Porträt

Der Interrealist

Alexander Iskin ist kein gewöhnlicher Maler. Er besuchte keine Kunsthochschule, wo ihm Professoren Feinheiten näherbrachten. Er hatte sich vieles schon in seinem Kinderzimmer selbst beigebracht. Und hat schließlich mit dem »Interrealismus« eine neue Kunstrichtung ausgerufen.

Als Jugendlicher war Iskin, der 2015 noch die Maccabi-Europameisterschaft im Tischtennis gewann, ein Halbprofi. In einem mitteldeutschen Kaff, in dem er und seine aus Russland stammende Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge gelandet waren, trainierte er täglich, die Bälle mit Präzision und Geschwindigkeit zu schlagen.

IMMENDORFf Diesen Eifer, hart zu trainieren, zu gewinnen, nicht aufzugeben, hat er womöglich von seinem sowjetisch geprägten Vater, einem Mathematiker, geerbt. Seine Liebe zu den schönen Künsten vielleicht von seiner Mutter, einer Geigerin.

Eines Tages sah Iskin die große weite Welt auf einer Kunstausstellung im Mönchehaus-Museum in Goslar. Eine Welt, die über Turnhallen und Umkleidekabinen hinausging. Genauer gesagt, sah er die schöne Künstlerin und Frau des 2007 verstorbenen Malers Jörg Immendorff, Oda Jaune. Er wollte diese Frau, da war er gerade 16 Jahre alt, beeindrucken, verführen und ihre Telefonnummer ergattern, indem er sich selbst als Künstler ausgab.

Er wollte Oda Jaune, da war er gerade 16 Jahre alt, beeindrucken.

Das Problem: Er hatte zu dem Zeitpunkt noch kein einziges Bild gemalt. Also entschloss er sich von einem auf den anderen Tag, Maler zu werden, und fing in seinem Jugendzimmer an. Schließlich kam zwar nicht Oda Jaune, um die Bilder zu betrachten, dafür aber der Krawallkunststar Jonathan Meese und der Maler Herbert Volkmann, der 2014 nach langjähriger Drogensucht 60-jährig starb.

Die beiden befanden, dass der Junge Talent hat, und lotsten ihn aus der Provinz ins große Berlin. Volkmann wurde zu Iskins Meister. Iskin begleitete den Alten in Berliner Trinkertreffs, trank Kaffee statt – wie der Meister – Wodka und lernte von ihm. Er führte zunächst das Leben eines verarmten Künstlers. »Manchmal musste ich Pfandflaschen sammeln, um mir einen Döner zu kaufen«, sagt er.

Tischtennis Aber bald verkaufte er schon erste Bilder und zog schließlich in ein riesiges Atelier, eine 280 Quadratmeter große Etage über den Büroräumen eines großen Berliner Bäckers in einem Gewerbegebiet am südlichen Stadtrand. Ein Teil des Deals: Iskin musste keine horrende Miete zahlen, und dafür spielten er und der Bäckereichef einmal die Woche Tischtennis.

Gegen Iskin Tischtennis zu spielen, das ist wie gegen einen Endgegner in einem raffiniert programmierten Computerspiel anzutreten. Man hat kaum eine Chance, die Bälle fliegen einem um die Ohren. Aber es macht einen Riesenspaß, wenn man doch einmal einen Ball erwischt und dem Champ einen Punkt abluchst.

2016 sagte Iskin sich in einer spektakulären Aktion von allen sozialen Medien los.

Die Perfektion seines Spiels hat er sich nach wohl Tausenden Trainingsstunden in der Jugend erhalten. In der Kunst sucht er andere Qualitäten. »In der Kunst gibt es, anders als beim Tischtennis, kein Richtig, kein Falsch. Der Kontrast gefällt mir«, sagt er.

FACEBOOK Überwältigt von den ewigen, ständig wachsenden Weiten des Internets, Facebook-Newsfeeds, Instagram-Kanonaden und googelndem Wissensdrang, entschloss Iskin sich nach dem Tod seines Meisters, einen eigenen, neuen Weg in der Malerei zu gehen: den des Interrealismus. Hier versucht er, all die unterschiedlichen Eindrücke, die täglich halb digital und halb real auf den modernen Menschen einprasseln, in teils abstrakten, teils realen Ölbildern zu verbinden.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Das menschliche Gehirn werde durch die nicht endenden Bilder und Informationen aufgeweicht, sagt er. »Dadurch kann der Mensch sich nicht mehr auf sein eigenes Ich konzentrieren, wird leichter beeinflussbar.«

2016 wagte Iskin dann den Schritt, komplett aus den sozialen Medien auszusteigen. In einer Performance in seiner Berliner Galerie Sexauer zerschlug er mit einem Hammer wertvolle Apple-Computer. Dieser Ausstieg samt Entzug von der Sucht nach rot aufploppenden »Likes« und schneller digitaler Bestätigung war ein radikaler Schritt, der allerdings nun auch von Leuten unterschiedlichster Couleur, von dem Universalhistoriker Yuval Noah Harari (Eine kurze Geschichte der Menschheit) bis zum Programmierer-Schriftsteller Cal Newport (Deep Work), propagiert wird.

