Festschrift

Der salonfähige Antisemitismus

Andrei S. Markovits Foto: UM Photography, A. Thomason

Festschrift

Der salonfähige Antisemitismus

Ein Sammelband würdigt den amerikanischen Soziologen und Politologen Andrei S. Markovits

von Roland Kaufhold  12.11.2020 07:40 Uhr

»Grün schlägt rot. Die deutsche Linke nach 1945.« Was wie ein aktueller tagespolitischer Kommentar erscheint, war der Titel eines Buches des amerikanischen Gelehrten Andrei S. Markovits aus dem Jahr 1997. Markovits sagte auch: »Antisemitismus und Antiamerikanismus müssen als die zwei Seiten der gleichen Medaille erscheinen.« Um solche Themen kreist das Gesamtwerk des 1948 als Kind rumänischer Schoa-Überlebender geborenen, in New York und Wien aufgewachsenen Wissenschaftlers.

Andrei S. Markovits ist hierzulande, insbesondere innerhalb der Linken, eine zentrale publizistische Größe. Mittels seiner breit gefächerten Beiträge vermag man die Zwillingsbrüder Antiamerikanismus und Antisemitismus im politischen und kulturellen Alltag zu begreifen.

Antisemitismus und Antiamerikanismus sind für Markovits zwei Seiten der gleichen Medaille.

Heiko Beyer und Martin Krauß, langjähriger Politikredakteur der Jüdischen Allgemeinen, haben anlässlich von Markovits’ 70. Geburtstag (leicht verspätet) eine Sammlung kleinerer Beiträge des Jubilars zusammengestellt, komplementiert durch Begleitstudien seiner Kollegen und Weggefährten. »Andy«, so erinnert sich der ihm seit vielen Jahren verbundene Krauß, trete durchgehend unprätentiös auf, interessiere sich gleichermaßen für Bob Dylan und The Grateful Dead wie auch für Sport.

GRUNDHALTUNG 2001 hielt Markovits bei den Grünen einen Vortrag über grüne Perspektiven für das Jahr 2020. Ihn rühre, dass diese Partei vor dem Hintergrund der Schoa Reue und das Eingeständnis von kollektiver Schuld als zentrale politische Kategorien benannt habe. Eine solche moralische Grundhaltung, auch bei der Ausgestaltung zwischenstaatlicher Beziehungen, habe es »niemals vorher« gegeben. Dagegen wehrten sich konservative Kräfte mit aller Macht, sähen diesen Diskurs »als beschämend und erniedrigend an«. Anscheinend hatte er bereits seinerzeit Gauland und die AfD im Hinterkopf.

Modernität und emanzipatorisches Engagement seien wegweisende Kategorien in der Politik. Wer hingegen pauschal Globalisierung als »Teufelszeug« diffamiere, sei bei einem »gleichermaßen bei Rechten wie bei Linken beliebten Mantra« angekommen: »Von den USA« komme »alles Schlechte«. Besonders imponierten dem Forscher grüne Programmsätze wie »Das Leid der Opfer des Naziterrors können wir nicht wiedergutmachen«; die Deutschen müssten »die Erinnerung wachhalten«. Dass die Grünen hingegen – im Jahr 2001 (!) – Rechtsradikalismus in Deutschland und den USA nicht nachdrücklich benennen, sei ein Versäumnis. Ein Jörg Haider sei »in Deutschland noch undenkbar«, so Markovits damals, aber das werde »kein Dauerzustand bleiben«.

Auch beim Staatsbürgerverständnis müsse ein »Umdenken und Umfühlen« stattfinden. Man müsse auch Deutscher sein können, »ohne gut – oder vielleicht überhaupt – Deutsch zu sprechen«.

NAHOSTEMPÖRUNG Immer wieder kreisen Markovits’ Studien um die Rückkehr des politischen Antisemitismus. Antisemitische »Verschwörungsmythen, eliminatorische Hassreden und klassische verbale Judenfeindschaft« träten, so legt Lars Rensmann in seiner Begleitstudie dar, immer stärker, unverhüllter und aggressiver auf.

