Kolumne

Der Rest der Welt

Warum ich mich auch in 70 Jahren nach Israel sehnen werde Foto: Marco Limberg

Israel wird 70. Masal Tov! Leider lebe ich nicht in Tel Aviv, wo es die besten Partys gibt, sondern seit 16 Jahren wieder in Berlin. Doch in der Rückblende werden meine Jahre in Eretz Israel – immerhin sechs am Stück! – zur schönsten Zeit meines Lebens, und die Sehnsucht wächst von Jahr zu Jahr.

Früher habe ich über Pantoffelzionisten gelacht, die aus der Ferne Solidarität beschwören und immer das Beste für Israel wollen – nur nicht, ihre Kinder dort zur Armee zu schicken. Heute bin ich selbst Pantoffelzionistin: Ich höre im Fitnessstudio alte Schnulzen von Shlomo Artzi auf YouTube, mache zweimal im Jahr Urlaub in Israel und träume von der Alija und einem sinnerfüllten Leben im Land der Väter.

Wenn ich in Tel Aviv bin, sitze ich nostalgisch aufgelegt in Cafés, die früher mal angesagt waren, oder im Biergarten des gentrifizierten Sarona und sinniere darüber, wie mein Leben als echte Israelin verlaufen wäre (bestimmt hundertmal spannender als in Deutschland).

Heimweh Natürlich vergesse ich, dass ich auch früher das Beste verpasst habe, denn als Journalistin in Tel Aviv war ich nie bei tollen Partys, sondern habe immer nur gearbeitet. Und hatte oft Heimweh. Nach Wald. Nach Berlin. Nach Europa ...

Aber nach 16 Jahren geht mir Berlin gewaltig auf die Nerven. In Eretz Israel ist alles besser! Alle sind spontan, herzlich, direkt! Und die Politik besteht nur aus Highlights: Nie könnte es passieren, dass eine TV-Neujahrsansprache im nächsten Jahr wiederholt wird – was der ARD am 31. Dezember 1986 erst auffiel, als Kanzler Helmut Kohl am Schluss »ein gutes neues Jahr 1986« wünschte.

Nein, in Israel ruft ein Ex-Chef des Schin Bet dazu auf, am Vorabend des Unabhängigkeitstags den Fernseher auszuschalten, wenn der Ministerpräsident spricht. Immer ist Action! Und ganz egal, wer redet – es ist Hebräisch, die schönste Sprache der Welt!

Familie Dass mir die ständige Einmischung der Verwandtschaft in mein Privatleben entsetzlich auf die Nerven ging (mein Onkel Rudi, mittlerweile 103, glänzte immer wieder gerne mit der Frage: »Hast du endlich jemanden kennengelernt?«), blende ich lieber aus. Mittlerweile habe ich ja selbst Familie.

Leider ist mein Mann kein Zionist. Er lehnt Temperaturen über 25 Grad prinzipiell ab. Ich dagegen habe in unserem Pessach-Urlaub darüber nachgedacht, eine Eigentumswohnung in Eilat zu kaufen. Ein Platz an der Sonne, meine private jüdische Heimstätte, wenn ich in Rente bin!

Infrage kam leider nicht das hübsche Grundstück mit Swimmingpool für eine Million Euro, sondern eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einer Betonburg an der Hauptverkehrsstraße zum Taba-Grenzübergang. Kostenpunkt: 250.000 Euro.

Immobilienhaie Zum Glück leiht mir niemand eine Viertelmillion Euro, sonst wäre ich das perfekte Diaspora-Opfer für israelische Immobilienhaie. Aber eines steht fest: Meinem einzigen Sohn werde ich nie erlauben, in einer Kampfeinheit zu dienen.

Israel wird 70. Masal tov! Bis 120 und darüber hinaus! In 70 Jahren bin ich 118. Wenn ich dann noch lebe, finden Sie mich – falls Sie dann noch leben – im jüdischen Altersheim am Lietzensee in Berlin-Charlottenburg. Und an meinen Wänden hängen viele schöne Bilder vom Roten Meer.

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026

London

»In The Grey«: Jake Gyllenhaal als Schuldeneintreiber

Regisseur Guy Ritchie schickt den jüdischen Schauspieler in eine gefährliche Grauzone zwischen Gesetz und Unterwelt

von Philip Dethlefs  20.05.2026

Programm

Lebenswille, musikalische Soiree und Fußball unterm Hakenkreuz: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 14. Mai bis zum 21. Mai

 19.05.2026

Analyse

Warum Israel beim ESC so erfolgreich war

Gegen Israels Teilnahme am ESC gab es viele Proteste, doch die Zuschauer stimmten am Ende überaus oft für den Beitrag ab. Wie passt das zusammen? Eine Analyse zum Voting-System, zur Werbung und dem Beitrag selbst

von Daniel Zander  19.05.2026

Kultur

Wer ist »Michelle«? Das Geheimnis um Israels ESC-Song

Noam Bettans Lied klingt wie eine Trennungsgeschichte – doch viele interpretieren den Text anders: Als die komplizierte Beziehung des jüdischen Volkes zu Europa

von Sabine Brandes  19.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  19.05.2026

Berlin/Paris

Berliner Fotograf dokumentiert Pariser Juden-Deportation

Lange Zeit unbekannte Fotos zeigen, wie Pariser Juden 1941 ahnungslos einer Vorladung folgten – und in den Abgrund geführt wurden. Was der Harry Croner dabei dokumentierte

 19.05.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026