Film

»Ein Narzisst und Lügner«

Arbeitete mehr als vier Jahre an »Speer Goes to Hollywood«: Regisseurin Vanessa Lapa Foto: Chris Hartung

Frau Lapa, Sie haben 2014 mit »Der Anständige« einen Film über Heinrich Himmler gemacht. Ihr neuer Film »Speer Goes to Hollywood«, der bei der Berlinale seine Weltpremiere hatte, beschäftigt sich mit Albert Speer, Hitlers prominentestem Architekten. Wer wird Ihr nächster Nazi?
Gar keiner. Und ich habe die Filme über Himmler und Speer nicht gemacht, weil sie Nazis waren. Beide Male ging es mir um Archivmaterialen, die noch nie veröffentlicht worden waren. Meine Herausforderung waren diese Dokumente. An dem Film über Himmler habe ich acht Jahre gearbeitet, an dem Film über Speer vier Jahre.

Wie sind Sie auf Albert Speer gekommen, den NS-Rüstungsminister, der 1946 im Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde?
Nach einer Vorstellung von »Der Anständige« in New York kam ein Mann auf mich zu und erzählte mir, dass in den 70er-Jahren ein Hollywood-Film über Speer gedreht werden sollte, der dann aber nicht zustande kam. Er hat mich gebeten, mit dem Drehbuchautor Kontakt aufzunehmen. Das war Andrew Birkin, er hatte 1971 viele Gespräche mit Speer auf Tonband aufgezeichnet. Ich habe mir einige dieser Gespräche angehört, und damit begann meine Arbeit.

Speers Buch »Erinnerungen« (1969) war ein Bestseller. Darin beschreibt er sich als »Gentleman-Nazi«, der von den Verbrechen des NS-Regimes kaum etwas gewusst habe. Wie wirksam war diese Strategie?
Sie war lange sehr erfolgreich. Aber sie ist schon vor einiger Zeit ins Wanken geraten. 2017 erschien die fast 1000 Seiten lange Biografie »Albert Speer. Eine deutsche Karriere« des Historikers Magnus Brechtken. Sie zeigt sehr deutlich, was Speer für ein Selbstdarsteller und Lügner war. Unser Film untermauert das auf andere Art und Weise. Ich hoffe, dass Albert Speer auch dadurch in einem anderen Licht erscheint.

In dem Film werden zwei Gespräche eingeblendet, die der Regisseur Andrew Birkin mit dem Filmregisseur Carol Reed führte. Darin warnte Reed Birkin davor, auf Speer hereinzufallen – er sei nicht einmal ein guter Architekt gewesen. Was denken Sie?
Ich bin keine Architektin. Ich kann aber sagen, dass ich allein die Größe von Speers Monumentalbauten abschreckend finde. Er wusste definitiv, wie man andere beeindruckt. Aber hinter der Fassade war er ein größenwahnsinniger Narzisst, für den das Leben von Menschen keinen Wert hat, und der jeden ausnutzt, den er trifft.

Im Interview mit Andrew Birkin sagte Speer über sein erstes Treffen mit Hitler, es sei »Liebe auf den ersten Blick« gewesen. Mochte Hitler die Baupläne oder Albert Speer selbst?
Ich denke, es war beides. Sie hatten eine gemeinsame architektonische Vision. Für Hitler war Speer der Künstler, der er selbst gern geworden wäre.

Aber Speer kommt in dem Gespräch mit Birkin auch als Snob rüber – ihm fehlten die Intellektuellen in Hitlers »Hofstaat« …
Ja, er sagte, in diesem gesellschaftlichen Umfeld sei ihm langweilig. Das stimmte. Aber er war auch sehr überheblich.

Kurz vor Kriegsende verabschiedete sich Speer von Hitler – und war beleidigt, dass der Führer sich nicht nach Speers Familie erkundigte oder sich um das Schicksal des deutschen Volkes scherte. Was hatte er denn erwartet?
Speer liebte Hitler sehr. Laut dem Material, das uns vorliegt, war er von diesem letzten Treffen sehr enttäuscht. Hitler war ihm gegenüber sehr kalt. Und das machte ihn traurig. Ich habe diese Szene ausgewählt, um zu zeigen, dass Speer nicht einfach nur ein Opportunist war, der in den 30er-Jahren Arbeit suchte und deshalb auf Hitler setzte. Sie hatten vielmehr gemeinsame Projekte, eine gemeinsame Vision und eine gemeinsame Ideologie.

In dem Film geht es vorrangig darum, was Albert Speer über das Schicksal der Zwangsarbeiter und über die Judenvernichtung wusste. Sie haben extrem grausame Bilder gewählt – man sieht, wie Gasbehälter geöffnet werden. Wie werden diese Bilder in Israel aufgenommen werden?
Diese Bilder stammen aus einem Werbefilm (der Firma Degesch für Schädlingsbekämpfung in den 30er-Jahren durch Blausäure, Anmerkung der Redaktion) für Gas. Normalerweise sieht man davon nur kurze Sequenzen. Wir haben uns dafür entschieden, alles zu zeigen. Der Film soll in deutschen und israelischen Kinos und bei »Yes Doku« im israelischen Fernsehen laufen. Die Reaktion wird entweder sehr positiv oder sehr negativ sein. Sowohl in Deutschland als auch in Israel ist das Publikum nicht gleichgültig.

Sie zeigen Bilder von der Befreiung aus Konzentrationslagern …
Ja, aus Buchenwald, Dachau und Dora. Dort waren drei Zwangsarbeitslager unter der Kontrolle Speers.

Und als Gegenschnitt sehen wir Bilder, die zeigen, wie Speer aus dem Gefängnis Spandau entlassen wird und darüber spricht, wie gut er nach 20 Jahren Haft aussieht.
Für mich ist das eine machiavellistische Szene. Wer diese Körpersprache sieht, kann keinen Zweifel daran haben, wer dieser Mann ist. Er bereute nichts und war nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Berlin-Spandau der gleiche größenwahnsinnige Narzisst wie zuvor.

Warum verzichtete Hollywood in den 70er-Jahren letztendlich darauf, Albert Speers Lebensgeschichte zu verfilmen?
Ich denke, dass die Filmproduktionsgesellschaft Paramount zu dem Schluss kam, dass die Handlung allzu sehr auf Speers Buch basierte. Sie hielt es für gefährlich, dies einem breiten Publikum zu zeigen.

Mit der israelischen Regisseurin und Journalistin sprach Ayala Goldmann.

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