Menschenrechte

Die andere Geschichte Russlands

Irina Scherbakowa, russische Friedensnobelpreis-Trägerin Foto: picture alliance/dpa

Nach Einschätzung der russisch-jüdischen Bürgerrechtlerin Irina Scherbakowa ist Russland unter Kremlchef Wladimir Putin weniger stabil als die frühere Sowjetunion. Das sowjetische System sei am Ende morsch und unglaubwürdig gewesen, doch es habe klare Regeln für die Staatsführung, die Kommunistische Partei und die Verwaltung gegeben, sagte die Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial in Berlin. »Das hat Putin alles nicht.«

Dessen System sei autoritär und richte sich »nach dem Mafia-Prinzip, nach der persönlichen Treue«, sagte Scherbakowa (76) der Deutschen Presse-Agentur. Alles hänge an Putin (73). »Und das kann dazu führen, dass, wenn irgendetwas mit dieser Person geschieht, alles anfängt zu zerfallen.«

Sie rechne aber auch nach fast vier Jahren Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht mit einem raschen Zusammenbruch von Putins Herrschaft. »Die Krise wird immer stärker, trotzdem hat das Land noch Kapazitäten, und die Macht hat Kapazitäten. Der Sicherheitsapparat ist sehr stark.«

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Zu Putins Propaganda gehöre ein Umschreiben der Geschichte, eine Verklärung einer angeblich heroischen russischen Vergangenheit, sagte Scherbakowa. Dagegen setze Memorial trotz des Verbots 2021 in Russland »die Aufarbeitung der Geschichte der politischen Repressionen und des Widerstandes« fort. 

Das größte nicht-staatliche Archiv zur politischen Verfolgung in der Sowjetunion

Die Arbeit von Memorial, 2022 mit dem Friedensnobelpreis geehrt, ändere sich im Exil, sagte Scherbakowa. Sie selbst musste Moskau kurz nach Kriegsbeginn verlassen und ist in Deutschland Vorsitzende des Vereins Zukunft Memorial. Die Bürgerrechtsorganisation verfüge über das größte nicht-staatliche Archiv zur politischen Verfolgung in der Sowjetunion, zum Lagersystem, zu den Tätern, zu den Kriegen in Tschetschenien und Georgien, sagt sie. »Und wir möchten, dass Menschen Zugang zu unseren Dokumenten und Materialien bekommen.«

Das russische Archiv mit mehreren Millionen Namen und Hunderttausenden Dokumenten soll weiter digitalisiert und erschlossen werden. Daneben ist eine Multimedia-Plattform auf Deutsch, Russisch und Englisch geplant. Das Projekt »Lanterna« (dt. Laterne) soll die Erfahrungen mit dem sowjetischen und russischen Staatsterror in Einzelschicksalen für ein junges Publikum erzählen.

Auch soll »Lanterna« über das russische Beispiel hinausreichen. »Es ist uns wichtig, daraus ein internationales Gespräch zu machen«, sagt Filipp Dzyadko, der bei Zukunft Memorial zuständig für das Projekt ist. So werde es auch um die Aufarbeitung von Diktatur in Deutschland, Argentinien, Südafrika und anderen Ländern gehen. dpa/ja

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