Cannes-Rückblick

Ein Tag im Oktober 1944

In Cannes gefeiert: Regie-Debütantin Natalie Portman und László Nemes, Gewinner des Großen Preises Foto: dpa

Cannes-Rückblick

Ein Tag im Oktober 1944

László Nemes gewinnt mit »Sohn von Saul« den Großen Preis beim Filmfestival

von Rüdiger Suchsland  26.05.2015 14:15 Uhr

Er wurde bereits am zweiten Festivaltag vorgeführt und war danach bis zum Ende einer der meistdebattierten Filme in Cannes. Und so war der Große Preis, die neben der Goldenen Palme bedeutendste Auszeichnung, für László Nemes’ Beitrag Son of Saul bei der Preisverleihung am Sonntagabend keine große Überraschung. Dem 38-jährigen Nemes, der als Assistent von Regisseur Béla Tarr bekannt wurde, ist es gelungen, schon mit seinem ersten eigenen Film in den Olymp des Weltkinos aufzusteigen – man wird noch viel von ihm hören.

Filmästhetisch ist diese Auszeichnung in jedem Fall hoch verdient. Mit einer fesselnden Kameraführung (Mátyás Erdély) folgt der Film rund 100 Minuten einem einzigen Menschen auf dem Fuß: Saul Ausländer, Gefangener im Konzentrationslager Auschwitz und Mitglied jener Sonderkommandos, die aus Juden bestanden und die den Deutschen bei der Schoa gezwungenermaßen assistieren mussten. Gezeigt werden jene 24 Stunden im Oktober 1944, bevor der Aufstand des Sonderkommandos scheiterte und mit der Ermordung von über 100 Häftlingen endete.

gaskammern Um Historisches oder um die moralische Einschätzung der Sonderkommandos und die Grenze zwischen Überlebenstrieb und Kollaboration geht es im Film aber nur am Rand. Im Mittelpunkt steht die subjektive Perspektive und eine Art Einfühlung in die sinnliche Erfahrung des Alltags der KZ-Häftlinge. Indem der Zuschauer Saul (von Géza Röhrig überzeugend gespielt) bei jedem Schritt folgen kann, erlebt er nicht nur die schrecklichen Momente, in denen die Menschen in Gaskammern getrieben werden und die Sonderkommandos die Kammern für den nächsten Massenmord präparieren mussten. Die Zuschauer erleben vor allem den permanenten Stress, unter dem die Häftlinge standen, die Hektik, mit der alles vonstattenging.

Noch wichtiger als jedes Bild ist hier die Tonspur: Höllischer Lärm herrschte in der Mordmaschine – dies, nicht der genaue Blick bis an den Rand der Gaskammer, ist der Bruch, den Nemes’ Film im Verhältnis zu nahezu allen bisherigen Darstellungen der Schoa bedeutet, in denen eine geradezu heilige, andachtsvolle Stille dominierte. Problematischer ist die Darstellung des ethischen Konflikts der Hauptfigur.

Denn indem dieser verzweifelt versucht, einem einzelnen toten Jungen ein jüdisches Begräbnis zu ermöglichen, gefährdet Saul viele Mithäftlinge und den geplanten Aufstand. Hier wird der Film fast zur Kolportage, in jedem Fall ist die Entscheidung, ein Toter im Lager sei wichtiger als viele Lebende, und jede Überlebenshoffnung sei an diesem Ort sowieso zum Scheitern verurteilt, historisch wie moralisch fragwürdig.

warmherzig Ganz anders, aber nicht völlig fern von solcher Thematik, ist das Regiedebüt von Natalie Portman. Dem Hollywood-Star hatte nicht jeder vor dem Festival eine Cannes-Maßstäben genügende Regiearbeit zugetraut. Doch A Tale of Love and Darkness gehörte zu den positiven Überraschungen des Festivals, bei dem in diesem Jahr nicht allzu viele überzeugende Werke vorgestellt wurden. Die Verfilmung von Amos Oz’ Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis handelt von einer Mutter, deren Liebe zur Poesie einen entscheidenden Einfluss auf das Leben ihres Sohnes hat. Dieser Sohn ist Oz selbst, der im Buch seine Kindheit in Israel und das langsame, zu frühe Sterben seiner Mutter beschreibt.

