Berlin

»Fehler der Vergangenheit anerkennen«

Die US-Botschafterin in Berlin, Amy Gutmann, und Zeitzeugin Margot Friedländer bei der Eruopa-Premiere in Berlin Foto: US Embassy

Berlin

»Fehler der Vergangenheit anerkennen«

Die US-Botschaft präsentierte eine neue Dokumentation zur Rolle der USA während des Holocaust

 29.09.2022 18:12 Uhr

Frühsommer 1939. In der karibischen See, irgendwo zwischen Kuba und Florida, wartet die »M.S. St. Louis« auf grünes Licht aus Washington, um in Miami einzulaufen. An Bord des Schiffes aus Hamburg sind fast 1000 Kriegsflüchtlinge. Fast alle sind deutsche Juden, die sich in den USA in Sicherheit bringen wollen. Doch US-Präsident Franklin D. Roosevelt lehnt die Einfahrt ab. Die »M.S. St. Louis« muss zurück nach Europa. Roosevelts Nein bedeutet den Tod für fast alle an Bord.

Eine Schlüsselszene der dreiteiligen TV-Doku The U.S. and the Holocaust, die der nicht kommerzielle Sender PBS in diesen Tage ausstrahlte. An diesem Mittwochabend nun wurde der Film im Kino International in Berlin präsentiert. Die renommierten Dokumentarfilmer Ken Burns, Lynn Novick und Sarah Botstein, die sieben Jahre an dem sechsstündigen Epos arbeiteten, richten in The U.S. and the Holocaust den Fokus nicht auf die Ursachen der Flucht, sondern auf den Umgang der Amerikaner damit.

REDE Die US-Botschafterin in Deutschland, Amy Gutmann, sagte am Mittwochabend: »Es ist mir eine große Ehre, die Co-Regisseurinnen Lynn Novick und Sarah Botstein zur Europapremiere ihres bahnbrechenden Films The U.S. and the Holocaust begrüßen zu dürfen.« Die amerikanische Botschaft in Berlin sei »stolz darauf, diese historische Premiere ausrichten zu dürfen. Mein Freund Ken Burns wollte heute Abend eigentlich auch hier sein, aber leider wurde er vor einigen Tagen positiv auf Corona getestet«.

Weiter erklärte die Botschafterin: »Auf der ganzen Welt feiern Jüdinnen und Juden gerade Rosch Haschana, den Beginn unseres Neujahrs. Nächste Woche ist Jom Kippur, der Tag der Versöhnung. Damit das Leben weitergehen kann, müssen wir zunächst die moralischen Fehler unserer Vergangenheit, kurz gesagt, unsere Sünden, anerkennen. Das Eingestehen der eigenen Sünden ist notwendig, bevor es Versöhnung oder Wiedergutmachung geben kann.«

Die Geschichte lehre, »dass jedes Land zunächst die Sünden seiner Vergangenheit anerkennen muss, bevor es zur Versöhnung, zum ›nie wieder‹ kommen kann. Deshalb ist der Film Die USA und der Holocaust richtungsweisend und gerade jetzt von so großer Bedeutung«, so Amy Gutmann.

»Wir haben heute kein größeres Ziel, als die Demokratie zu verteidigen, indem wir Antisemitismus und alle Formen von Fanatismus bekämpfen und auch indem wir die Ukrainerinnen und Ukrainer in ihrem mutigen Kampf gegen Putins brutale Angriffe auf ihre Freiheit und ihr Leben unterstützen. ›Nie wieder‹ zu sagen bedeutet, jetzt zu handeln, die Demokratie zu verteidigen und Leben zu retten. Als Amerikanerinnen und Amerikaner sind wir stolz auf unsere Rolle beim Sieg über den Nationalsozialismus und bei der Befreiung der Konzentrationslager. Aber in vielerlei Hinsicht haben wir es als Nation versäumt, unserer Identität als Land der Möglichkeiten für alle gerecht zu werden«, hieß es weiter in der Rede der US-Botschafterin in Berlin. 

