Glosse

Der Rest der Welt

»Haben Sie alles gefunden, wonach Sie gesucht haben?« Foto: Getty Images

Glosse

Der Rest der Welt

Erst Kurt Krömer, dann Modi Rosenfeld: Shoppen und lachen

von Katrin Richter  14.06.2026 14:54 Uhr

Neulich hatte ich so einen Kurt-Krömer-Moment. Kennen Sie Kurt Krömer? Den Berliner Comedian, der mit seinen Shows, Interviews und seinem Podcast bekannt geworden ist? Er hat mit seinem Programm »Na, du alte Kackbratze« aus dem Jahr 2006 und dem darin enthaltenen Stück »Wir Berliner sind ja quasi die Erfinder der Freundlichkeit« den ganz normalen Alltag beim Einkaufen in der schönen Stadt an der Spree festgehalten – mit all seinen Herausforderungen.

In diesem Stück also gibt es diese Szene, in der er sich bei einem Besuch im Allgäu (das ist außerhalb von Berlin) in eine Kneipe setzt, ein Bier bestellt, und der Wirt sagt: »Ja, bitte, kommt sofort.« Krömer beschreibt ob dieser sofortigen Bejahung der Bestellung den Gemütszustand folgendermaßen: »Ick zuckte zusammen. Passense ma auf: Verscheißern kann ich mich alleine. Sie müssen mich doch erstmal fragen: ›Ach, hamwa Durst?‹ ›N kleines oder n großes Bier?‹ ›Wollnwa ausn Händen trinken oder n Glas haben?‹« Na, und so weiter.

»Haben Sie alles gefunden, wonach Sie gesucht haben?«

So. Und dieses Gefühl von »Ick zuckte zusammen« hatte ich kürzlich in einem Bioladen, in dem ich regelmäßig einkaufen gehe, obwohl ich das eigentlich nicht will, denn alles an diesem Laden nervt. Da der Mensch aber ein seltsames Tier ist und dann doch den Weg des geringsten Widerstands (oder in diesem Fall der geringsten Entfernung) geht, renne ich also nach wie vor in diesen überteuerten und unfreundlichen Laden und denke nach jedem Einkauf: Das war das letzte Mal. Neulich aber – und jetzt kommt der Krömer-Moment, der dann von einem Modi-Rosenfeld-Moment, einem anderen Comedian, abgelöst wird – fragte mich ein Mitarbeiter an der Kasse: »Haben Sie alles gefunden, wonach Sie gesucht haben?« Meine Reaktion? »Ick zuckte zusammen!« Aber wie.

So viel Interesse, Entgegenkommen und Freundlichkeit war ich nicht gewohnt. Er muss neu hier sein, dachte ich und musste sofort grinsen, da mich dieser Satz an einen Sketch von Modi Rosenfeld erinnerte. Rosenfeld erzählt darin von einem Besuch bei Trader Joe’s, dem Lebensmittelgeschäft. Nach seinem Einkauf also (»Alles kostete einen Dollar neunundsechzig« – schöne Grüße an den Bioladen …) geht er zur Kasse und wird mit eben dieser Frage konfrontiert: »Haben Sie alles gefunden, wonach Sie gesucht haben?«

In den USA ist Freundlichkeit im Einzelhandel – auch wenn sie vielleicht nicht immer aus dem Bauch kommen mag – vollkommen normal. Das ist hierzulande gebietsweise etwas bis ganz anders. Modi Rosenfelds Antwort jedenfalls war: »Ich habe Dinge gefunden, von denen ich nicht wusste, dass ich sie gesucht habe.«

Der Mensch ist nun einmal ein seltsames Wesen ...

Mir lag es in dem Moment an der Kasse ein bisschen auf den Lippen, dieses Modi-Zitat, aber ich hätte es komisch gefunden, es zu sagen, denn es wäre ja etwas geschwindelt gewesen. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich dort etwas kaufe, was nicht auf meinem Zettel oder in den Notizen meines Smartphones steht. Also ließ ich es, wurde noch mit zwei, drei anderen Freundlichkeiten durch den Bezahlprozess begleitet und ging lächelnd (sic!) in den Laden nebenan. Der wiederum ist super! Alle dort sind entspannt, nett, zuvorkommend. Allerdings möchte ich dort eigentlich nicht so oft hingehen, weil Baguette, Käse und Wein sehr teuer sind und etwas weniger vollwertig.

Aber der Mensch ist ein seltsames Wesen, und je nach (politischer) Weltlage … na, Sie wissen schon. Die bittere Erkenntnis ist nur: Sich etwas Schönessen – oder trinken – wird immer schwieriger. Da höre ich lieber nochmal etwas Altes von Kurt Krömer.

Essay

Licht und Schatten

Unser Autor hat vor 38 Jahren die Videoskulptur »Menora/Inventur« geschaffen. Warum sein Kunstwerk demnächst in Prag zu sehen ist – nicht aber in einer Ausstellung in Karlsruhe

von Michael Bielický  25.06.2026

Kulturkolumne

Jenseits der Schlagzeilen – mit Davidstern in der U8

Wie mein Anhänger und ich in der berüchtigten Berliner U-Bahn-Linie auf dem Weg zur Arbeit ignoriert wurden

von Ayala Goldmann  25.06.2026

Welttournee

Ein Jahr nach seinem Tod: Lalo Schifrins letztes Werk geht auf Welttournee

In Erfüllung von Schifrins letztem Wunsch bringt der Komponist und Pianist Rod Schejtman eine Welttournee auf den Weg. Auch im deutschsprachigen Raum soll die Sinfonie »Long Live Freedom« live erklingen

 25.06.2026

Zwickau

Ausstellung zu jüdischen Lebensgeschichten

Im Jahr 2022 ist in Zwickau eine alte Torarolle wiederentdeckt worden. Die Schrift der früheren jüdischen Ortsgemeinde bildet nun das Herzstück einer Ausstellung

 24.06.2026

Programm

Erinnerung, Entwurzelung, Erläuterung: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 25. Juni bis zum 2. Juli

 24.06.2026

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  23.06.2026