Interview

»Deutschland ist eine neurotische Nation«

Bassam Tibi wurde 1944 in Damaskus geboren. Von 1973 bis 2009 war er Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen. Foto: picture alliance / HELMUT FOHRINGER / APA / picturedesk.com

Interview

»Deutschland ist eine neurotische Nation«

Bassam Tibi über verfehlte Migrationspolitik, Kritik an den Moscheeverbänden und Ansätze für islamische Aufklärung

von Christoph Schmidt  18.04.2024 12:33 Uhr

Herr Tibi, Ihr 80. Geburtstag jüngst fiel mitten in den Ramadan. Frankfurt und Köln haben zum islamischen Fastenmonat erstmals Straßen beleuchtet, was auch für Kritik sorgte. Was ist Ihre Meinung?
»Happy Ramadan«-Beleuchtung ist für mich kein Zeichen von Integration, sondern eine weitere Anbiederung der Politik an den Islam, das falsche Signal. Da wird eine heile Welt simuliert, während man die realen Probleme mit muslimischen Parallelgesellschaften lieber zukleistert. Auch ich bin für die Anerkennung von Muslimen und ihrer Kultur im Rahmen von Vielfalt. Aber für die Integration ist es kontraproduktiv, wenn man den Islam durch staatliche Brauchtumspflege idealisiert, während sich gleichzeitig ein großer Teil der Muslime von der Mehrheitsgesellschaft und ihren Werten abschottet. Das ist falsche Toleranz.

Ende der 90er-Jahre prägten Sie den Begriff einer europäischen »Leitkultur« als Bedingung für gelingende Integration. Um das Wort gab es in den Jahren 2000 und 2017 sogar bundespolitische Debatten …
Beide sind krachend gescheitert. In Deutschland gibt es einen starken ideologischen Widerstand gegen die Erkenntnis, dass eine Gesellschaft eine klare Identität und klare Werteorientierung braucht, wenn sie große Gruppen von Zuwanderern aus anderen Kulturen integrieren will. Dieser Reflex herrscht nicht nur bei Linken, sondern geht bis in die politische Mitte. Mein Konzept einer europäischen Leitkultur wurde als »Operation Sauerkraut« verspottet. Dabei geht es um etwas ganz anderes: Es geht um Kant – für mich einer der wichtigsten deutschen Denker. Es geht um die Werte der Aufklärung. Der Rechtsstaat arrangiert sich inzwischen mit Polygamie und Kinderehen. Er nimmt es hin, dass Streitigkeiten im Clan-Milieu von Friedensrichtern nach der Scharia geregelt werden. So kann Integration nicht funktionieren. Aber man scheut sich, die Probleme offensiv anzugehen, und versteckt sie hinter Begriffen wie »Willkommenskultur« und »bunte Gesellschaft«. Ich nenne Deutschland eine neurotische Nation.

Wie meinen Sie das?
Das Land findet wegen seiner NS-Vergangenheit nicht zu einem rationalen Umgang mit Migration. Statt nüchtern und selbstbewusst Regeln und Werte aufzuzeigen und Einwanderung vernünftig zu steuern, lässt man sich von Schuldgefühlen leiten und riskiert den Zusammenhalt des Gemeinwesens. Viele verwechseln eine offene Gesellschaft mit offenen Grenzen und grenzenloser Toleranz. Wer die Fehlentwicklungen benennt, gilt schnell als Islamhasser oder Rechtsradikaler. Sogar mir als Muslim wurde Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen. Natürlich gibt es Rechtsradikale, und die AfD steht für eine ausgrenzende Identität. Aber eine Verleugnung der eigenen Identität kann auch keine Lösung bei der Inklusion von Zuwanderern sein.

Klappt Integration denn nur über eine Assimilation an die Aufnahmegesellschaft?
Kulturelle Unterschiede sind völlig legitim und können eine Gesellschaft bereichern. Aber es muss kulturelle Regeln geben, die für jeden gelten und auch nicht unter Verweis auf die Religionsfreiheit außer Kraft gesetzt werden dürfen. Umgekehrt muss das Land diejenigen, die dauerhaft bleiben, aber auch als Staatsbürger im Sinne des Citoyen behandeln und ihnen einen »sense of belonging«, ein echtes Zugehörigkeitsgefühl, vermitteln. Auch daran hapert es in Deutschland. Ich behaupte, dass vier Fünftel der hiesigen Muslime überhaupt keine Deutschen sein wollen, zum Teil, weil ihr Religionsverständnis das nicht zulässt, aber auch, weil Deutschland ihnen trotz aller »Flüchtlingsromantik« nicht das Gefühl gibt, dazuzugehören.

Eine weitere Schöpfung von Ihnen war der Begriff eines »Euro-Islam«, der die westliche Werteordnung akzeptiert. Doch 2016 haben Sie dazu einen resignierten Artikel verfasst. Der Beitrag im Magazin »Cicero« trug den Titel »Warum ich kapituliere«.
Den hat die Redaktion gewählt. Als Reform-Muslim halte ich das Konzept »Euro-Islam« weiterhin für möglich – und für den einzigen Weg, um Muslime in Europa zu integrieren. Es bedeutet, dass sie ihre Religion von der Scharia lösen und den Koran historisch-kritisch lesen müssen. Alles, was mit Demokratie und Menschenrechten nicht vereinbar ist und andere Glaubensüberzeugungen herabwürdigt, darf keine Geltung haben. Leider dominiert aber nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch unter Muslimen in Europa ein traditionalistischer »Kopftuchislam«. Auch weil der Staat wenig tut, um einen liberalen Islam zu fördern.

