Finale

Der Rest der Welt

An Rosch Haschana kann man es sich auch zu Hause schön machen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Finale

Der Rest der Welt

Mehr Honig in den Kuchen oder Warum niemand Null-Tage-Jude werden muss

von Ayala Goldmann  17.09.2020 13:08 Uhr

Schwere Zeiten für Drei-Tage-Juden, also für Leute wie mich. Bekanntermaßen lassen wir uns das ganze Jahr in der Synagoge nicht blicken.

An Rosch Haschana und Jom Kippur aber laufen wir in Feiertagskleidern auf, verdrücken eine Träne vor Glück (oder so ähnlich), einer jüdischen Gemeinschaft anzugehören, und lassen uns auf den neuesten Stand bringen, was Klatsch und Tratsch angeht.

JOM KIPPUR Doch auch uns macht die Pandemie einen dicken Strich durch die Rechnung. Denn wer möchte schon an Rosch Haschana in der Synagoge sitzen und sich zehn Tage später an Jom Kippur schuldig bekennen, durch seine Anwesenheit andere Beter in Gefahr gebracht zu haben?

Unsere Rabbinerinnen und Rabbiner tun mir wirklich leid: Seit Wochen und Monaten basteln sie an komplizierten Regelungen, um Corona-kompatible Gottesdienste zu ermöglichen. Doch jeder noch so ausgeklügelte Plan hat einen Haken: Die wunderbare Art der Gemeinschaft, die gerade wir Drei-Tage-Juden jetzt dringend bräuchten, um Kraft und Energie zu tanken und ein bisschen Spiritualität mit ins neue Jahr zu nehmen, wird dadurch nicht hergestellt.

Wir werden noch so wohltönende Schofarklänge oder das schönste aller Kol Nidres nicht genießen können, ohne dabei an Aerosole zu denken.

Nein, wir werden noch so wohltönende Schofarklänge oder das schönste aller Kol Nidres nicht genießen können, ohne dabei an Aerosole zu denken. Die alten Bekannten, die wir einmal im Jahr in der Synagoge treffen, werden nicht da sein – oder in einem anderen Saal sitzen. Verkürzte Gebetbücher, die man im Internet herunterladen kann, sind eine tolle Idee – aber mal ehrlich, wer von uns wird sie wirklich öffnen und zu Hause das hebräische Gebet Unetane Tokef sprechen?

Und wahrscheinlich wird nicht einmal das Taschlich so sein wie früher. Denn das, was wir im Fluss versenken wollen – in meinem Fall in der Spree –, sind nicht unsere Sünden (Drei-Tage-Juden begehen bekanntlich keine nennenswerten), sondern es ist das elende Virus, das wir gerne loswerden würden, mehr als alles andere auf der Welt.

Die gute Nachricht: Es geht uns viel besser, als wir denken. Ein Anruf bei Verwandten und Freunden in Israel genügt, um uns vor Augen zu führen, was Pandemie bedeuten kann: Die Fallzahlen steigen, die Krankenhäuser füllen sich, Tourismusführer sind arbeitslos, Opernsänger haben keine Auftritte, Geschäfte müssen schließen, ein neuer Lockdown trennt Großeltern und Enkel, und alle zusammen verfluchen die Regierung. Rosch-Haschana-Stimmung? Fehlanzeige!

SELBSTMITLEID Ich weiß nur zu gut, dass Selbstmitleid »in« ist – gerade unter Drei-Tage-Juden. Aber vielleicht ist Rosch Haschana die Gelegenheit zu begreifen: Auch in Corona-Zeiten leben wir in einem gesegneten Teil der Welt, und Antisemiten gibt es überall.

Wir wollen nicht in die Synagoge? Deswegen müssen wir nicht zu Null-Tage-Juden werden. Dann machen wir es uns eben zu Hause schön. Das große Feiertags­essen fällt aus? Rufen wir diejenigen an, die wir gerne eingeladen hätten, schütten noch mehr Honig in den Kuchenteig und freuen uns auf Rosch Haschana 5782. In diesem Sinne wünsche ich allen Drei-Tage-Juden und dem Rest der Leserschaft ein gutes neues Jahr 5781!

Frankreich

Undercover bei Israelfeinden

Für ihr Buch »Die neuen Antisemiten« recherchierte die französische Journalistin Nora Bussigny nach dem 7. Oktober in Aktivistengruppen und bei Demonstrationen

 19.01.2026

"Imanuels Interpreten" (17)

Carole King: Die lebende Legende

Von einem schüchternen Mädchen mit absolutem Gehör entwickelt sich die jüdische Künstlerin zu einer der einflussreichsten Songschreiberinnen und Sängerinnen

von Imanuel Marcus  19.01.2026

Fernsehen

Dschungelcamp 2026: Gil Ofarim soll Rekord-Gage kassieren

Der 43-jährige Sänger bekommt laut »Schlager.de« für seine Teilnahme an der in Australien gedrehten Show mehr Geld als je ein Teilnehmer zuvor

 18.01.2026

Aufgegabelt

Schkedei Marak

Rezepte und Leckeres

von Katrin Richter  18.01.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Meine Rache am System oder Wie ich an »weißes Gold« komme

von Ralf Balke  18.01.2026

Wissenschaft

Zellen gegen die Zeit

Israelische Forscher entdecken, wie unser Immunsystem den Alterungsprozess bremsen kann

von Sabine Brandes  18.01.2026

Sachbuch

Ein sehr deutsches Leben

Mit der Biografie über seinen Großvater erzählt Andreas Möller von einem Leben zwischen Mitläufertum und Aufbegehren

von Ralf Balke  18.01.2026

Eurovision Song Contest

Hape Kerkeling für Israels Teilnahme

Der Buchautor sagte in einem Podcast: »Das gehört einfach nicht auf die ESC-Tagesordnung, darüber zu sprechen.«

 17.01.2026

Fußball

Makkabäer-Ehrenpreis für den »Freundeskreis Hersh Goldberg-Polin«

Die Fangruppe wird für ihre Haltung, Zivilcourage und ihr klares Werteverständnis gegen Antisemitismus geehrt

 16.01.2026