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Eine Haggada für alle Fälle

»Letztes Jahr war hart. Will noch jemand einen Drink?«: Die Bandbreite reicht von liberal über orthodox bis hin zu popkulturell geprägten Haggadot. Foto: Getty Images

Wieder kein Pessach in Israel, wieder kein großer Tisch mit Familie, Verwandten, Freunden und spielenden Kindern, wieder ein viel zu dünnstimmiges Dajenu, wieder keine Umarmungen, wieder keine zuckersüßen Mimouna-Mufletot von meiner Schwiegermutter!

In Deutschland hält uns Corona weiterhin auf Tausende-Kilometer-Abstand. Einziger Unterschied: Der längst geimpfte israelische Familienteil passt diesmal in ein einziges Zoomfenster.

hoffnung Und wieder sagen wir voller Hoffnung und noch ein bisschen entschiedener: »Nächstes Jahr in Jerusalem!« Doch auch wenn im Pandemie-Jahr 2021 viele Menschen erneut im kleinsten Kreis am Sedertisch sitzen werden, immerhin eines scheint unverändert: die Begeisterung für neue Haggadot!

Und wieder sagen wir voller Hoffnung und noch ein bisschen entschiedener: »Nächstes Jahr in Jerusalem!«

Und die Begeisterung ist so groß, dass die neue, an die aktuelle Situation angepasste Chabad-Ausgabe in den USA in Amazons Haggadot-Ranking sogleich auf Platz eins geschossen ist. Der Text sei »geboren mitten im Lockdown, in dem viele das erste Mal den Seder allein verbringen mussten, ohne Unterstützung durch ältere Familienmitglieder«, sagen die Herausgeber.

Allerdings wird diese Anleitung in hebräischer und englischer Sprache immer mal wieder von der ungeduldigen 30 Minuten Haggada auf Platz zwei verbannt. Dabei, wenn wir gerade von etwas zu viel haben, dann ist es doch Zeit. Genau das Richtige, um selbst kreativ zu werden.

Die Website Haggadot.com lädt gegen Angabe der E-Mail und mit einem Spendenaufruf dazu ein, sich seine eigene Haggada zu basteln. Als Formate stehen traditionell, liberal oder säkular zur Auswahl, und dann geht es auch gleich los. Mit eigenen Fotos oder kleinen Videos, Texten und Bildern aus der Haggadot.com-Bibliothek und ganz eigenen Worten entsteht die personalisierte Haggada.

mütter Wem in der Corona-Krise für Bastelarbeiten die Nerven fehlen, dem hilft vielleicht Bari Mitzmanns Hakol Be’Seder-Haggada mit Meditations-Anleitung und Ratschlägen von Chefs, Therapeuten und Müttern sowie lautem Nachdenken über Einsamkeit und die Abhängigkeit von digitalen Gadgets. Wenn dann am Sederabend doch nicht alles gut ist, gibt es auch noch ein Rezept für einen Cocktail.

Wer es politischer mag, der kann sich über Dave Cowens The Biden-Harris-Haggadah. Thank G’d! freuen, in der unter anderem der Chef-Epidemiologe der USA, Dr. Fauci, auftritt und das erste Glas Wein mit den Worten segnet: »Letztes Jahr war hart. Will noch jemand einen Drink?«

Außerdem gibt es eine #BlackLivesMatter-Haggada und eine für Menschen der LGBTQ-Community, für einen Seder voll des »Stolzes und der Freiheit«. Die Künstlerin Emily Marbach wiederum hat mit ihrer Collage Haggadah einen gender-neutralen und auch sonst sprachlich modernisierten, künstlerisch neuen Text geschaffen.

Zu artsy? Es gibt auch eine neue Seinfeld-Haggada! Diesmal von Rabbi Sam Reinstein, der sein Werk, bis oben hin voll mit Referenzen an die gefeierte Serie aus den 90ern, The Haggadah About Nothing nennt. Der Seder solle den Menschen dabei helfen, den konstanten Wandel in ihrem Leben zu fühlen, so Reinstein, etwas, das den Serienfiguren Jerry, Elaine, George und Kramer in neun Staffeln versagt geblieben ist.

marvel Konstanter Wandel in der Natur und wie der Mensch davon und damit lebt, ist das Thema von Ethnobotanist Jon Greenberg in dessen Fruits of Freedom Haggadah. Es waren übrigens die hart arbeitenden Frauen und Männer der Kibbuz-Bewegung in Israel, die seinerzeit begeistert damit anfingen, im großen Stil neue Haggadot zu entwerfen und an das eigene Weltbild anzupassen. Die Anfänge einzelner überarbeiteter Haggadot gehen zurück bis ins 13. Jahrhundert, aus der Zeit stammt zum Beispiel die berühmte Vogelkopf-Haggada.

Und dann ist da noch die Superhero Haggadah, in der Rabbi Moshe Rosenberg die Helden der Marvel-Comics und -Filme der Infinity Saga an den Sedertisch bringt – Karpas und Charosset mit Hulk, Thor, Iron Man und Black Widow. Der Jeschiwa-Lehrer, der Harry-Potter-Fans einst die (inoffizielle) Hogwarts-Haggadah bescherte, fand so viel Menschlichkeit in den Comic- und Kinohelden, dass er sie für »wunderbare Vorbilder« hält. »Sie suchen nach Bedeutung im Leben, genauso wie wir.«

Apropos Superhelden und Pessach: Ist Ihnen eigentlich schon mal die Ähnlichkeit der Geschichten von Superman und Moses aufgefallen?

Apropos Superhelden und Pessach: Ist Ihnen eigentlich schon mal die Ähnlichkeit der Geschichten von Superman und Moses aufgefallen? Das Kind, das von den Eltern verlassen in eine fremde Welt geschickt wird, wo es aufwächst und sich selbst finden muss … Tatsächlich waren die Superman-Erfinder Jerry Siegel und Joe Shuster Söhne jüdischer Einwanderer. Und Supermans »echter« Name lautet Kal-El … Just sayin’.

humor Aber vor der Superman-Haggada steht leider noch die Pandemie-Haggada. »Bis zur Impfung und bis alle sich an Selbstisolation und Distanz halten« sei Humor das einzige Mittel, »das uns im Kampf gegen die elfte Plage hilft«, sagt Autor Martin Bodek, der bereits 2020 seine Coronavirus-Haggada veröffentlichte.

Von Rabbi Rachel Silverman gibt es in diesem Jahr die Covid-19-Haggada-Beilage. »Dieses Pessach wird wie kein anderes sein, und es ist wichtig, dass wir die Situation, in der wir uns befinden, respektieren«, heißt es darin. »Wir sind vorsichtig und bedacht, aber nicht mehr so besorgt und angsterfüllt wie im vergangenen Jahr. Wir blicken nach vorn in eine hellere Zukunft, aber wir wissen auch, dass wir es noch nicht hinter uns haben.«

Amen. Und wir wissen: Auch das wird vorübergehen.

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