Finale

Der Rest der Welt

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Der Rest der Welt

Ich bin ein Softie oder Warum ich das Weichheitszeichen im Namen vermisse

von Eugen El  04.06.2020 10:31 Uhr

Ich habe ein kleines Geheimnis. Eugen El lautet mein Name in sämtlichen Ausweisen mit Bundesadler, unter Zeitungsartikeln und auf amtlichen Briefen, in sozialen Netzwerken und E-Mails. Aber eigentlich heiße ich ganz anders. Ich wurde nicht als Eugen El geboren. In meiner sowjetischen Geburtsurkunde ist Эль Евгений Александрович vermerkt.

VATERSNAME Familienname, Vorname, Vatersname, alles schön patriarchalisch geordnet. Sagen Sie jetzt nicht, Sie können den Namen nicht lesen! Sie können Russisch, wollen es aber nur nicht zugeben! Es ist allgemein bekannt, dass viele Russischsprechende auch im Ausland selbstverständlich davon ausgehen, dass sie jeden in ihrer Muttersprache nach dem Weg fragen können. Russisch ist doch Weltsprache!

Aber ich schweife ab. Denn ich wollte erzählen, wie aus Эль Евгений Александрович Eugen El wurde. Es begann 1991, als die Sowjetunion kollabierte und wir uns im nunmehr unabhängigen Belarus alias Weißrussland wiederfanden. Die neu entstandene Republik druckte nicht nur eigene, als »Häschen« verspottete, Geldscheine mit Waldtiermotiven, sondern auch neue Pässe für ihre damals knapp zehn Millionen Staatsbürger.

POLNISCH Aus unerfindlichen Gründen – vielleicht zwecks Verschlüsselung? – wurden alle Namen erst ins Weißrussische, eine Mischung aus Russisch und Polnisch, übersetzt. Im nächsten Schritt übertrugen die Minsker Passbeamten die Namen ins Französische.

Ich will Sie nicht mit Details quälen, jedenfalls fand ich mich in meinem belarussischen Pass unter dem Namen Yauhen El wieder. Der russische Vorname Jewgenij, der nach Onegin und großer russischer Klassik klingt, war weg – und Yauhen war vor allem unaussprechlich.

Als wir 1997 nach Deutschland einwanderten, hatten nicht nur Grenzbeamte und Amtsmitarbeiter ihren Spaß mit der Entschlüsselung meines Vornamens. Bei der nächsten Passerneuerung entschieden sich meine Eltern daher, den Vornamen einzudeutschen. Unter den Spätaussiedlern und jüdischen Kontingentflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion sind übrigens viele Jewgenijs, und aus einigen von ihnen wurden Eugens.

AUSSPRACHE Aber ich schweife schon wieder ab. Denn ich wollte doch erzählen, wie mein Familienname auf dem Weg in den Westen ein Drittel seiner ohnehin schon überschaubaren Länge verlor: wie aus Эль El wurde. Ich schweige davon, dass er in 95 Prozent der Fälle falsch ausgesprochen wird. Der russische Buchstabe э ist nun mal kein e!

Ich schweige auch von den Zeitgenossen, die in mir Herrn Ei erblicken. Ich will nur auf den letzten, verloren gegangenen Buchstaben meines Nachnamens hinaus.

Auf das ь – ein kyrillisches Zeichen, das es im lateinischen Alphabet nicht gibt! Das ь zeigt an, dass ein Konsonant weich ausgesprochen wird. Ein Hoch auf dieses geniale Zeichen! Ich will es zurück in meinem Namen. Du fehlst mir, liebes ь!

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