Finale

Der Rest der Welt

Könnten Donald Trump und Kim Jong-un nicht unter Anleitung eines Rabbis große Schofare bauen? Foto: Thinkstock

Nur noch ein paar Tage, dann beginnt der Reuemonat Elul. Genug Zeit, um sich vorher im Sommerurlaub vom Alltagsstress zu erholen und Kraft zu tanken für Selbstreflexion und Buße.

Die Umgebung jedenfalls stimmt: Wenn wir am Meer nicht zur Ruhe kommen, wo dann? Ich nehme an, der Wunsch nach Besinnlichkeit wird in diesem Jahr weit verbreitet sein – die Weltlage macht schließlich nicht nur Juden nervös.

Allerdings fühle ich mich jetzt schon schuldig, weil ich schlechte Nachrichten seit Wochen ignoriere – insbesondere, was Nordkorea und die USA angeht. Dafür habe ich einfach keinen Nerv.

Angst? Das verbale Kräftemessen erinnert mich unangenehm an die 80er-Jahre, als die Lehrer mit ihrer Polit-Depression auch uns Schüler mental in den Keller zogen. Und ich hatte dasselbe Problem wie heute: Ich hielt mich für einen abgrundtief schlechten Menschen. Denn alle hatten Angst vor dem Atomkrieg – nur ich nicht.

Obwohl ich gegen jede einzelne Rakete, die damals in Europa stationiert wurde, mindestens einmal demonstriert habe. Wer wie ich der »Generation Nachrüstung« angehört, weiß, wovon ich rede: Jedes Gespräch endete früher oder später mit der Analyse von Mittelstreckenraketenpotenzialen.

Sting stürmte die Hitparaden mit »The Russians Love Their Children, too«, und unser Englischlehrer quälte uns mit der Lektüre von Nevil Shutes On the Beach. Handlung: Die letzten Menschen auf der Südhalbkugel bereiten sich nach dem Atomkrieg, der alle Bewohner der Nordhalbkugel schon hinweggerafft hat, auf ihr Ende vor. Schließlich bringen sie sich um, weil sie nicht an der Strahlenkrankheit sterben wollen.

T. S. Eliot
Ich erinnere mich noch genau an das Gesicht unseres misanthropischen Lehrers, als er T.S. Eliot zitierte, dessen Gedicht »Die hohlen Männer« dem Roman vorangestellt war: »This is the way the world ends/ not with a bang but a whimper« (»Auf diese Art geht die Welt zugrund/ Nicht mit einem Knall: mit Gewimmer«). Aber mit 17 hatte ich eigentlich ganz andere Sorgen. Deshalb sehe ich gar nicht ein, dass ich mich retromäßig, wie in den 80er-Jahren, schuldig fühlen soll, nur weil mich auch heute mein Privatleben mehr beschäftigt als die Frage, wer die längste Mittelstreckenrakete hat.

Ich hätte aber eine konstruktive Idee für den Monat Elul: Könnten Donald Trump und Kim Jong-un nicht unter Anleitung eines Rabbis große Schofare bauen und dann im Sinne der Völkerverständigung wetteifern, wer den schöneren Ton herausbekommt?

Das würde doch viele Menschen auf der Welt sehr beruhigen. Nicht nur die Juden.

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