Oper

Die Welt wird zur Hölle

Verbotene Liebe: Heidi Stober als Jüdin Rahel und Christoph Pohl als König von Kastilien Foto: Ludwig Olah

Oper

Die Welt wird zur Hölle

In Dresden feierte »Die Jüdin von Toledo« von Detlev Glanert eine viel diskutierte Premiere

von Claudia Irle-Utsch  21.02.2024 12:54 Uhr

Eine Welt in Trümmern. In Schutt und Asche gelegt von Zerstörern – zu Lande, zu Wasser, aus der Luft. Zurück bleibt ein Kind, ein kleiner Prinz. Kaum imstande zu verstehen, aber gezwungen, mit diesem Nichts, das vor ihm liegt, zu leben. Die Verantwortung für den Schrecken tragen jene, die vor ihm waren.

Es ist eine Tragödie, die gerade an der Semperoper Dresden ihre viel beachtete Uraufführung gefeiert hat: Die Jüdin von Toledo des zeitgenössischen Komponisten Detlev Glanert. Sie spielt zur Zeit der Reconquista. Alfonso VIII., König von Kastilien (Christoph Pohl), ist gehalten, die Mauren zu besiegen. Doch der Regent ist des Regierens müde und seine Ehe mit Eleonore (Tanja Ariane Baumgartner) nur ein Zweckverbund. Da kommt ihm die Begegnung mit der schönen Jüdin gerade recht. Rahel (Heidi Stober) erobert den ersten Mann im Staat, Alfonso entflieht dem Korsett seines Alltags. Doch die Liebenden unterschätzen das System.

Die nach Macht gierende Königin kann auf die junge Jüdin projizieren, was die Menschen im Land umtreibt: die Angst vor dem, was fremd und anders ist. Doch auch Alfonso will herrschen, koste es, was es wolle, selbst den Tod der Geliebten. All das sieht Rahels Schwester Esther (Lilly Jørstad) voraus: »Die Welt wird zur Hölle für alle, die ihre Menschlichkeit opfern.«

Die Jüdin von Toledo mutet dem Publikum den Blick in den Spiegel zu, es entsteht ein sehr gegenwärtiges Bild. Die Menschheit, scheint es, hat nichts gelernt. Geschichte wiederholt sich auch da, wo Mächtige ihre Potenz missbrauchen. Detlev Glanert spricht von der »Funktionalisierung von Vorurteilen aus politischem Interesse«. Dieses Muster weise der historisch-literarische Stoff, der seiner Oper auf der Basis des gleichnamigen Dramas von Franz Grillparzer zugrunde liegt, geradezu paradigmatisch auf.

Glanert siedelt im Verbund mit Librettist Hans-Ulrich Treichel die Geschichte im Toledo des späten 12. Jahrhunderts an. Er sieht die Stadt als Metapher für einen Ort, von Kriegen gezeichnet und zu gleichen Teilen bewohnt von Juden, Christen und Muslimen. Gescheiterte Hoffnungen und das Dennoch einer zarten Sehnsucht reichen einander die Hand. Sie sind zu hören im Saitenspiel der Ud (Nassib Ahmadieh), einer einzelnen Stimme, die bald übertönt wird von der brachialen Wucht eines großen Orchesters, von der Schärfe eiseskalter Machtworte. Und doch lässt sich die uralte semitische Klangfarbe selbst dann noch vernehmen, als alles dahin ist.

Regisseur Robert Carsen hat an das Ende des zweiten Akts einen utopischen Moment gesetzt: das Vereintsein von Mensch und Mensch gleich welcher Herkunft, welchen Glaubens. Auch wenn die Oper mit dem Schreckensszenario und diesem übrig gebliebenen Kind (Hennes Neuber) schließt, brennt sich die Szene ins Herz: die betenden, sich umarmenden, teilenden Menschen. Dass sie später einander Feind werden, ist kaum zu glauben.

Es sind rund zwei spannungsreiche Stunden, die diese Oper zu einem intensiven Erlebnis machen. Aufgeführt von einem Ensemble, das spürbar eins in dem ist, was es zeigen möchte. Beginnend bei den herausragenden Solisten und Solistinnen über die hoch engagierte, auf dem Punkt agierende Sächsische Staatskapelle unter Jonathan Darlington bis zu Chor und Statisterie als Volkes Stimme, Staatsrat und Armee.

Das Vielschichtige und die Bewegtheit dieses hochdramatischen Werks speist sich vor allem aus den Charakteren, aus ihren inneren und äußeren Zerwürfnissen sowie aus der Frage nach Identität. Das Ich steht nie für sich. Es beeinflusst, es verändert das Leben der anderen. Immer. Die Inszenierung von Robert Carsen ergreift das Publikum, regt auf – auch mit Blick auf die Deutung der finalen Szene.

Vor Aufnahmen zerbombter Städte aus dem Hier und Jetzt holen die bisher schwarz uniformierten Soldaten ihre hellen Symbole hervor: die weißen Tücher der muslimischen Mauren und die jüdischen Gebetsmäntel. Die friedliche Versöhnung aus dem zweiten Akt, sie bleibt eine Utopie. Welcher Gegenwart hält Glanert hier den Spiegel vor? Sie liegt im Auge des Betrachters. Und wurde nach der Premiere heftig diskutiert. Die Semperoper teilte dazu mit, sie zeige »Archivmaterial von kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien, der Ukraine und dem Jemen« sowie »Bildmaterial von Kriegsgerät der britischen und amerikanischen Armeen«. Der Videodesigner sei »in der Summe« darauf bedacht gewesen, »keinen bestimmten Konflikt zu thematisieren«.

Weitere Vorstellungen am 26. Februar sowie am 1. und 8. März. Mehr unter www.semperoper.de

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