Podcast

»Eine Erfolgsgeschichte«

Biografisches und Historisches sind oftmals eng miteinander verwoben. So wie im Fall von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, dessen Leben in vielerlei Hinsicht die Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in der Nachkriegszeit widerspiegelt, wie es Philipp Peyman Engel, Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, gleich zu Beginn des Gesprächs mit ihm in der ersten Folge der neuen Podcast-Reihe »Schon immer Tachles« des Zentralrats auf den Punkt bringt.

Der Anlass des neuen Podcasts: Der Zentralrat der Juden feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen. Am 19. Juli 1950 wurde die politische Vertretung der jüdischen Gemeinschaft in Frankfurt am Main gegründet.

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BIOGRAFIE 1954 in Haifa geboren, zog Josef Schuster mit seiner Familie, deren Wurzeln in Unterfranken weit in das 16. Jahrhundert hinein reichen, 1956 nach Würzburg, wo er zur Schule ging, in der jüdischen Gemeinde aktiv wurde und viele Jahrzehnte als Mediziner tätig war.

So kurz nach der Schoa zurück ins Land der Täter – das war eine Herausforderung. »Für viele Juden war Deutschland deswegen wohl eher eine Zwischenstation«, skizziert Schuster die gängige Haltung in jener Zeit. Aber nicht für die Schusters. »Ich bin nicht mit der These aufgewachsen, nur vorübergehend in Deutschland zu leben.«

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Und das hat wohl viel mit seinem Vater zu tun, der bereits 1958 Gemeindevorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg wurde und später der Ratstagung des Zentralrats angehörte. »Schon damals bekannte er sich ganz offen zu einem jüdischen Leben in Deutschland.«

Zu diesem Zeitpunkt war dies eine Minderheitenmeinung. »Denn niemand hätte sich vor 70 Jahren im entferntesten Sinne vorstellen können, dass es heute zwischen Konstanz und Kiel über 100 Gemeinden gibt und mehr als 150.000 Juden leben«, führt Schuster aus.

PROVISORIUM Auch ein Jubiläum wie der 70. Jahrestag der Gründung des Zentralrats wäre aus der Sicht der frühen 50er-Jahre wohl undenkbar gewesen. »Man verstand sich als ein Provisorium«, so Schuster. »Eine Art Hilfsverein, der Menschen dabei unterstützt, in ein anderes Land weiterzuziehen.«

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Das änderte sich erst in den Jahren, als Werner Nachmann Zentralratspräsident war und er sich in öffentlichen Statements für ein dauerhaftes jüdisches Leben in Deutschland positionierte. Zudem gab es in den 70er-Jahren eine gewisse Aufbruchstimmung. »Es wurden vom Zentralrat Rahmenbedingungen geschaffen, um die jüngere Generation gezielter anzusprechen.«

Auch das Konzept der Einheitsgemeinde, in der alle Strömungen unter einem Dach vereint sind, hat sich in diesem Kontext bewährt. »Frankfurt ist für mich ein Musterbeispiel«, betont Schuster. »Auf der Freiherr von Stein-Straße finden heute nacheinander drei Gottesdienste statt, und zwar ein orthodoxer, dann ein traditioneller und schließlich ein liberaler mit einer Rabbinerin. Das Dach hält.«

»Frankfurt mit seiner Einheitsgemeinde ist für mich ein Musterbeispiel«, betont Schuster.

Als Erfolgsmodell bezeichnet Schuster die Integration der großen Anzahl von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, die vor 30 Jahren alle Beteiligten herausforderte. »Heute sind bereits die zweite und dritte Generation in den Gemeinden aktiv. Die Zuwanderung war auf jeden Fall ein Segen für unsere Gemeinschaft.«

Das gelte auch und besonders für viele kleinere Städte wie Würzburg. »Ohne die Zuwanderer hätte die Gemeinde meiner Heimatstadt kaum eine Chance für die Zukunft gehabt. Heute zählt sie wieder über 1000 Mitglieder.«

DIALOG Schuster berichtet zudem über aktuelle Projekte des Zentralrats, die mit dazu beitragen können, die Außenwahrnehmung der jüdischen Gemeinschaft zu schärfen, wie zum Beispiel die jüdisch-muslimische Dialog-Initiative Schalom Aleikum. »Auf diese Weise zeigt sich, dass das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen gar nicht so schlecht ist, wie allgemein angenommen.«

Und auch »Meet a Jew«, die Begegnung von jungen jüdischen Referenten mit Gleichaltrigen an Schulen, Universitäten und Sportvereinen, hat sich bewährt. »Allein deshalb, weil viele Teilnehmer an solchen Treffen merken, dass ihre Sorgen und Nöte sich kaum wesentlich voneinander unterscheiden.«

»Die Koffer sind ausgepackt und bleiben ausgepackt. Aber ...«

Sorge bereitet ihm die Gefahr von Rechts. »Der Anschlag von Halle im vergangenen Jahr war zweifelsohne das einschneidendste Ereignis in der Zeit, die ich nun im Amt bin. Jom Kippur war an diesem Tag am Mittag für mich bereits zu Ende.« Und die Tatsache, dass die Sicherheitsbehörden in einigen Bundesländern die Problematik des mörderischen Antisemitismus immer noch nicht verstanden haben, macht die Situation noch schlimmer.

Während seine Vorgänger im Amt wie Charlotte Knobloch oder Dieter Graumann davon sprachen, dass »die Koffer ausgepackt« seien oder man vielleicht wieder überlege nachzuschauen, wo »sich die Koffer befinden«, lautet Schusters Formel: »Die Koffer sind ausgepackt und bleiben ausgepackt. Sehr wohl aber habe ich das Gefühl, dass der eine oder andere vielleicht doch nachschaut, wo der Koffer gerade steht.« ja

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