Interview

»Ein großer Menschenfreund«

Campino, der Frontmann der »Toten Hosen«. Foto: picture alliance / ABBfoto

Interview

»Ein großer Menschenfreund«

Campino über sein neues Buch, die Leidenschaft für Erich Kästner und Lyrik in Zeiten der Krise

von Nicole Dreyfus  26.11.2024 16:57 Uhr

Campino, was bewegt einen Punkrocker wie Sie, ein Buch über die Gebrauchslyrik von Erich Kästner zu schreiben?
Ich bin ein glühender Verehrer Erich Kästners. Leider erinnert sich die Mehrheit der Menschen an ihn nur als Kinderbuchautor. Ich würde mich freuen, wenn ich die Leute durch mein Buch auch für seine Gedichte und Texte aus der Erwachsenenwelt begeistern könnte. Seine schlichte, klare Schreibweise und sein wirklich feiner Humor sind zeitlos. Und bei aller Kritik, die er in seinen Zeilen losgeworden ist, blieb er letztendlich auch immer ein Menschenfreund.

Worin sehen Sie das Politische bei Kästner?
Er war ein absoluter Pazifist und verachtete alles Militaristische. Was den Nationalsozia­lismus angeht, waren manche seiner Texte geradezu prophetisch. Seine Gedichte über die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges sind noch heute aktuell, obwohl er sich meist auf den Ersten Weltkrieg bezogen hat.

Inwiefern sind seine Gedichte heute noch aktuell?
Es geht bei Kästner hauptsächlich um klassische Themen: die Liebe, das eigene Älterwerden, den Sinn des Lebens. Kästners grundsätzliche Gedanken dazu können auch heute noch als Leitfaden dienen, um durch schwierige Zeiten zu kommen.

Erich Kästner hat mit Literatur gegen den Nationalsozialismus opponiert. Was braucht es Ihrer Meinung nach heute, um gegen rechtsnationale Kräfte anzugehen?
Jeder Mensch kann in seinem Rahmen etwas dagegen tun. Es geht um Zivilcourage, dass man Menschen entschlossen entgegentritt, sobald sie homophobe, antisemitische, rassistische und fremdenfeindliche Sprüche von sich geben, auch, wenn sie als schlechter Scherz kaschiert sind. Es wird zurzeit intensiv versucht, die demokratische Mitte zu spalten und aufzureiben, das müssen wir alle zusammen verhindern, völlig egal, ob wir mit einer schwarzen, grünen, roten oder gelben Partei sympathisieren.

Was meinen Sie, würde Kästner zur deutschen Gegenwart sagen?
Ich könnte mir vorstellen, dass er sehr besorgt wäre – aber er würde Zuversicht behalten.

Wie kann man insbesondere jungen Menschen ans Herz legen, sich mit Lyrik zu beschäftigen?
Ich fürchte, da lässt sich mit einer befehlsmäßigen Aufforderung nicht viel machen. Lyrik muss jeder für sich selbst entdecken, ich bin ja auch erst mit Ende 20 auf dieses Terrain gestoßen. Die Popmusik und vor allem zurzeit der Hip-Hop sind gute Einstiegsdrogen, um mit Gedichten und Texten in Reimform in Berührung zu kommen. Gedichte und Musik, beide Ausdrucksformen brauchen eine Melodie und einen Rhythmus. Letztendlich ist Musik eine eigene Sprache, aber sie kann Worte unterstützen und viel eindringlicher werden lassen, wenn sie mit dem jeweiligen Text in Einklang steht.

Mit dem Frontmann der »Toten Hosen« und Bestsellerautor sprach Nicole Dreyfus.

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