Glosse

Der Rest der Welt

Foto: Getty Images

Ich bin eigentlich eine sehr schüchterne Person. Ich hasse es zum Beispiel, vor Publikum zu sprechen. Ich laufe dann sofort hochrot an und bekomme Schweißausbrüche und Panikattacken. Trotzdem habe ich mich überreden lassen, bei einer Podiumsdiskussion mitzuwirken – Thema: »Junge Juden in Deutschland«. Jung? Ich? Ich bin 51 und stecke mitten in der Midlife-Crisis. Aber die wollen mich trotzdem haben. Sie finden mich jung und hip. Ist das nicht toll? Wie könnte ich da Nein sagen!

Am Abend der Veranstaltung bin ich dann trotzdem ein nervliches Wrack. Meine Eltern sitzen zur moralischen Unterstützung im Publikum. Die anderen Diskussionsteilnehmer trudeln ein: Zwei junge Hühner um die 30 in engen Klamotten sind schon da, auf den dritten, einen über-hippen Nachwuchs-Rapper, warten wir noch. Die beiden jungen Hühner haben stylish-glossy Haare, sind perfekt geschminkt und sehen über mich in meinem Wurstpellen-Outfit einfach hinweg.

Da kommt ein Fuzzi vom Organisations-team und übergibt uns allen ein Mikrofon-Headset mit Taschensender. Natürlich wissen die beiden Hühner gleich, wie man so etwas nonchalant an sich befestigt, den Taschensender stecken sie ganz cool in ihre Jeanstaschen. Ich aber trage einen Rock ohne Taschen … Ich kämpfe mit dem Mini-Mikrofon, dem Taschensender, dem Kabel und dem Drahtgestell, das sich dauernd in meiner Frisur verheddert. Die beiden Hühner biegen sich vor Lachen. Der Orga-Typ verankert das Headset fachmännisch in meiner Putzwoll-Frisur und gibt mir den Taschensender in die Hand. Ich sehe richtig doof aus mit dem Mini-Mikro im Gesicht und beschließe, mich für die nächste Viertelstunde einfach auf der Toi­lette zu verstecken.

Hat der ganze Saal mein Geschniefe, meine Mantras und – OMG – die Wasserspülung gehört?

Nervös stehe ich vor dem Waschbecken, schniefe in mein Taschentuch und spreche ein paar beruhigende Mantras. Hinter mir geht die Klospülung. Da bemerke ich, dass der Taschensender in meiner Hand grün blinkt. Ist das Teil etwa an? Sind wir auf Sendung? Hat der ganze Saal mein Geschniefe, meine Mantras und – OMG – die Wasserspülung gehört? Mir wird übel. Ich überlege kurz, durch das kleine Toilettenfenster zu türmen, schiebe mich dann aber dennoch zitternd Richtung Podium und setze mich auf meinen Platz.

Vom vierten Diskussionsteilnehmer, dem Rapper, immer noch keine Spur. Der Moderator erklärt, dass der Musiker leider in letzter Minute absagen musste, und ruft stattdessen spontan meinen 87-jährigen Vater in die Runde! Sie haben vielleicht schon von meinem Papa gehört … seines Zeichens Rabbiner a. D. mit Star-Qualität, ein echter Publikumsliebling, bekannt aus Funk und Fernsehen. »Herr Rabbiner«, sagt der Moderator, »Sie sind jünger als wir alle zusammen!«

Die Menge lacht, mein Vater erklimmt das Podium, bekommt Standing Ovations, noch bevor er ein Wort gesagt hat. Er zwinkert mir zu, ich grinse erleichtert zurück. Und von da an ist alles paletti. Die Leute sind hin und weg, und am Ende der Veranstaltung bekommen mein Vater und ich als neues Dream-Team jede Menge Komplimente. Und ich fühle mich auf einmal sehr happy, sehr jung – und bin irgendwie sehr dankbar.

Glosse

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Tipps und Tricks für Judenhasser

Eine Handreichung

von Daniel Neumann  01.05.2026

Venedig

Israelischer Künstler Belu-Simion Fainaru: »Diskriminierung offenbar beendet«

Nach Ausschluss Israels und Russlands von der Preisvergabe: Jury der Kunstbiennale tritt geschlossen zurück

von Ayala Goldmann  30.04.2026

Püttlingen

Bob Dylan als Maler: Ausstellung im Saarland rückt unbekannte Seite in den Fokus

Der jüdische Sänger und Songwriter kann auch malen. Eine Ausstellung seiner »Drawn Blank Series« belegt dies

 30.04.2026

New York

Buch über Hersh Goldberg-Polin auf Platz eins der Bestsellerliste

Rachel Goldberg-Polin, die Mutter, schildert vor allem die Zeit nach der Beisetzung ihres Sohnes Ende August 2024 und beschreibt das Leben ihrer Familie in einer Welt »davor« und »danach«

 30.04.2026

Aufgegabelt

Kabeljau mit Tahini

Unser Rezept der Woche

von Katrin Richter  30.04.2026

Lesen

Das Gefühl des Kontrollverlusts

Der Amerikanist Michael Butter setzt sich erneut mit dem Begriff der Verschwörungstheorie auseinander, versäumt aber etwas

von Till Schmidt  30.04.2026

Kino

Miranda ist zurück

20 Jahre nach dem großen Erfolg von »Der Teufel trägt Prada« geht es weiter. Und das Ticket lohnt sich sogar

von Sophie Albers Ben Chamo  30.04.2026

Kulturkolumne

Wer braucht schon Kontakte ins Weiße Haus?

Unser Autor hat das nicht nötig – dank seiner Belarus-Connection

von Eugen El  30.04.2026

Medien

Springer-Chef Döpfner nimmt »Politico«-Redaktion in die Pflicht

Niemand sollte für Axel Springer arbeiten, wenn er Israels Existenzrecht anzweifelt, stellt Mathias Döpfner nach Kritik aus der »Politico«-Redaktion klar

 29.04.2026 Aktualisiert