Zu der Veranstaltung kam auch die Schoa-Überlebende Margot Friedländer. Die 100-Jährige sagte der Jüdischen Allgemeinen anschließend, ihre Mutter hatte sich in der NS-Zeit um eine Ausreise in die USA bemüht, aber ihr sei damals mitgeteilt worden, dass es fünf bis sechs Jahre brauchen würde, bis eine Emigration möglich wäre. »Amerika hat mir nichts geschenkt«, resümierte Margot Friedländer. Als sie das Land gebraucht hätte, habe Amerika sie nicht hineingelassen.  Als sie später in den USA lebte, habe sie keine Unterstützung mehr gebraucht.    

EINWANDERUNGSGESETZE Die USA haben während des Zweiten Weltkriegs rund 220.000 Juden aufgenommen, mehr als jeder andere Staat. Doch ohne die rigiden Einwanderungsgesetze hätten weit mehr gerettet werden können, lautet einer der zentralen Vorwürfe des Films. Diese reichen bis in das Jahr 1924 zurück, als der Kongress den »Johnson-Reed-Act« verabschiedete, der die Zahl der Migranten aus Süd- und Osteuropa drastisch einschränkte.

»Die USA waren in den 1930er-Jahren ein Fremden, Einwanderern und Juden gegenüber feindlich eingestelltes Land«, sagt der Kurator des Holocaust Memorial Museum in Washington, Daniel Greene. So errichtete das US-Außenministerium Visa-Blockaden für Juden, die in der Praxis auf eine mehr als zehnjährige Wartezeit hinausliefen. Das Ausgrenzen von Menschen sei »so amerikanisch wie Apfelkuchen«, meint auch der Historiker Peter Hayes, der in der Dokumentation zu Wort kommt.

Der Star unter den Dokumentarfilmern ist der 69-jährige Burns, der sich mit der Aufarbeitung inneramerikanischer Themen wie dem Bürgerkrieg oder der Geschichte des Jazz einen Namen machte. Mit The U.S. and the Holocaust wagt sich der Filmemacher erstmals an die brisante Frage, wie sich das Land zu Gräueln verhalten hat, die sich fern der USA ereignet hatten.

In dem Film widersprechen die Macher der These, die Amerikaner hätten in den 30er-Jahren nicht gewusst, wie mörderisch die Nazis Juden in Deutschland verfolgten. Tatsächlich hätten genügend Informationen via Radio und Zeitungen vorgelegen. Eine Umfrage von 1938 zeigt, dass zwei Drittel der Amerikaner glaubten, die Juden seien selbst schuld an ihrem Schicksal.

ANTISEMITISMUS Die Dokumentarfilmer machen für den US-Antisemitismus drei einflussreiche Personen verantwortlich: den katholischen Priester und »Father of Hate Radio«, Charles Coughlin, die Luftfahrt-Ikone Charles Lindbergh und den Automobilmagnaten Henry Ford.

Coughlin, Priester aus Michigan, erreichte mit seinen sonntäglichen Radiosendungen bis zu 40 Millionen Zuhörer. Den Atlantik-Überflieger Lindbergh entlarven die Autoren als frühen Verfechter einer »America-First«-Bewegung und Isolationisten mit einer aufrührerischen Rhetorik. Unverblümte antisemitische Ressentiments lieferte Ford mit seiner auflagenstarken Zeitung »Dearborn Independent«.

Als geschichtliche Aufarbeitung sei der Film »faszinierend«, lobt CNN. Die Parallelen zu heute seien erhellend – insbesondere mit Blick auf gegenwärtigen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und lauter werdende Stimmen nach weißer Vorherrschaft. Burns lässt keinen Zweifel an seiner Intention. Er lässt Bilder der »Unite the Right«-Kundgebung in Charlottesville 2017 und vom Sturm auf das Kapitol 2021 sprechen. Zu sehen sind T-Shirts mit der Aufschrift »Camp Auschwitz« und die Parole »Juden werden uns nicht ersetzen.«

Der große Irrtum bestehe darin zu glauben, dass »die Vergangenheit vergangen ist«, lautet das Leitmotiv von Burns. In der US-Gesellschaft gebe es eine »Strömung der weißen Vorherrschaft und des Antisemitismus«, fasst auch die emeritierte Princeton-Historikerin Neil Painter die Botschaft der Dokumentation zusammen. »Es ist ein großer Strom, und er sprudelt immer wieder hoch.«

Für Burns ist sein Film das Ausrufezeichen hinter seinem Lebenswerk. »Ich werde wohl keinen Film mehr machen, der so wichtig ist wie dieser.« kna/ja

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