Interview

»Der Kampf gegen Antisemitismus ist nicht die Aufgabe jüdischer Filme«

Lea Wohl von Haselberg leitet das neue Zentrum an der Filmuniversität Babelsberg Foto: Uwe Steinert

Interview

»Der Kampf gegen Antisemitismus ist nicht die Aufgabe jüdischer Filme«

In Potsdam wurde das deutschlandweit erste universitäre Zentrum für jüdischen Film gegründet. Ein Gespräch mit der Leiterin Lea Wohl von Haselberg über schwierige Definitionen, kommende Projekte und eine zunehmend polarisierte Debatte

von Joshua Schultheis  05.03.2026 14:48 Uhr

Frau Wohl von Haselberg, am Mittwoch wurde das Zentrum Jüdischer Film & Audiovisuelles Erinnern (ZJF&AE) an der Filmuniversität Babelsberg gegründet. Welche neuen Möglichkeiten eröffnet das Zentrum der jüdischen Filmforschung?
Es ist das erste Forschungs- und Transferzentrum dieser Art. Mit einer neu eingerichteten Professur für die Leitung des Zentrums, die ich innehabe, drei weiteren Gründungsprofessuren sowie diversen Drittmittelprojekten starten wir nun nach zwei Jahren der Entwicklung der Idee einer Zentrumsgründung. Aber unabhängig von der anfänglichen Größe ist die Sichtbarkeit, die wir dem Thema jüdische Filmgeschichte mit so einem Zentrum verschaffen, enorm. Zum einen wollen wir neue Forschungsprojekte auf den Weg bringen. Zum anderen wollen wir die bisherige Forschung bündeln, aufeinander beziehen und bekannter machen, in Deutschland und international. Ein wichtiger Aspekt ist zudem die Vernetzung von Forschenden und Filmschaffenden sowie der Ausbau unseres Kooperationsnetzwerks mit anderen Institutionen. Das Zentrum ermöglicht uns hierfür eine langfristige Planung.

In der Selbstbeschreibung des Zentrums heißt es, der Begriff »jüdischer Film« sei sowohl »zu eng als auch zu unscharf«. Das müssen Sie erklären!
Der Begriff ist zu eng, weil wir nicht nur zu Film forschen. Es geht uns auch um andere audiovisuelle Medien sowie um die Filmschaffenden selbst und die unterschiedlichen Gewerke wie Schnitt, Schauspiel oder Kamera. Wir beschäftigen uns außerdem mit dem Publikum, Aufführungskontexten wie zum Beispiel Festivals und der Geschichte des Forschungsfeldes. »Jüdischer Film« ist als Begriff zudem zu unscharf, weil er suggeriert, ein Film könne »jüdisch« sein. Das ist natürlich so nicht richtig. Der Begriff stammt eher aus der Filmkultur als aus der Wissenschaft. Wir nutzen ihn dennoch, weil er so prägnant ist.

Der zweite Namensteil des Zentrums lautet »Audiovisuelles Erinnern«. Was ist damit gemeint?
Die Erinnerung an die Schoa ist ein wichtiger Teil jüdischer Filmgeschichte, denn diese Erinnerung wird heute vor allem über audiovisuelle Medien vermittelt. Damit sind zum Beispiel Spielfilme, Serien oder Bewegtbilder auf Youtube und in den sozialen Medien gemeint, die auf unterschiedliche Weise – im Museum, in der Schule, auf dem Handy in der U-Bahn – rezipiert werden. All das sind Aspekte des Erinnerns, die wir betrachten wollen.

»Wir arbeiten an einem ganzen Blumenstrauß sehr unterschiedlicher Vorhaben.«

filmwissenschaftlerin lea wohl von haselberg

Auf welche neuen Projekte freuen Sie sich besonders?
Wir arbeiten an einem ganzen Blumenstrauß sehr unterschiedlicher Vorhaben. Zwei davon kann ich gerne hervorheben: In einer Pilotphase werden jedes Semester zwei Onlineseminare nicht nur für unsere Studierenden an der Filmuniversität offen sein, sondern auch für Studierende der Jüdischen Studien der Universitäten Potsdam und Augsburg. Das heißt, wir werden mit einer wirklich interdisziplinären Studierendenschaft zum Thema jüdische Filmgeschichte arbeiten. Ein anderes Projekt, auf das ich gespannt bin, ist ein Forschungsvorhaben eines Kollegen über jüdische Filmfestivals nach dem 7. Oktober 2023 als Räume der Aushandlung politischer Themen. Ein sehr kluges Projekt, das aktuell in der Antragsphase ist und dann hoffentlich bei uns am Zentrum durchgeführt werden kann.

Sie sind selbst Teil der Programmdirektion des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg. Wie hat sich diese Arbeit nach dem 7. Oktober 2023 verändert?
Die jüdische Welt hat sich in vielerlei Hinsicht stark verändert, und das trifft natürlich auch das Festival. Die Filmemacherinnen und -macher, mit denen wir arbeiten, sind in sehr individuellen Situationen, aber grundsätzlich kann man sagen, dass die große Polarisierung und teilweise Unnachgiebigkeit in den Debatten auch für uns spürbar ist, auch wenn wir als jüdisches Filmfestival beispielsweise nicht von Boykotten betroffen sind. Wir zeigen Filme mit jüdischen Themen, und die Filmschaffenden und Verleiher wollen auch, dass sie bei uns laufen.

Spüren Sie eine Diskursverengung rund um das Thema jüdischer Film?
Je gereizter und empörter die tagesaktuellen Debatten sind, desto stärker sind die Versuche, jüdische Themen mit diesen engzuführen. Als Universität können wir natürlich unabhängige und unaufgeregte Debatten führen, in denen Kritik inhaltlich ausführlich begründet sein muss und gleichzeitig nicht mit Konsequenzen wie Rücktrittsforderungen oder Boykottaufrufen verbunden ist. Gleichzeitig sehe ich unsere Aufgabe nicht darin, uns von diesen Debatten treiben zu lassen. Der Kampf gegen Antisemitismus ist nicht die vornehmliche Aufgabe von Filmen mit jüdischen Themen oder Figuren. Entsprechend muss das auch zurückgewiesen werden, denn wir beschäftigen uns natürlich mit jüdischer Filmgeschichte und Filmforschung in einer großen thematischen Breite und mit einer Autonomie, auf die wir pochen müssen, auch wenn wir uns vielleicht in die tagesaktuellen Diskurse einbringen können.

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Was war der letzte »jüdische Film«, der Sie begeistert hat?
Ich habe gerade die Sichtung für das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg abgeschlossen, und darunter waren ganz viele Beiträge, die mich begeistert haben. Davon kann sich jeder selbst überzeugen, wenn das Festival im Mai stattfindet. Aber um auch einen Film zu erwähnen, der im vorletzten Jahr in den Kinos zu sehen war: »The Brutalist« über den fiktiven Holocaust-Überlebenden und Star-Architekten László Tóth, gespielt von Adrien Brody, finde ich großartig. Der Film schafft es, die ganze Größe des Kinos voll zu entfalten. Und der französische Dokumentarfilm »Prénoms« von Nurith Aviv, der vor wenigen Wochen auf der Berlinale zu sehen war, ist ein kleiner, ganz wunderbarer Film, der die Geschichten von Vornamen erzählt, ungemein jüdisch ist und uns alle zum Zuhören anhält – eine ganz wichtige Perspektive in der Gegenwart.

Mit der Professorin für Jüdischen Film und Audiovisuelle Erinnerung an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf sprach Joshua Schultheis.

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