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Finale

Der Rest der Welt

Mir scheint, es gibt nichts Schlimmeres als den Monat Cheschwan. Jedenfalls, wenn er sich so zeigt wie jetzt in Berlin: endlos grau und verregnet, ohne einen einzigen Lichtstrahl, der die Wolkendecke durchdringt. Man könnte meinen, es würde nie wieder Sommer. Wo soll nur Licht herkommen, wenn die Sonne sich weigert zu scheinen? Nie hätte ich gedacht, dass ich mich schon im Oktober nach Chanukkakerzen sehnen würde!

Rabbiner würden bei mir wohl den bekannten »Postfeiertagsblues« diagnostizieren. Unsere Weisen behaupten ja, der Monat Cheschwan zeichne sich durch die »Rückkehr zum Alltag« aus, nachdem wir Rosch Haschana, Jom Kippur, Sukkot und Simchat Tora ununterbrochen in der Synagoge verbracht hätten. Wie auch immer: Der Feiertagsentzug ist härter, als ich gedacht habe. Zwischen Simchat Tora und Chanukka liegen gut zwei Monate ohne jüdische Feste! Wie soll man da etwas finden, was das Leben aufhellt?

Durststrecke Eine so lange Durststrecke ist jedenfalls einmalig im jüdischen Kalender. Auf Chanukka Anfang Dezember folgt zweieinhalb Wochen später der 10. Tewet. Ich kenne zwar nur wenige, die wegen des Tempels in Jerusalem fasten, und das Neujahr der Bäume Anfang Januar ist auch so ein Feiertag, der mich in der winterlichen Diaspora noch nie überzeugt hat. Aber immerhin gibt es nach Chanukka alle vier bis sechs Wochen eine kleine Unterbrechung der feiertagslosen Zeit, bis wieder Purim, Pessach, Schawuot, der 17. Tammus und Tischa beAw angesagt sind. Und dann beginnt mit Rosch Haschana schon wieder der Feiertagsmarathon im Herbst ...

Warum ausgerechnet Rabbiner vom »Postfeiertagsblues« sprechen, ist mir allerdings nicht klar. Schließlich können sie sich in den Herbst- und Wintermonaten von den endlosen Gottesdiensten und ihren Gemeindemitgliedern erholen. Bestimmt gibt es nicht wenige Rabbis und Kantoren, denen es völlig ausreicht, den geneigten Betern am Freitagabend und am Schabbat zum Kiddusch zu begegnen.

Langeweile Kennt jemand vielleicht sogar einen Rabbiner, der eine halachische Begründung dafür findet, eine Zeit zu genießen, die in der Geschichte des jüdischen Volkes überhaupt keine Bedeutung hat? Keine Erinnerungen an Knechtschaft, Zerstörung, Pogrome, Verfolgung und sonstigen Ärger, keine Beschwörungen des Auserwähltseins. Einfach nur Routine und Langeweile! Schade nur, dass die feiertagsfreie Periode nicht in die Sommerferien fällt – an einem Brandenburger See bei 30 Grad wäre eine Zeit ohne Ereignisse natürlich leichter zu ertragen als in den grauen Herbsttagen.

Aber es kann nur besser werden: Bis Chanukka sind es gerade noch sechs Wochen! Und falls ich es so lange nicht ohne warmes Licht und Feiertage aushalte, muss ich eben im Kerzenschein mit meinem Sohn Chanukkakekse backen. Oder im äußersten Notfall zum Laternenumzug gehen.

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026

Nürnberg

Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026