Glosse

Der Rest der Welt

Demnächst wieder in schön: De Badboot Foto: imago/Belga

Glosse

Der Rest der Welt

Wenn aus dem perfekten Pool eine Geldstrafe wird

von Margalit Edelstein  29.08.2019 15:20 Uhr

Kobaltblau glitzernd und glasklar, angenehm temperiert, mit einer kühlen Brise, die vom Fluss herüberweht: Das ist der perfekteste Pool aller Zeiten. Mitten in Antwerpen, praktisch vor meiner Haustür, und um diese morgendliche Uhrzeit noch fast völlig leer.

Leise schwappen blaue Wellen an die Wände des Schwimmbeckens, das sachte vor sich hinschaukelt. Denn wir befinden uns auf dem Badboot, dem sensationellen schwimmenden Pool auf einem Boot mitten im Fluss, kurzum: dem himmlischsten Pool der Welt, erreichbar nur per Wassertaxi. »Chill!«, wie meine Kinder sagen würden.

Acryl Und »style!«, wie ich sagen würde, denn alles hier ist glänzend neu und chic – Antwerpener Design eben. Von den polierten Edelstahlwänden bis über die chrom-glänzenden Regenduschen und die blau-irisierenden Acrylblumentöpfe, die über den Köpfen der Schwimmenden angebracht sind, und von denen ich sooooo gerne einen stibitzen würde. Aber: Überall steht streng guckendes Badepersonal, und außerdem hängen die Teile einfach zu hoch. Seufz!

Fast vollkommen glücklich ziehe ich jeden Tag meine Runden. Eigentlich tat es mir leid, dass wir in den Urlaub gefahren sind und ich mich für drei Wochen von meinem heiß geliebten Pool verabschieden musste. Einige Wochen später: Braun gebrannt und glücklich vor mich hin summend, parke ich das Auto am Flussufer und schlendere in Richtung Badboot.

Zwischen den Docks spähe ich in Richtung Fluss, um das erste kobaltblaue Glitzern zu erhaschen. Nur: Da glitzert nichts. Alles, was ich sehe, ist trüb-schwappendes graues Schelde-Flusswasser. Hä? Habe ich mich in der Adresse geirrt? Links der Yachthafen. Rechts die Docks. Dazwischen: nichts. Ich blinzele verwirrt und überlege, ob ich zum Frühstück wohl irgendwelche halluzinogenen Substanzen geschluckt haben könnte. Hmm, nein, nicht wirklich.

Weit und breit ist niemand zu sehen. Es ist still wie auf dem Mond. Nur ein paar Möwen kreischen. Ich ziehe mein Handy heraus, google und stelle fest, dass das Badboot vor knapp einer Woche abgesoffen ist. Mitten in der Nacht, Ursache: etwas unklar.

Möwen Ich starre aufs Wasser. Ganz weit draußen dümpeln einige blaue Acrylblumentöpfe, von kreischenden Möwen umkreist. Ob ich vielleicht …?

Ich stippe meine Hand ins Flusswasser. Brrrr! Eiskalt und übelriechend. Man müsste mit einem Gummiboot rauspaddeln und sich die Dinger schnappen, bevor es jemand anderes tut. Und was ist mit den coolen Designer-Duschköpfen und der Inneneinrichtung? Bestimmt ruhen sie auf dem Grund und werden bereits von Saugschnecken und anderem Krustengetier bevölkert.

Ich düse zum Tauchershop, leihe mir eine Ausrüstung, ein Paddelboot, ein Fangnetz, und paddele raus. Komisch, dass die Wasserpolizei dort schon auf mich wartet, mir erklärt, ich sei in dieser Woche schon die 20. Irre in einem Gummiboot und würde jetzt wegen Flusswilderei zu einer hohen Geldstrafe verknackt. Und das Badboot? Wird im Sommer 2020 an einer anderen Stelle des Flussufers mit einer Party wiedereröffnet.

Programm

Erinnerung, Entwurzelung, Erläuterung: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 25. Juni bis zum 2. Juli

 24.06.2026

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  23.06.2026

Kommentar

Wer kann das noch ernst nehmen?

Immer mehr zeigt sich: Anmoderation und Exekution von Unwahrheiten und falschen Fakten vor einem Millionenpublikum sind kein ärgerlicher Ausrutscher, sondern gezielte Agitation

von Daniel Killy  23.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Hören

»Amalie’s Cosmos«

Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand stellt eine deutsch-jüdische Salonnière ins Zentrum ihres neuen Albums

von Claudia Irle-Utsch  22.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  22.06.2026