Esther Safran Foer

»Ein Glas voller Erde«

Die amerikanische Autorin über die Herkunft ihrer Eltern, eine Reise in die Ukraine und Zip-Lock-Beutel für Erinnerungen

von Katrin Richter  06.12.2020 08:30 Uhr

Esther Safran Foer: Der Roman ihres Sohnes Jonathan machte ihr Mut, ein eigenes Buch zu veröffentlichen. Foto: Laura Ashbrook

Die amerikanische Autorin über die Herkunft ihrer Eltern, eine Reise in die Ukraine und Zip-Lock-Beutel für Erinnerungen

von Katrin Richter  06.12.2020 08:30 Uhr

Frau Safran Foer, woran denken Sie als Erstes, wenn Sie den Namen Trochenbrod hören?
Jetzt, da ich einmal dort gewesen bin, an Leere. Denn dort gibt es nichts. Es ist ein Fehlen dessen, was einmal dort war.

Trochenbrod ist die Wiege Ihrer Familie. Sie haben Ihre jahrelange Recherche zu diesem Ort und seinen Menschen in Ihrem Buch »Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind« festgehalten. Wann wussten Sie, dass Sie all dies aufschreiben würden?
Ich hatte eigentlich nicht vor, daraus ein Buch zu machen. Meine drei Söhne sind ja schon Autoren, also scheint das eine doch recht natürliche Art und Weise in dieser Familie zu sein, sich auszudrücken. Ich für meinen Teil habe mich nie als Autorin gesehen, sondern eher als Suchende, als Anker sowohl für meine Familie als auch für die meines Mannes. Vielleicht war all das aufzuschreiben immer irgendwo in meinem Hinterkopf, aber ich glaube, dass ich nach meinem letzten Job – ich war Geschäftsführerin des jüdischen Kulturzentrums Sixth & I – auch wirklich erst die Zeit und den emotionalen Raum hatte, zurückzuschauen. Und um ehrlich zu sein, ich habe mich natürlich auch gefragt, was mein nächster Schritt werden könnte als Frau, die bereits verschiedene Dinge in ihrer Karriere gemacht hat.

Leicht ist Ihnen das Schreiben, das beschreiben Sie im Epilog, nicht gefallen.
Es war sehr schwer. Schwerer, als ich gedacht hatte. Ich bin durch mehrere Phasen gegangen. Meine lebenslange Suche, meine Reise in die Ukraine, die sowohl von Freude als auch von Traurigkeit geprägt war, und dann kam der Prozess des Verarbeitens. Mir war nicht bewusst, wie mächtig das sein würde.

Wusste Ihre Mutter, die in ihren letzten Lebensjahren bei Ihnen gewohnt hat, dass Sie dieses Buch schreiben?
Ja, das wusste sie, aber ich weiß nicht, ob es ihr wirklich klar war, was wirklich darin stehen würde. Sie war bereits 95 Jahre alt, ihr Geist war sehr wach, aber sie war nicht mehr so neugierig. Ich glaube, sie war an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie viel hinter sich lassen konnte. Wir haben ein klein bisschen über die Geschichte gesprochen, aber sie hat es nicht gelesen – das hätte sie zu sehr belastet.

… an die Orte gedanklich noch einmal zurückzukehren?
Oh, das tat sie. Aber einige Dinge haben sie einfach verfolgt: zum Beispiel die Tatsache, dass sie sich nicht von ihrer Mutter verabschiedet hat. Es war impulsiv. Vielleicht hatte auch niemand wirklich geglaubt, dass das das Ende sein würde. Umso ergreifender ist es, dass meine Mutter dann bei uns gelebt hat. Wir konnten uns verabschieden.

Hat sich der Tod Ihrer Mutter auf Ihr Schreiben ausgewirkt?
Interessanterweise ja. Sie starb vor fast zwei Jahren, am 18. Dezember 2018, und ich musste das Buch im Februar 2019 abgeben. Es war also zu großen Teilen schon fertig. Aber es fehlte noch die emotionale Ebene, wie jemand sagte, der es bereits gelesen hatte. Und es dauerte bestimmt anderthalb Monate, bis ich fähig war, mich dieser emotionalen Ebene, dieser Tiefe, auch zu öffnen. Zum Beispiel, über den Selbstmord meines Vaters zu schreiben.

Wie würden Sie Ihre Mutter genauer beschreiben?
Sie war winzig, aber eine Frau voller Kraft. Jeder, der sie traf, wusste das. Einer meiner Enkel sagte, er habe das Gefühl, dass von ihrem Zimmer immer so ein bestimmtes Licht ausging. Eine ihrer Urenkelinnen hat ihren Kopf mit Photoshop auf eine Superhelden-Figur gesetzt, denn für sie ist es die Frau, die überlebt hat, die alles überwunden hat. Stark, resilient – nachdem sie gestorben war, habe ich gemerkt, dass ich die Tochter meiner Mutter bin, denn sie hat mir diese Stärke mitgegeben.

Sie war auch die Frau, die, wenn Fragen eine gewisse Grenze überschritten, »Genug schoyn« sagte.
Sie hatte immer die Kontrolle. Man befolgte ihre Regeln, und wenn es genug war, war es genug.

