Finale

Der Rest der Welt

Guten Morgen, ist schon wieder Homeoffice? Foto: Getty Images

Es gibt keine empirische Studie, aber aus eigener Erfahrung ist mir klar: Corona ist schlecht für die Beziehung. Wer zwei Wochen lang jeden Tag auf die Website der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung gestarrt hat, um sein Corona-Testergebnis zu erfahren, nur um festzustellen, dass die KV die Testnummer verloren hat, der weiß, dass in einem jüdischen Haushalt (auch wenn der Mann überhaupt nicht jüdisch ist) die Freitagnacht niemals mehr die gleiche sein kann wie zuvor.

Mischna Ein Problem in mehrfacher Hinsicht: Laut Mischna ist ein Mann verpflichtet, seiner Frau Lust zu bereiten. So steht es schließlich in Ketubot 5,6, einer in der jüdischen Welt überall bekannten Quelle: »Die in der Tora genannte Gattenpflicht ist: Müßiggänger täglich, Arbeiter zweimal wöchentlich, Eseltreiber einmal wöchentlich, Kamelführer einmal in 30 Tagen, Seeleute einmal in sechs Monaten.«

Manche Rabbiner meinen, dass Eseltreiber mit Gelehrten gleichgesetzt werden können – also mit Akademikern. Geläufig ist auch die Pause, die einem jüdischen Akademikerpaar erlaubt ist: »Von Schabbatnacht zu Schabbatnacht.«

Eindeutig aber geht aus der Mischna hervor, darüber sind sich die maßgeblichen männlichen Weisen einig, dass es keine verbindliche Norm für alle Ehemänner gibt. Individuelle Umstände und historische Rahmenbedingungen seien zu berücksichtigen. Schon klar, warum sie so argumentieren.

Logik Auf Corona-Zeiten angewandt, heißt das wohl: Mildernde Umstände gelten für Männer, deren Frauen im Homeoffice arbeiten! Ich muss einräumen, dass die Logik nicht von der Hand zu weisen ist: Seitdem Redaktionsmeetings nicht mehr über Zoom, sondern als Telko stattfinden, stolpere ich aus dem Bett direkt an den Schreibtisch. Im Schlafanzug. Mir doch egal, wie ich aussehe.

Wichtig ist nur, dass das Frühstücksmüsli nicht auf die Tastatur tropft. Das Aufhübschen für die Zoom-Konferenz entfällt, Kämmen ist auch nicht mehr nötig. Meinem Arbeitgeber kann das nur recht sein – die gesamte Energie fließt in seinen Computer. Ich bin aber sicher, dass mein Mann mich schon mal toller fand, obwohl er sich jede Bemerkung taktvoll verkneift.

Tinder Bei anderen läuft bestimmt alles besser: Eine israelische Freundin hat gerade auf Tinder, wo Hochkonjunktur herrscht, ihren neuen Freund kennengelernt. Der Tiergarten in Berlin ist voller datender Paare. So viel zu »Social Distancing«!

Was soll ich da sagen? Ich checke die Nachrichten, koche das Mittagessen, treibe meinen Sohn an, Hausaufgaben zu machen, und wähle mich jeden Morgen ins Redaktionsmeeting ein. Und wenn immer dieselbe Frauenstimme mich ohne Leidenschaft auffordert: »Geben Sie Ihre Sitzungs-ID und ein Rautezeichen ein«, dann weiß ich, dass die Sitzung wieder ein Highlight wird. Besonders morgen, wenn das nächste Zoom-Meeting ansteht. Wo ist eigentlich mein Kamm?

Glosse

Der Rest der Welt

Es war der Sommer 1987, und fast immer sah ich »Dirty Dancing«

von Margalit Edelstein  30.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  30.08.2026

Hessen

Antisemitismusbeauftragter kritisiert Berufung von Maha El Hissy in Jury des Deutschen Buchpreises

Uwe Becker charakterisiert die Literaturkritikerin als »Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype« und hofft auf ihre Abberufung

 30.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026