Hinten in der Ecke, das war unser Lieblingsplatz. Immer wenn ich mit Familie oder Freunden in mein Lieblingscafé ging, sauste ich zuerst durch den langgezogenen Raum und schaute, ob die Bank hinten in der Ecke frei war. Wir saßen da fernab vom Gewühle und doch nah genug am Tresen, um die nächste Bestellung aufzugeben. Von dort aus konnte man auf die Zeitschriften blicken, auf die Wand, an der Gustav Klimts »Adele Bloch-Bauer I« nachgemalt war, die kleinen Verzierungen über der bordeauxroten Couch sahen aus wie die Lieblingskekse aus der Lieblingsbäckerei neben dem Lieblingscafé, das nun schließen wird.
Ende der Woche wird eine Ära zu Ende gehen – zumindest für meine Familie, meine Freunde und mich. Das »Sowohlalsauch«, das ursprüngliche, wird es in dieser Form nicht mehr geben. Nach 30 Jahren ist Schluss im Prenzlauer Berg. Diese Nachricht schickte mir einer meiner beiden Freunde, mit denen ich mich regelmäßig zum Kuchenessen, Tee- oder Aperol-Spritz-Trinken dort traf. Wir nannten es »Gam we gam«, und wenn wir uns zum »rosa Getränk« dort trafen, war klar, dass es sonntags gegen zwei Uhr war.
Wir waren immer im »Sowohlalsauch« – morgens, mittags, nachts
Das sind vielleicht Nachrichten, die gemessen an den Katastrophen in der Welt gerade Pillepalle sind, aber es gibt ja manchmal noch ein Leben neben den Nachrichten, und das fand unter anderem eben im »Sowohlalsauch« statt. Wir haben hier gefrühstückt, wir haben Mittag gegessen, Kuchen sowieso immer, Abendbrot, und in jüngeren Jahren haben wir auch bis sehr spät in die Nacht hinein das eine oder andere Glas gehoben. Vor dem Kino, nach dem Kino, weil wir einfach gerade in der Nähe waren, weil die Sonne schien, weil niemand Lust hatte zu kochen.
Meine Nichte trank hier ihren ersten Kakao, draußen in der Sonne. Wir fütterten die Spatzen mit den Krümeln der selbst gebackenen Kekse vom Café. Drinnen war es ihr immer zu laut, aber im vergangenen Jahr saßen wir doch zweimal wirklich drinnen und aßen zu Mittag. Rösti mit Lachs. Sie hatte sich Eierkuchen bestellt, wollte dann aber meine Rösti, allerdings ohne Lachs, also aß ich schlussendlich Eierkuchen mit Lachs. Probieren Sie das mal: mit Kaffee geht es.
Es war immer voll, aber offenbar eben nicht so regelmäßig, als dass das Café hätte überleben können. Die Kellnerinnen und Kellner waren immer nett, nie zu zuvorkommend, nie zu maulig, nie zu distanziert, nie zu überschwänglich: Es war diese angenehme Mischung aus höflicher Frotzelei, die Menschen aus Berlin und Brandenburg gewohnt sind und ertragen können.
Und jetzt schliesst auch noch die »Bekarei« ...
Das soll jetzt alles passé sein? So richtig will mir das noch nicht in den Kopf. Und ich war nur Gast dort. Wie es wohl den Angestellten gehen mag? Nicht auszudenken. Einer der Kellner, der immer am coolsten war, sagte am Sonntag auf meine Frage »Und dit wart jetze?«: »Ja, dit wart. Nächstet Wochenende noch mal.« Wir könnten ja ein neues Café aufmachen, meinte er. Einen Namen hätte er auch schon: »Entwederoder«.
So galgenhumorig grinsend ging ich nach Hause, vorbei an meinem anderen Lieblingscafé, das ich gedanklich schon als meinen neuen Platz ausgesucht hatte – ich habe ja nur diese zwei von mir handverlesenen Lieblingscafés –, und wollte noch einen Kaffee trinken.
An der Tür stand auf einem Schild: »Obrigada, Prenzlauer Berg«. Auch die »Bekarei« schließt, nach 20 Jahren. Keine Pointe.