Sehen Sie da nicht zu schwarz? Die allermeisten Muslime verhalten sich doch völlig unauffällig und rechtstreu. Übrigens trägt laut einer Studie nur eine von vier Musliminnen in Deutschland das Kopftuch.
Studien zeigen auch, dass ein erheblicher Teil der Muslime die Scharia befürwortet und den Islam im Zweifelsfall über die Demokratie stellt. Auch Antisemitismus ist unter Muslimen verbreiteter. Sicher, die meisten Muslime verhalten sich pragmatisch. Aber entscheidend ist, dass Werte wie Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter auch innerlich bejaht werden. Ein liberales Gemeinwesen hängt davon ab, dass möglichst viele solche Werte konsensuell teilen. Der organisierte Islam in Deutschland ist aber streng orthodox, die großen Moscheeverbände ordne ich dem politischen Islam zu. Sie repräsentieren zwar nur eine Minderheit der Muslime, stellen aber lautstarke Forderungen, und die Politik sieht sie als Ansprechpartner. Das US-amerikanische Pew-Institut prognostiziert, dass 2050 ein Fünftel der deutschen Bevölkerung muslimisch sein wird. Deshalb muss Deutschland auf einen Reform-Islam pochen, der mit der westlichen Kultur kompatibel ist. Ob die deutschen Uni-Seminare für islamische Theologie dies leisten können, ist fraglich, weil die Islamverbände in die Ausbildung involviert sind. Und letztlich findet das religiöse Leben in den Moscheegemeinden statt.

Sehen Sie denn Ansätze für eine Reform, die sich durchsetzen könnten?
Ansätze für eine islamische Aufklärung gibt es seit dem Mittelalter, denken Sie an die großen Philosophen Ibn Rushd oder Al-Farabi. Das 20. Jahrhundert hat viele Reformdenker hervorgebracht, die den Koran als spirituelle Botschaft verstanden haben, nicht als gesellschaftspolitische Anleitung. Nur haben sich am Ende immer die Traditionalisten durchgesetzt. Sie prägen den Mehrheits-Islam. Immer mit dem Argument, ein liberaler Islam sei unislamisch und »verwestlicht«. Dabei kann sich der Islam aus sich selbst heraus reformieren, wenn er bestimmte Verse des Korans historisch, auf die damalige Situation bezogen versteht. Die islamische Theologie kennt das Mittel der Suspendierung, arabisch taʼtil, wenn es den Interessen der Muslime dient.

Sie selbst standen zeitlebens für die Synthese von Islam und abendländischem Denken. Wie kam es dazu?
Ich stamme aus einer Gelehrtenfamilie in Damaskus und habe den Koran als Kind auswendig gelernt. Als ich 1962 nach Frankfurt kam und bei den Philosophen Adorno und Horkheimer studierte, war das meine zweite geistige Offenbarung, ohne dass ich dadurch meinen Glauben verlor. Die großen islamischen Denker lernte ich ebenfalls durch einen deutsch-jüdischen Philosophen kennen, Ernst Bloch. Als Kantianer kam ich zur aufgeklärten islamischen Denkschule und habe in 40 Jahren in 22 islamischen Ländern gelehrt und geforscht. Leider ist die islamische Welt heute geistig in einem schlimmeren Zustand als zu Beginn ihres kulturellen Niedergangs im 13. Jahrhundert.

Seit den 90er-Jahren waren Sie der wohl bekannteste muslimische Islamkritiker in Deutschland und haben die Migrationsdebatte stark mitgeprägt. Dann eckten Sie mit Ihren Thesen immer mehr an und wurden von vielen Medien »gecancelt«.
Ich habe das einmal als geistige Hinrichtung bezeichnet – auch vonseiten vieler Akademikerkollegen. Das deutsche Debattenklima wurde immer engstirniger, je stärker ein linksgrüner Zeitgeist die Probleme mit Islam und Einwanderung tabuisierte. 2006 hielt ich es nicht mehr aus und ging in die USA, wo ich schon früher Gastprofessor in Harvard und Princeton war und dann an der Cornell University lehrte. Einen Ruf nach Stanford, wo ich ein Forschungsprojekt leitete, habe ich dann abgelehnt und kehrte nach Göttingen zurück – und erlebte hier 2015/16 die Flüchtlingskrise mit ihrer völlig irrationalen »Willkommenskultur«.

Und sind doch geblieben. Warum?
Meine Bindung an Deutschland ist stark. Hier habe ich meine Frau kennengelernt, ich liebe die deutsche Sprache, in der ich denke und träume, und bewundere das Grundgesetz. Und ich halte Deutschland – noch – für eine Insel des Wohlstands und der Stabilität. Ich werde in Göttingen sterben.

In Ihrer Autobiografie von 2022 klingt gleichwohl viel Verbitterung an. Sie beschreiben Missachtung und Rufmordkampagnen durch die Medien und den akademischen Betrieb.
In dem Buch gebe ich an, dass ich den Text im Verlauf einer Identitätskrise geschrieben habe. Die Krise resultierte aus einer enttäuschten und nicht erwiderten Liebe zu Deutschland. Mein jüdischer Mitstreiter Michael Wolffsohn geht hierauf in seinem Geleitwort ein. Ich möchte dieses Interview mit Ihnen zum Anlass nehmen, mich dafür zu entschuldigen, dass ich sehr emotional meinen damaligen Gefühlen freien Lauf gelassen habe.

Mit dem Sozial- und Politikwissenschaftler sprach Christoph Schmidt.

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