Finale

Der Rest der Welt

Mit wem auch immer ich in diesen Tagen spreche – man hört nur Jammern, Heulen und Zähneklappern. Nicht nur, dass Donald Trump die Wahl gewonnen hat. Ich bin auch umgeben von Leuten, die sich weigern, ihren Schock darüber in den Griff zu bekommen.

Freunde, die schon immer zu Depressionen neigten, haben nun handfeste Gründe für ihren Trübsinn: Amerika wird von einem Mann regiert, der die Absicht hat, eine Mauer zu bauen – und der denkt, als »Star« dürfe er Frauen angrabschen, wann es ihm gefällt. Ein Skandal! Das Ende der westlichen Zivilisation! Warum passiert das ausgerechnet uns – wir sind doch die Guten, die Intelligenten, die Aufgeklärten! Darauf drei Gläser Rotwein, zwei Sorten Antidepressiva und eine Riesenportion Selbstmitleid. Und am Morgen eine Handvoll Migränetabletten.

Mauer Ich verstehe die Verzweiflung nicht. Erstens war die Welt schon immer schlecht, vor allem im 20. Jahrhundert. Zweitens ist Trump im Gegensatz zu Walter Ulbricht wenigstens ehrlich: Ein Mann, ein Wort! Was ist so schlimm an einer Mauer, die in Wirklichkeit bloß ein Zaun ist? Besser als ein Zaun, der in Wirklichkeit eine Mauer ist! Sollen die Mexikaner doch dankbar sein, dass ihnen die Überwachungskameras nicht in Rechnung gestellt werden.

Übrigens hat Trump bei seinen Äußerungen über die weibliche Hälfte der Menschheit keine Altersgrenze genannt. Ist doch toll, wenn sich ein Star auch für Frauen über 50 interessiert. Endlich Schluss mit der Diskriminierung! Man muss nur hinhören: In Wirklichkeit ist Donald Trump ein authentischer Feminist.

Wen das alles nicht überzeugt: Hat irgendjemand wirklich geglaubt, dass eine intelligente Frau Chancen hatte gegen einen dummen Mann? Was erregt ihr euch über Trump und Twitter? Wenden wir uns echter Schwermut zu – Shakespeares 66. Sonett: »Ich seh’ Talent in bettelarmer Not, und blankes Nichts in Jux und Tollerei, und reinste Treue vom Verrat bedroht, und reiche Ehre schamlos falsch verschenkt, und jungfräuliche Tugend roh entehrt/ (… ) und Kunst entmündigt von der Obrigkeit, und Sachverstand vom Unsinn kontrolliert, und Einfachheit beschimpft als Dümmlichkeit – das Gute, stets vom Schlechten dominiert!«

Christopher Street Day Und wen die genialen Zeilen des Dichters nicht mental stärken, dem lege ich das bewährte Motto des Christopher Street Day ans Herz: »Anpassung – täglich neu erkämpfen!« Es gibt keine bessere Welt. Es hat nie eine bessere gegeben. Es wird auch keine bessere geben. »Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen« – das schöne Zitat stammt aus dem Prediger Salomo.

Und wen eine kleine Abwandlung vielleicht tröstet: Ein jegliches hat seine Zeit. Geboren werden und sterben, lieben und hassen, gewählt werden und abgewählt werden. Das gilt für alle. Sogar für Donald Trump.

Programm

Erinnerung, Entwurzelung, Erläuterung: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 25. Juni bis zum 2. Juli

 24.06.2026

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  23.06.2026

Kommentar

Wer kann das noch ernst nehmen?

Immer mehr zeigt sich: Anmoderation und Exekution von Unwahrheiten und falschen Fakten vor einem Millionenpublikum sind kein ärgerlicher Ausrutscher, sondern gezielte Agitation

von Daniel Killy  23.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Hören

»Amalie’s Cosmos«

Die in Paris geborene Harfenistin Anne-Sophie Bertrand stellt eine deutsch-jüdische Salonnière ins Zentrum ihres neuen Albums

von Claudia Irle-Utsch  22.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  22.06.2026