situation, die schaut man sich die Gesamtdramaturgie der Sendung an, auf der Kippe stand. Denn es hätte zu neuen Angriffen führen können nach dem Muster: Da baggert diese Eva den verheirateten Gil an!

Doch die laufende elfte Sendung kippte in eine andere, viel interessantere Richtung. Plötzlich unterhielten sich viele Camper über Sorgen und Ängste, die sie haben. Die von vielen Zuschauern und den meisten Dschungelkandidaten als anstrengend empfundene Ariel sprach anrührend über ihr Kind, und — ausgerechnet! — Gil war es, der aufstand, sich bei der verdutzten jungen Frau für die offenen Worte bedankte — und er gab ihr die Hand. Eine Umarmung hätte vielleicht die Stimmung kippen lassen, aber der Händedruck sandte genügend Signale aus: Empathie kann im intimen Raum stattfinden, sogar dann, wenn dieser Raum nur pseudo-intim ist, weil doch überall Kameras aufgebaut sind.

Die Szene war in jedem Fall um Längen sympathischer als das, was außerhalb des Camps geschieht. Auffällig wurde nämlich kein B-Promi, sondern einer der gemeinhin als A-Promi gilt. In Stefan Raabs Show, die RTL mit einer Stunde Abstand sendet — dazwischen ist noch das unangenehme Wichtigtuer-Format »Die Stunde danach« — wurde Gil Ofarim in leider allzu bekannter Manier ein »Betrüger-Gen« angedichtet, das er einem erfundenen »Onkel Samuel«, also einem Mann mit jüdischen Namen, zu verdanken habe.

Lesen Sie auch

Das ist schon bemerkenswert: Die Abrufung übelster Vorurteile fand gerade nicht im ungescripteten Camptalk statt, wo wir zwar so manchen Fehltritt erleben mussten, aber nicht so etwas. Die Entgleisung geschah vielmehr da, wo ein Team von lauter professionellen Gagschreibern mal so richtig witzig die Botschaft des Dschungelcamps aufgreifen wollte, so wie sie den Streit um Gil verstanden haben. Wir sollten es Medienwirkung nennen. Oder es als dringendes Plädoyer verstehen, dieses alljährliche Medienevent gefälligst ernst zu nehmen!

Die Dschungelcamper sind nicht so schlecht wie ihr Ruf. Und so schlecht, wie so manch Arrivierter sind sie schon lange nicht. Wir sollten uns von Stefan Raab abwenden, was die hiesigen TV-Verantwortlichen ruhig auch tun sollten. Und wir sollten zugeben, dass die B-Promis, die im Dschungel um ihren guten oder schlechten Ruf kämpfen, mehr Respekt verdient haben.

Vielleicht sind wir, die wir gerne in fremden Küchen Partys feiern, näher dran an den B-Promis als an denen, die als etwas Besseres gelten.

Kommentar

Antisemitismus im »Safe Place«: Die Kunstakademie Düsseldorf macht’s möglich

Eine Kunstakademie sollte Räume für kritisches Denken öffnen - aber nicht für Ideologien, die Menschenfeindlichkeit salonfähig machen

von Nicole Dreyfus  02.02.2026

Kino

»Disclosure Day«: Steven Spielberg bringt neuen Alien-Film ins Kino

Der jüdische Regisseur legt mit seinem neuen Sci-Fi-Drama ein geheimnisvolles Werk vor, das einen ganz neuen Ansatz verfolgen soll

 02.02.2026

Meinung

Antisemitismus auf Sendung

RTL zeigte ein Video zu einem »Betrüger-Gen« von Gil Ofarim – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Das muss Konsequenzen haben

von Ayala Goldmann  02.02.2026

TV

»Stefan Raab Show« unterstellt Gil Ofarim »Betrüger-Gen«

In seiner »Dschungelcamp«-Nachlese greift der Showmaster in einem Einspieler auf antisemitische Stereotype zurück

von Ralf Balke  02.02.2026

Los Angeles

Jack Antonoff gehört zu den jüdischen Grammy-Gewinnern

Der Sänger, Songschreiber und Produzent aus New Jersey war mehrfach nominiert. Welche Juden gewannen noch?

von Imanuel Marcus  02.02.2026

Fernsehen

»Du bist ein kranker Lügner«

Ariel attackiert Gil Ofarim und Mirja muss raus: So war die zehnte Folge des Dschungelcamps

von Martin Krauß  01.02.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  01.02.2026

Musik

»Ich werde alles geben«

Noam Bettan, Israeli mit französischen Wurzeln, vertritt sein Land beim Eurovision Song Contest in Wien

von Sabine Brandes  01.02.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Veränderung oder Die Welt von gestern ist nicht mehr

von Nicole Dreyfus  01.02.2026