Pädagogik

»Ein historischer Kurzschluss«

Dirk Sadowski und Martin Liepach haben für ihr Buch Schulbücher aus der Sekundarstufe I untersucht. Foto: V&R

Pädagogik

»Ein historischer Kurzschluss«

Dirk Sadowski über jüdische Geschichte im Schulbuch, gute Doppelseiten und einen neuen Fokus

von Katrin Richter  29.04.2015 12:21 Uhr

Herr Sadowski, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Kollegen Martin Liepach die Darstellung von jüdischer Geschichte in Schulbüchern untersucht. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Es ist eine Sache von Licht und Schatten. Deutsche Schüler lernen einiges über jüdische Geschichte. Dies reicht von versprengten Erwähnungen in Kapiteln zur deutschen Geschichte bis hin zu mehrseitigen Längsschnitten.

Ist das ausreichend?
Ich glaube nicht. Allerdings geht es auch nicht so sehr um Quantität. Eine gut gestaltete Doppelseite, die entsprechend in den Zusammenhang eingebettet ist und bei der Text- und Quellenteil stimmen, kann mehr bewirken als eine achtseitige Strecke im falschen Kontext und mit sachlichen Fehlern.

Wie kann man Schülern schwierige Themen vermitteln?

Wenn es um Verfolgung und Vernichtung zur NS-Zeit geht, versuchen die Bücher, historisches Verständnis und Empathie gegenüber den Opfern zu wecken. Dafür werden häufig Quellen verwendet, die einen Alters- oder Regionalbezug haben. Das sind zwei wichtige didaktische Mittel. Diese Kapitel sind in der Regel relativ gut aufbereitet. Stärker sollten allerdings die Quellen beachtet werden, die von Selbstorganisation und Widerstand der Juden zeugen. Die Perspektive ist noch sehr stark von den Handlungen der Täter bestimmt.

Was sind Ihre konkreten Kritikpunkte?
Der Fokus liegt immer noch sehr auf Verfolgungs- und Opfergeschichte. Auch die Aufeinanderfolge von Kapiteln lässt zu wünschen übrig, denn längere Abschnitte zur jüdischen Geschichte werden oft an das NS-Kapitel angefügt. Die Emanzipation der Juden wird meistens sehr kurz behandelt, dann lernen die Schüler lange Zeit nichts. Der Schüler hat hier einen historischen Kurzschluss und kann die Tragweite der Rücknahme der Emanzipation nach 1933 nicht verstehen. Er wird sich sagen: »Aber Juden wurden doch immer verfolgt!«.

Und was können Sie lobend hervorheben?
Ein in Niedersachsen zugelassenes Schulbuch von 2009 hat eine sehr differenziert gestaltete Doppelseite zu Haskala, Emanzipation und Verbürgerlichung, und sogar der Begründer der Neo-Orthodoxie, Samson Raphael Hirsch, kommt zu Wort. Für den Historiker ist das eine fantastische Sache. Die Frage ist aber, ob das alles für einen Schüler der achten Klasse verständlich ist. Vieles hängt auch davon ab, wie der Lehrer das Wissen vermittelt.

Wie würden Sie sich die Darstellung jüdischer Geschichte im Schulbuch wünschen?
Der Fokus muss von einer noch überwiegenden Verfolgungs- und Opfergeschichte hin zu einer Darstellung verlagert werden, die Juden als aktive Gestalter ihrer Geschichte zeigt. Die Betonung der jüdischen Innensicht ist wichtig: Welche Rolle spielten die autonomen Institutionen der Juden in der frühen Neuzeit? Da gibt es gar nichts. Sprachliche Schludrigkeiten sind ärgerlich und Passagen, die Vorurteile schüren könnten, gehen gar nicht.

Mit dem Historiker und Judaisten sprach Katrin Richter.

Martin Liepach, Dirk Sadowski (Hg.): »Jüdische Geschichte im Schulbuch. Eine Bestandsaufnahme anhand aktueller Lehrwerke«, 145 S., V&R unipress, Göttingen 2014, 34,99 Euro

www.gei.de
www.v-r.de

In eigener Sache

Die Jüdische Allgemeine erhält den »Tacheles-Preis«

WerteInitiative: Die Zeitung steht für Klartext, ordnet ein, widerspricht und ist eine Quelle der Inspiration und des Mutes für die jüdische Gemeinschaft

 07.01.2026 Aktualisiert

Programm

Kicken, Karneval, König Salomo: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Januar bis zum 14. Januar

 07.01.2026

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  06.01.2026

Dresden

Neue Ausstellung zu jüdischer Exilgeschichte

Unter dem Titel »Transit - Bilder aus dem Exil« sind ab dem 9. Januar Werke der argentinischen Künstlerin Monica Laura Weiss zu sehen

 06.01.2026

Paris

Netflix kündigt weitere »Emily in Paris«-Staffel an

Vor wenigen Wochen erschien die fünfte Staffel der erfolgreichen Serie des jüdischen Regisseurs Darren Star. Nun kommt noch eine Fortsetzung

 06.01.2026

Geheimisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  05.01.2026

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  05.01.2026

Geschichtsforschung

Mörderische Mitmacher

Der Historiker Götz Aly geht in seinem neuen Buch der »zentralsten Frage aller deutschen Fragen« nach: »Wie konnte das geschehen?«

von Till Schmidt  04.01.2026

Aufgegabelt

Gesunder Januar-Saft

Rezepte und Leckeres

 04.01.2026