2002 zeichnete Markovits in der »taz« in »Der salonfähige Antisemitismus« die Zyklen der bundesdeutschen Nahostempörung nach. Die extremen politischen Ränder seien sich in ihrem Hass auf Israel stets einig gewesen. Die Schamschwellen für verbale und körperliche Angriffe auf jüdische Einrichtungen seien bereits in den 90er-Jahren spürbar gesunken. Die Häme, mit der Europäer auf den israelisch-palästinensischen Konflikt reagierten, sei bezeichnend: »Seht, die verfluchten Juden, die uns eine Schamkultur aufgezwungen hatten.« Was diese Kreise miteinander verbinde, sei ihr Eifer, »nicht Amerikaner zu sein«.

Es finden sich in dem anregungsreichen Band auch vergnüglichere Themen. So schreibt der vielseitige Forscher über Tierschutz und unser Mitgefühl. Dies seien für ihn regelrechte »Fluchtthemen«, um sich nicht unentwegt mit diesen unergiebigen inhaltlichen Differenzen mit der Linken, der er sich weiterhin innerlich verbunden fühlt, herumzustreiten. Mit diesen Themen wolle er ab und zu »so wenig wie nur irgend möglich zu tun« haben, erklärt er in dem den Band abschließenden Interview. Deshalb deutet der Freidenker eine Vision an: einmal einen Krimi zu schreiben, in dem sowohl Opfer als auch Täter ungarischsprachige Juden seien; Handlungsort müsse der Campus der Stanford University sein.

Heiko Beyer und Martin Krauß (Hrsg.): »Amerika – Europa.  Transatlantizismus als Erkenntnisstrategie«. Verbrecher, Berlin 2020, 201 S., 19 €

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Marion-Samuel-Preis geht an Susanne Siegert für NS-Aufklärung

Die Augsburger Stiftung Erinnerung fördert Menschen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Nazi-Verbrechen wenden. Sie verleiht einen Preis, der mit viel Geld dotiert ist

von Christopher Beschnitt  05.05.2026

Potsdam

Jüdisches Filmfestival zeigt Vielfalt Israels

Vereinfachte Narrative werden hinterfragt und unterschiedliche palästinensische und israelische Realitäten in den Blick genommen

 05.05.2026

New York

Zoë Kravitz sorgt mit Spitzenkleid für Aufsehen

Die frisch Verlobte Darstellerin erscheint in einem schwarzen, transparenten Spitzenkleid aus dem Haus Saint Laurent, über das alle US-Modeblätter schreiben. Aber wo ist der Verlobte?

 05.05.2026

Berlin/New York

»Der Teufel trägt Prada 2« startet mit starkem Kinoerfolg

Rund 625.000 Besucher am Startwochenende: Die Fortsetzung der Modewelt-Satire begeistert das Kinopublikum in Deutschland und sorgt für einen der besten Filmstarts des Jahres

 05.05.2026

Wien

Glanzauftritt mit »Diamant«: Noam Bettan überzeugt bei erster ESC-Probe

Zum Auftakt der Performance erscheint Bettan gemeinsam mit einer Tänzerin aus dem Inneren des Bühnenelements, das einem Edelstein nachempfunden ist

 05.05.2026 Aktualisiert

»Imanuels Interpreten« (20)

Progressive Rock-Pioniere: Die Shulman-Brüder und ihre Band Gentle Giant

Mit einer Überdosis Kreativität betrieben die drei schottischen Juden Phil, Derek und Ray Shulman eine Formation, die herausstach

von Imanuel Marcus  04.05.2026

Kunst

Iran nimmt nicht an Biennale in Venedig teil

Die wichtige Kunstveranstaltung Biennale in der Lagunenstadt Venedig hat mit heftigen Kontroversen zu tun. Nun scheidet ein Teilnehmerland aus

 04.05.2026