Gedreht in hebräischer Sprache, beginnt der Film mit dem bereits erwachsenen Sohn, der in Rückblicken zunächst in das Palästina des Jahres 1945 reist. Amos Oz ist da zehn Jahre alt, Portman selbst spielt die Mutter, die von den Erinnerungen an ihre eigene Jugend gequält wird, als sie in Polen Zeugin antisemitischer Pogrome wurde. A Tale of Love and Darkness mischt Glücksmomente und den Idealismus der Gründungsjahre Israels mit dem Schmerz solcher Erinnerungen.

Zunehmend verdunkelt sich die Seele der Mutter, der Film legt nahe, dass es diese Erfahrung war, die den Sohn zum Schriftsteller machte. Dies ist eine der warmherzigsten, zugleich bewegendsten Auftritte als Darstellerin. Und ein fulminantes Debüt für die Schauspielerin, die sich mit diesem auch auf eine Suche nach ihrer eigenen Identität begab und sich ins Land und zur Sprache ihrer Kindheit zurückbewegte.

Hommage Auch zwei biografische Dokumentarfilme waren besonders sehenswert und werden hoffentlich ebenfalls den Weg ins deutsche Kino finden: By Sidney Lumet heißt Nancy Buirskis liebevolle Hommage an den großen New Yorker Regisseur. Es ist eines jener seltenen gelungenen Porträts, das nicht den üblichen Weg vieler Regisseure geht, unzählige Bekannte und »Zeitzeugen« aufzubieten und Ereignisse bloß chronologisch aneinanderzureihen.

Stattdessen kommt der im Jahr 2011 verstorbene jüdische Regisseur selbst als Einziger zu Wort. In einem langen Interview lässt er drei Jahre vor seinem Tod seine Filme ausführlich Revue passieren, erinnert sich an seine Kollegen, erzählt von seiner Familie, Einwanderern aus dem Habsburgerreich, und seinen ersten Anfängen als Schauspieler in einer jüdischen Theatergruppe.

Von diesem Film hebt sich Asif Kapadias Dokumentation Amy schon allein durch seine Protagonistin Amy Winehouse ab. Der Film lockt mit unterhaltsamen wie teilweise verstörenden Innenansichten, denn der Regisseur hatte Zugriff auf das Archiv der Familie Winehouse. Gezeigt werden private Videos, die die Sängerin vor dem großen Ruhm in Szene setzen, ihre Wurzeln im Londoner Norden und ihre jüdische Kultur schildern, als Schülerin und bei ersten Gesangsversuchen. Auch der Borderline-Charakter von Winehouse wird dargestellt. Amy ist ein origineller Film, der höchstens darunter leidet, dass er mitunter an der Fülle der Interviewschnipsel zu ersticken droht.

dämonen Ein sehenswerter Film gelang auch Elie Wajeman. Der Regisseur, der die französische und israelische Staatsbürgerschaft besitzt und 2011 in Cannes mit dem israelischen Werk Alyah über jüdische Fundamentalisten debütierte, hat mit Les anarchistes eine Art französische Version von Dostojewskis Die Dämonen gedreht. Der Film spielt 1899 in Paris, wo anarchistische Gruppen ihr radikales Gedankengut unter den Arbeitern immer mehr verbreiten. So historisch der Hintergrund ist, so cool und poppig ist die Machart. Junge schöne Menschen wollen die Welt verbessern und bewegen sich in einer moralischen Grauzone.

Zugleich ist es auch eine Verrätergeschichte. Im Zentrum steht Jean, ein Polizist, der darauf angesetzt wird, eine anarchistische Gruppe zu infiltrieren. Für Jean ist das eine einmalige Aufstiegschance, die er mit beiden Händen ergreift. Er verlässt seine Freundin, sein ganze Leben. Er bekommt Kontakt zu der Gruppe, nach einer Weile fassen sie Vertrauen, und spätestens, als er sich in die attraktive Bürgerstochter Judith (Exarchopoulos) verliebt, weiß Jean nicht mehr, welcher Seite seine Loyalität gilt.

Das ziemlich aufwendig inszenierte Werk zeigt das Paris um 1900 plausibel, illustriert die Arbeitsbedingungen und Fabriken und die aus heutiger Sicht sehr braven anarchistischen Salons. Wajeman zeigt auch den Idealismus eines Politikverständnisses, das auf Leben und Tod ging. So lässt der Film das Pathos des Anarchismus wiederauferstehen, die Frage, warum sie Anarchistin geworden sei, beantwortet Judith: »Die Leute glauben, es sei aus Hass gewesen. Aber es war aus Liebe.«

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