Finale

Der Rest der Welt

Wo Schweigen, Anti-Jichud und Zniut nichts ausrichten, hilft leider nur Pfefferspray. Oder ein gezielter Tritt. Foto: imago

Erst jahrzehntelanges Schweigen, jetzt Wortmeldungen ohne Ende: Harvey Weinstein und seine schamlosen Übergriffe auf Frauen sind als Thema geradezu unerschöpflich.
Was mich dabei am meisten wundert, ist nicht die Zahl seiner Opfer, sondern, dass sich jüdische Frauen neuerdings mit Patentrezepten gegen sexuelle Belästigung outen, ihre Weisheiten aber schnell wieder zurücknehmen, wenn öffentlich Gegenwind aufkommt.

Es begann mit Donna Karan. Die Designerin erklärte im Interview auf einem roten Teppich in L.A., welche falschen Signale Frauen durch die Wahl ihrer Garderobe senden. »Es ist nicht Harvey Weinstein. Überall auf der Welt, wo man sich umschaut, weiß man, wie Frauen sich anziehen – und wonach sie suchen, wenn sie sich präsentieren, wie sie es tun. Wonach suchen sie? Ärger.« Einen Tag später erklärte die Designerin, ihre Worte seien aus dem Kontext gerissen worden.

New York Times So weit, so ärgerlich. Die nächste Blöße – falls man bei einem Eintreten für Zniut von Blöße sprechen kann – gab sich die Schauspielerin Mayim Bialik in einem Text für die »New York Times«. »Ich habe mich entschieden, dass mein sexuelles Ich für private Situationen mit den Menschen reserviert bleibt, mit denen ich am intimsten bin«, schrieb Bialik. »Ich kleide mich zurückhaltend. Meine Politik ist es, nicht aktiv mit Männern zu flirten.« Nur ein paar Tage später entschuldigte sich auch die Schauspielerin: »Was du trägst und wie du dich kleidest, macht dich in keiner Weise mitschuldig an einem Angriff.«

Cleverer erschien mir da – beim ersten Lesen – die Überlegung von Avital Chizhik-Goldschmidt. Die Redakteurin des »Forward« bekennt: »Als Reporterin in der orthodoxen Welt kann ich die Hinweise auf sexuelle Angriffe innerhalb der Gemeinschaft nicht mehr zählen.«

Jichud Statt Zniut propagiert sie deshalb, neu über das Verbot von »Jichud« nachzudenken – das Zusammentreffen von Mann und Frau, die nicht verheiratet sind. »Heute hat Jichud das Potenzial, zum mächtigen Werkzeug für Frauen zu werden, um sich in einer Welt der Weinsteins zu behaupten: Verlange, dass andere anwesend sind. Verteidige deinen persönlichen Raum!«, postuliert Chizhik-Goldschmidt.

Doch bei allem Respekt, den frau sich mithilfe der jüdischen Tradition verschaffen will – auch so werden wir die Weinsteins dieser Welt kaum in Schach halten. Ebenfalls keine gute Strategie: Wie Gwyneth Paltrow über 20 Jahre die Klappe zu halten und erst dann zu reden, wenn andere Frauen sich längst geoutet haben. Fazit: Wo Schweigen, Anti-Jichud und Zniut nichts ausrichten, hilft leider nur Pfefferspray. Oder ein gezielter Tritt.

Wien

Israel zieht ins Finale des ESC ein

Noam Bettan überzeugt mit seinem Lied »Michelle« Jury und Publikum

von Martin Krauß  12.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich die schlechte Antwerpener Luft so manchem Insekt vorziehe

von Margalit Edelstein  12.05.2026

Ausstellung

Zerstörung bauen

Das Jüdische Museum Berlin würdigt das Werk von Daniel Libeskind und feiert den 80. Geburtstag des Architekten

von Thomas Sparr  12.05.2026

Eurovision Song Contest

Autor von Kultserie macht TV-Sender schwere Vorwürfe

Irlands Sender RTÉ boykottiert den diesjährigen ESC, weil Israel daran teilnimmt. Jetzt kommt Gegenwind: Drehbuchautor Graham Linehan will nicht, dass zeitgleich eine Episode der von ihm mitgeschaffenen Sitcom »Father Ted« ausgestrahlt wird

 12.05.2026

Serie

Filmemacher: Tagebuch von Etty Hillesum als Pflichtlektüre an Schulen

Die jüdische Autorin Etty Hillesum wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Eine Serie über den Holocaust ist »Etty« jedoch nicht: Es geht vielmehr um ihr Leben und ihre Ideen - die heute höchst aktuell erscheinen

von Paula Konersmann  12.05.2026

Eurovision

Weimer fährt für Israels ESC-Auftritt nach Wien

»Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten«, sagt der Kulturstaatsminister

 12.05.2026

Filmfestivals

Regisseurin: Filmfeste müssen politische Debatten aushalten

Wird es in Cannes ähnlich politisch wie bei der Berlinale?

 12.05.2026

Fernsehen

»Etty«: Eine junge Frau umarmt das Leben und trotzt der Vernichtung

Amsterdam 1941: Die jüdische Intellektuelle Etty Hillesum besiegt ihre Ängste und erlebt eine große Liebe. Sie führt Tagebuch, das viele weltweit berührt. Nun ist es verfilmt worden

von Annette Birschel  12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026