Tessin

Der Kaufhauskönig und die Tänzerin

Privates Gan Eden: Max Emdens Park auf der Insel San Pancrazio Foto: Dorothea Baer-Bogenschütz

»Hier ist es jetzt sehr schön, so viele Blumen, ganz seltsame, besonders die Riesenmagnolien, Palmblüten und Amaryllis sind geheimnisvoll aus ganz anderer Welt. Gemüse hat es hier auch und Erdbeeren. Mama und ich sammeln die Früchte.«

Charlotte Bara – wie sie ihren Familiennamen Bachrach abkürzte – schlug bereits Wurzeln in Ascona, ihrer neuen Schweizer Heimat, als sie 1919 Heinrich Vogeler diesen Brief schrieb. Der Maler und Sozialist lebte zu der Zeit in der niedersächsischen Künstlerkolonie Worpswede, in der die Ausdruckstänzerin und Tochter des deutsch-jüdischen Seidenhändlers Paul Bachrach mit ihrer Mutter während des Ersten Weltkrieges untergeschlüpft war.

san materno Mit 18 Jahren hatte Charlotte Bara die ehemalige Sommerresidenz der Domherren von Mailand und San Materno zu ihrem Zuhause gemacht. Ihr Vater war zufällig auf das historische Gemäuer mit Kapelle gestoßen. »Er hatte 1910 einige Ferientage in Locarno verbracht«, erinnerte sich die Tochter später, »es gefiel ihm in dieser bezaubernden Landschaft so gut«, dass er bleiben wollte. Auch an das Publikum von Charlotte, die an den sonnigen Tessiner Ufern zur großen Tanzkünstlerin aufblühen wollte, wurde gedacht: »Meine Eltern bezogen das Castello im großen tropischen Garten und ließen es durch den Architekten Paul Henning einrichten.«

Der Avantgardist, der in Berlin-Kreuzberg an der Erweiterung des Verlagshauses Rudolf Mosse beteiligt war, baute in den Salon, der für Baras Debüt in Ascona vorgesehen war, »einen großen Diwan für die Zuschauer«. Derweil entstand vis-à-vis das Kontrastprogramm: eine Bühne im Bauhausstil. »Am gegenüberliegenden Wiesenhang hatte Bachrach von dem Worpsweder Maler-Architekten Carl Weidemeyer ein kleines Theater für die Tochter bauen lassen«, notierte Heinrich Vogeler. Andere betuchte Mädchen mochten Tennisstunden kriegen, Charlotte Bara bekam Baukunst.

Inzwischen ist das imposante Castello San Materno nach einer 4,5 Millionen Schweizer Franken (umgerechnet rund 3,7 Millionen Euro) teuren Sanierung öffentlich zugänglich als Museum der Kulturstiftung Kurt und Barbara Alten, die es mitfinanziert. Die kostbaren Blumenbilder von Emil Nolde und Lovis Corinth innen und die betörenden Kamelien- und Magnoliensorten außen, für die die Gegend berühmt ist, verschmelzen in der Wahrnehmung der Besucher zu einem Ganzen.

monte verità Während rund um das neue Museum frischer Rasen verlegt wurde, schaut es auf dem nahe gelegenen Monte Verità nicht so schön aus. Der legendäre Berg, der in Wahrheit bloß ein Hügel ist, war in der Zeit des Ersten Weltkriegs Treffpunkt dissidenter Künstler und Philosophen wie Ernst Bloch, Erich Mühsam und Else Lasker-Schüler.

Auch der Zionistenführer und spätere erste israelische Staatspräsident Chaim Weizmann gehörte zu den Besuchern. Für die Nazis war der Monte Verità deshalb ein »Staubecken für jüdisch-östliche Abwässer, Ausgangspunkt für die jüdisch-okkultistische Verblödungsarbeit am deutschen Volk«, so 1935 die antisemitische Monatszeitschrift »Der Judenkenner«.

Vor 50 Jahren hat der Kunstsammler Eduard van der Heydt die 321-Meter-Anhöhe mit ihrem 70.000 Quadratmeter großen Park und architektonischen Landmarken, die er in den 20er-Jahren erworben hatte, testamentarisch dem Kanton Tessin vermacht. Die Summe, die die Herrichtung des Castello San Materno gekostet hat, steht seit Jahren auch für Sanierungsmaßnamen der auf den See blickenden legendären Asconeser Aussteigerkolonie bereit. Doch die Casa Anatta, die eine Dauerausstellung aufnehmen und längst der Öffentlichkeit übergeben sein sollte, harrt weiterhin der Wiedereröffnung.

Ob Philippe Frutiger zur Rettung beiträgt? Der junge ambitionierte CEO der Tessiner Giardino-Hotels hat das Zentrum von Ascona aufgepeppt mit einem Restaurant, in dem der Schweizer Designer Matteo Thun einen vertikalen Garten pflanzte und feine indische Küche serviert wird. Auf dem Monte Verità unterstützt der Hotelier bereits das neue Literaturfestival Eventi letterari. Mit den Rolex-Millionen seines Partners Daniel Borer, einem Erben des berühmten Uhrenherstellers, könnte Frutiger leicht einiges mehr an diesem Ort aufziehen, der wesentlich durch zwei Hotelbauten vom Beginn des 20. Jahrhunderts geprägt ist: das kultige Bauhaus-Hotel und den Jugendstilpalast Semiramis.

brissago Gegenüber von Ascona empfängt San Pancrazio, die größere der zwei Brissago-Inseln, Besucher. Das Eiland ist die Frucht der Fantasie von Max Emden. Hier blühte er auf, nachdem er Teile seines europaweiten Kaufhausimperiums, zu dem die Warenhauspaläste KaDeWe und Oberpollinger gehörten, an Karstadt verkauft hatte.

Emden, Spross einer alteingesessenen Hamburger Rabbiner- und Kaufmannsfamilie, hatte die Insel seiner Träume 1927 von einer russischen Baronin erworben. Rund ein Dutzend Jahre bewohnte er sein Inselschloss. Während die Nazis in Deutschland wüteten und seinen Besitz beschlagnahmten – einen Teil seiner Kunstsammlung hatte er noch in die Schweiz retten können –, erweiterte Emden sein Gartenreich mit exotischen Sorten, wenn er nicht gerade Erich Maria Remarque oder den befreundeten Eduard von der Heydt empfing, mit dem er Asconas erste Golfanlage plante – oder sich um Sigrid Renata Jacobi alias »das Würstchen« kümmerte.

Stadtführerin Verena Floeri erzählt von dem blutjungen Mädchen, das Emden trübe Gedanken mit Schalk austrieb, was ihr den Spitznamen »Würstchen« eintrug, abgeleitet von Hanswurst.

Als der Kaufhauskönig 1940 starb, wollte das Mädchen vom Himmel fallen und ebenfalls sterben, weshalb sie Flugstunden nahm. Vernünftigerweise verliebte sie sich jedoch in den Fluglehrer namens Loup und verstarb hochbetagt als Madame Loup in Locarno. Dort lebte auch bis zuletzt Charlotte Bara. Sie wurde 85 Jahre alt, genoss ein nicht immer auf Rosen gebettetes Dasein, doch ein Leben lang die Magnolien am Lago Maggiore.

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