Finale

Der Rest der Welt

Zum Glück gibt es auch Probleme, die ich nicht habe. Etwa die Frage, wie ich mich verhalten soll, wenn Halloween auf einen Schabbat fällt – so wie an diesem Wochenende. Für praktizierende Juden, vor allem in den USA, ist das ein Riesendilemma: Was ist zu tun, wenn als Geister verkleidete Kinder und Nachbarn an Erew Schabbat an der Haustür klingeln? Den gottlosen Spuk ignorieren? Oder aus Höflichkeit Kürbissuppe vorbereiten, Challe backen und mit einer Multi-Kulti-Challaween-Party schon mal Minuspunkte sammeln für Jom Kippur 5776?

Alles nicht mein Bier. Halloween in Berlin-Friedenau (vor allem auf der falschen Seite des S-Bahnhofs) ist für mich ein Grund, tagelang die Klingel abzustellen. Letztes Jahr haben Teenies aus unserem Kiez trotzdem den Weg ins Haus gefunden und mit Fäusten gegen die Wohnungstür gehämmert, um ihren Süßigkeiten-Anteil zu erzwingen, während Passanten mit Klebeschaum besprüht wurden. Ich stehe dazu: Ich hasse Halloween, und ich lasse niemanden in die Wohnung. Egal, ob Schabbatkerzen brennen oder nicht!

Bonbon Überhaupt, wer braucht noch mehr Feiertage? Ich bin schon froh, dass ich die jüdische Chose ohne Kollateralschäden hinter mich gebracht habe. Beim Taschlich habe ich mir trotz Regen und zu dünnem Mantel keine Lungenentzündung geholt, vor Sukkot habe ich es geschafft, Arba Minim unter 30 Euro zu erstehen, und an Simchat Tora bin ich beinahe von einer Mitbeterin gesteinigt worden, die mich beschuldigte, ich hätte angeblich anderen Kindern die Bonbons vor der Nase weggeschnappt.

Egal, die wichtigste Herausforderung liegt hinter mir: Mein Fünfjähriger hat verstanden, dass er das Weihnachtsrepertoire aus seinem Kinderchor keinesfalls an Jom Kippur in unserer Stammsynagoge zum Besten geben darf (obwohl der eine oder andere Beter die Lieder aus seiner Kindheit sicherlich kennt). Halleluja! Der Kleine verzichtete auf eine Darbietung von »Nun kommt der Heiden Heiland«, sondern ging still zum Kindergottesdienst.

Prosecco Dafür drehte er an meinem Geburtstag richtig auf – und begrüßte die Gäste mit Engelsgesängen. Freudig schmetterte er: »Sie verkünden uns mit Schalle, dass der Erlöser nun erschien ... Glooohooohoooria in excelsis Deo ….« Ich verschluckte mich beinahe am Prosecco und fragte mich, ob ich ihn nicht doch lieber zum hebräischen Kindersingen hätte schicken sollen?

Auch an Erew Rosch Haschana und Erew Sukkot bekam ich extremes interkulturelles Bauchgrimmen, als mein Sohn darauf bestand, trotz Feiertag auf keinen Fall die Nachmittagsprobe zu verpassen. Aber der Chor hat ein hohes musikalisches Niveau, und warum sollte ich meinem Nachwuchs den Zugang zu abendländischer Kultur verwehren? Hauptsache, ich muss nicht auch noch Weihnachten feiern. Dafür üben wir jetzt schon für Chanukka: Nicht »Stern über Bethlehem«, sondern »Banu Choschech Legaresch!«.

Julia Franck

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