»Ich glaube, dass ich trotz mir selbst verursachter Schwierigkeiten damals die richtige Entscheidung getroffen habe, aus den sozialen Netzwerken zu verschwinden«, sagt Iskin. Und: »Je mehr wir uns systematisieren und algorithmisieren lassen, desto mehr wird die Sehnsucht nach dem Gefühl und nach der Emotion wieder zum Vorschein kommen.«

Mentsch Iskin ist ein offener, hilfsbereiter »mentsch«, wie man auf Jiddisch sagen würde, also ein »guter Mensch«. Wer mit Iskin zu seinem Lieblings-Chinesen nicht weit vom Atelier geht, merkt das etwa daran, dass wirklich alle Restaurantmitarbeiter aus der Küche kommen, um ihn zu begrüßen und zu umarmen. Die Chefin, der Koch, der Tellerwäscher. Er schaut sie mit seinen blitzenden, dunklen Augen an und schenkt ihnen sein breites, echtes Lächeln.

Ein anderes Beispiel: Als sein guter Freund, der Filmemacher Henning Gronkowski (30), seinen ersten eigenen Film produzieren wollte, verschaffte Iskin ihm kurzerhand die gesamte Etage unter seinem Atelier. Dort zogen dann zeitweise Schauspielerinnen aus Deutschland und Filmkünstler aus den USA in einer Art Kommune zusammen.

Iskin sieht sich in seiner Kunst anders als beim Tischtennis nicht als Einzelkämpfer, sondern als Teamplayer.

Iskin sieht sich in seiner Kunst anders als beim Tischtennis nicht als Einzelkämpfer, sondern als Teamplayer. »Ich glaube, nur dann kann man weit gehen. Ich rede mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen gerne über Strömungen. Der Musiker Malakoff Kowalski, der Regisseur Henning Gronkowski, die Schriftstellerin Kat Kaufmann inspirieren mich sehr mit ihrer unorthodoxen, direkten Art, Eindrücke auf den Punkt zu bringen.«

Film In der Etage über der Großbäckerei entstand in einem wilden, freien Prozess Yung, ein roher Film über das Sex- und Partyleben junger Berlinerinnen. Iskin selbst spielte und produzierte mit. Der Film wurde 2018 beim Filmfest in München uraufgeführt und soll offenbar sehr bald einem breiten Publikum gezeigt werden. Iskin: »Der Deal mit einem internationalen Filmunternehmen soll in diesen Tagen unterschrieben werden.«

Der Maler bleibt nicht gerne stehen. Nach seinem Ausflug in die Weltmetropole Los Angeles, wo er Downtown im September 2018 in der Galerie »Track16« seine Werke zeigte, ist er jetzt auf ein abgelegenes Schloss nach Sachsen-Anhalt gezogen. In Beesenstedt schafft er inmitten der Natur neue Kunst.

Der sich »Schlosser« nennende Schlossherr, ein freiheitsliebender Ex-DDR-Bürger, der die verfallenen Gemäuer auf abenteuerliche Weise erlangte und liebevoll renovierte, kaufte Möbelbestände eines Berliner Edelhotels auf und verwandelte den 1895 erbauten Herrensitz in eine Art Märchenschloss.

Am 5. April will Iskin in seiner neuen Ausstellung #bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk in der Galerie Sexauer die »Kollision zwischen Schnelligkeit der Digitalität und der Langsamkeit der Beesenstedter Landschaften« auf Leinwänden zeigen. Und wird dann bestimmt schon bald weiterziehen auf seinen interrealistischen Wegen.

Debatte

Streit um die Deutungshoheit

Die harten Auseinandersetzungen um die Studie des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe über die Rolle polnischer Bürgermeister in der Schoa sind ein Lehrstück über den Umgang mit der Freiheit der Wissenschaft

von Julien Reitzenstein  25.02.2026

Antisemitismus-Skandale

Wolfram Weimer will Berlinale-Chefin Tricia Tuttle entlassen

Der Kulturstaatsminister zieht Konsequenzen

 25.02.2026 Aktualisiert

Meinung

Was Layout verraten kann

Holger Friedrich hat die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung auf den Markt gebracht. Bei der Gestaltung drängen sich merkwürdige Bilder auf. Welche Zielgruppe will er wohl erreichen?

von Marco Limberg  25.02.2026

Berlin

Igor Levit: Fünf Prokofjew-Konzerte an drei Abenden

Von Romantik pur bis hin zu rasanten Läufen und ungewohnten Rhythmen: Im März bietet sich in der Philharmonie eine einmalige Gelegenheit

von Imanuel Marcus  24.02.2026

Kanadischer Rock

Geddy Lee Weinrib kündigt Rush-Konzerte in Deutschland an

Die letzten Auftritte des jüdischen Sängers und Bassisten sowie seiner Formation in der Bundesrepublik sind 13 Jahre her

 24.02.2026

Kino

Ein Leben als Pingpong-Partie

Timothée Chalamet glänzt in »Marty Supreme« als ambitionierter Pingpong-Spieler und Überlebenskünstler Marty Mauser, der in den 1950er Jahren den Weltmeistertitel im Tischtennis anstrebt. Auch Deutschlands bester Tischtennis-Spieler aller Zeiten, Timo Boll, ist in dem Film zu sehen

 24.02.2026

Eurovision Song Contest

Israel geht mit »Michelle« an den Start

Jetzt ist klar, welchen Song Noam Bettan im Mai beim ESC vortragen wird. Das Stück soll aber schon im März Premiere feiern

 24.02.2026

Meinung

Xavier Naidoo hat allen etwas vorgemacht

Der Popstar hat gerade erst sein Comeback gegeben, da verbreitet er wieder antisemitisch konnotierte Verschwörungsmythen. Spätestens jetzt ist seine angebliche Läuterung ganz und gar unglaubwürdig geworden

von Ralf Fischer  23.02.2026

Interview

»Putin hat einen riesigen Repressionsapparat aufgebaut«

»Memorial«-Mitgründerin Irina Scherbakowa über vier Jahre Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Folgen für die russische Gesellschaft

von Ralf Balke  22.02.2026