Finale

Der Rest der Welt

Die Deutschen haben endlich einen echten Grund zur Angst: Mehr als drei Viertel fürchten sich vor islamistischen Anschlägen. Gegen die Panik möchte ich ein Hausmittel anpreisen, das ich vor 20 Jahren in einem Bus in Israel entdeckt habe.

Ich spreche von Sonnenblumenkernen zum Selbstschälen, in Israel berüchtigt als »Garinim« – die notorischen Kerne, die israelische Rüpel zum Verdruss aller Kulturinteressierten auch im Theater und im Kino lautstark knacken, um die Schalen dann gekonnt unter dem Sitz des Vordermanns zu platzieren.

Garinim Wollen Sie wissen, warum ausgerechnet Garinim gegen Terrorangst wirksam sind? Dann versetzen Sie sich ins Jahr 1996 in Jerusalem, wo ich damals studierte. Rabin war Ende 1995 ermordet worden, die Hamas bombte gegen den Friedensprozess. Zweimal traf es die Egged-Linie 18. Kurz nach sechs Uhr morgens.

Meine Mutter rief mich um sieben Uhr aus Deutschland an, um sich zu versichern, dass ich noch am Leben war. Ich reagierte patzig: »Du weißt doch genau, dass ich nicht so früh Bus fahre. Schon gar nicht mit der Linie 18«, herrschte ich sie an. Das war herzlos. Ich aber wollte das Gefühl meiner Unverwundbarkeit kultivieren. Schließlich fuhr nie früher als acht Uhr morgens zu irgendeinem Uni-Seminar am Scopusberg und wenn doch, dann nur mit der Linie 9. Doch dann packte die Terrorangst auch mich.

Jedes Mal, wenn ich in einen Bus stieg, fiel mein Blick auf einen orientalisch aussehenden Fahrgast. »Das ist der Terrorist«, dachte ich. »Mein Leben ist zu Ende.« Einmal lächelte mir ein Jude mit buschigen schwarzen Augenbrauen und dunklem Teint beruhigend zu. Für ihn war es offenbar schon Routine, für einen arabischer Terroristen gehalten zu werden. Alles ziemlich peinlich.

Tel Aviv Das nächste Mal stieg ich in Jerusalem in die Linie 480 nach Tel Aviv. Ganz hinten im Bus saßen zwei Araber mit einer weißen Plastiktüte. »Da drin ist der Sprengstoff«, sagte ich mir. »Mein Leben ist zu Ende.« Der Busfahrer schloss die Tür und fuhr los. Ich dachte über meine Möglichkeiten nach. Den Fahrer bitten, die Araber zu kontrollieren? Erschien mir rassistisch. Nichts sagen und die gesamte Fahrt nach Tel Aviv in Panik verbringen? Auch keine gute Lösung. Ich entschloss mich für die direkte Konfrontation, kämpfte mich zu den hinteren Plätzen durch und fragte die beiden Araber auf Hebräisch: »Entschuldigen Sie bitte die Frage, ich weiß, ich bin unhöflich. Aber haben Sie zufällig Sprengstoff dabei?«

Der Ältere schaute mich verstört an und öffnete die Plastiktüte. Sie war voller Sonnenblumenkerne. »Nimm dir. Nimm, so viele du willst!«, sagte er. »Vielen Dank. Sehr nett von Ihnen. Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt«, sagte ich und ging auf meinen Platz zurück. Ich fühlte mich richtig gut. Wenn ich heute in Panik gerate, kaufe ich mir ein Päckchen Sonnenblumenkerne. Helfen leider nicht gegen Terroranschläge. Aber gegen die Angst davor.

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Erhebung liefert den Überblick

von Nicole Dreyfus  24.08.2026 Aktualisiert

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  24.08.2026

Ausstellung

Ein Buchladen als säkulares Bethaus

Rachel Salamander schuf in München einen Ort, an dem jüdische Literatur, Erinnerung und Gegenwart aufeinandertreffen – sie bewahrt ihn in roten Ordnern und auf klapprigen Kassetten

von Katrin Diehl  24.08.2026

Neu

Neue Synagoge Berlin zeigt neue Ausstellungen

Der Blick auf Jüdinnen und Juden und ihre Darstellung wird oft von Vorurteilen begleitet. Eine Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum macht dies jetzt zum Thema

 24.08.2026

Berlin

Ruth Moschner positioniert sich gegen die AfD

Die Moderatorin mit jüdischem Hintergrund schreibt, sie persönlich würde von der Politik der Partei profitieren. Dennoch warnt sie vor der selbsternannten Alternative

 24.08.2026

Europäischer Gesangswettbewerb

ESC 2027 in Bulgarien: Warum Burgas gegen Sofia gewann

Das maritime Flair der Stadt sowie eine Tradition von Musikfestivals dürften zur Entscheidung beigetragen haben

von Matthias Röder, Elena Lalowa  24.08.2026

Dokumentation

»Sie sollten sich schämen«

Die langjährige ARD-Autorin Rita Knobel-Ulrich übt scharfe Kritik an Sophie von der Tann und den Initiatoren des Katharina-Zell-Preises. Ein offener Brief

von Rita Knobel-Ulrich  23.08.2026

Aufgegabelt

Avocadosalat mit Thunfisch

Rezepte und Leckeres

 23.08.2026

Zahl der Woche

34 Sekunden

Fun Facts und Wissenswertes

 23.08.2026