War das für Sie einschüchternd, oder bewirkte es eher das Gegenteil?
Ich wusste, jetzt reicht es, und wenn ich eine Antwort wollte, müsste ich selbst herausfinden, wie ich sie dazu bringen würde, doch zu reden.

War sie die klassische Mamme?
Unbedingt! Bubbe für ihre Enkel. Die Kinder liebten es, bei ihr zu essen, obwohl sie nicht die große Köchin war. Sie hatte zwei, drei Grundrezepte, das war es. Aber es schmeckte nun einmal nur bei ihr so. Wir machen heute noch ihre Zuckerkekse. Das ist kein ausgefeiltes Rezept – ich habe es handschriftlich von ihr und auch in mehreren Versionen. Aber wenn sie sie backte, dann hatte das etwas Zauberhaftes. Wir alle backen diese Kekse. Ich habe sie einmal für meinen Sohn gebacken, aber er sagte: Das sind nicht Bubbes Kekse! Ich hatte Butter genommen, sie nahm Margarine. Ich habe versucht, das Rezept etwas zu verbessern, aber meine Mutter nahm eben Margarine. Sie drehte jeden Pfennig zweimal um, haushaltete mit allem.

Familiengeschichten können kompliziert sein, es gibt oft viel Unausgesprochenes.
Die Familie meines Mannes ist da ganz anders: Man sagt, was man denkt. In meiner Familie tat man das nicht. Man schützte den anderen, wollte ihn nicht verletzen. Das ist vielleicht auch das, was mir durch das Schreiben möglich wurde: mich zu öffnen. Der Schreibprozess war vielleicht die Therapie, die ich nie hatte. Durch das Buch bin ich zu einem offeneren Menschen geworden.

Wie unterscheidet sich Ihrer Meinung nach das Erinnern an eigene Familien­geschichten in den Vereinigten Staaten von dem in Europa?
Sehr. Natürlich auch in Israel. In den USA heißt es: Weitermachen, man muss vorankommen. Als die Flüchtlinge damals in den USA ankamen, gab es Sozialarbeiter, die sich um sie kümmerten. Aber es ging darum, ihnen Jobs zu besorgen, im Alltag zurechtzukommen, nicht darum, nach ihrem Trauma zu fragen.

Sie sagen von sich selbst, dass Sie ein Scharnier zwischen den Generationen sind. Wie meinen Sie das?
Ich habe lange darüber nachgedacht, was meine Rolle in der Familie ist. Ich habe diese unheimlich starke, kleine Mutter, ich bin selbst Mutter von drei Söhnen, die Schriftsteller sind. Jemand sagte mir einmal, dass sich Türen ohne Scharniere nicht öffnen ließen.

»Alles ist erleuchtet«, der Roman Ihres Sohnes Jonathan, entstand aus seiner Reise in die Ukraine. Hat Ihnen das Buch bei der Aufarbeitung geholfen?
Ich muss sagen, dass ich zu jenem Zeitpunkt nie den Mut gehabt hätte, in die Ukraine zu fahren. Ich musste mich Stück für Stück annähern. Der Mut entstand aus seinem Buch heraus. Und ich habe meine eigene Reise dann auch im richtigen Moment unternommen.

Sie sind mit Ihrem ältesten Sohn Frank in die Ukraine gereist, haben viele Menschen kennengelernt, die Ihnen wiederum neue Hinweise zu Ihrer Familie geben konnten. Sie saßen in vielen Wohnzimmern, standen an vielen Gräbern. Wie erinnern Sie sich an diesen Moment?
Es war mitten im Wald in Kolky, ich konnte mir meine Großmutter vorstellen, wie sie dort hingehen musste, mit ihren Enkeln an der Hand. Es war einfach nur schaurig. Wir wollten diesen Moment für uns haben. Ich hatte die Kippa für meinen Sohn mit dabei, das Kaddisch und Karten mit einem Foto der Familie, die ich an diesem Ort lassen wollte.

Sie haben in einem Zip-Lock-Beutel ein wenig Erde mitgenommen, die Sie in das Grab Ihrer Mutter gegeben haben. War das ein Moment, in dem Sie emotional etwas abschließen konnten?
Ja. Es war die Nacht vor dem Begräbnis. Ich dachte darüber nach, was ich noch tun muss. Und dachte dann, dass ich dieses Glas voller Erde in ihr Grab schütte. Ein Freund meines Sohnes kam während der Schiwa zu mir und fragte mich, ob er das Glas haben dürfte. Er brachte es mir dann mit Erde aus ihrem Grab zurück. Es ist symbolisch und mystisch.

Sie bewahren die Erinnerungen aus den Beuteln in Gläsern auf?
Ja, Sie sehen ja hier im Hintergrund meine Gläser. Sie sind alle gut organisiert und etikettiert, und sie sind Gläser voller glücklicher Momente. Die ganze Familie macht das. Aber ganz besonders Jonathan und ich.

Auch Ihre Enkel?
Ja, und ein Enkel hat mir Sand von seiner ersten Reise nach Israel mitgebracht.

Mit der Autorin sprach Katrin Richter.

Esther Safran Foer: »Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind.« Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 288 S., 22 €

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