Sehen!

Der »gute Nazi«

Klärt auf über Speer: Vanessa Lapa Foto: Chris Hartung

Albert Speer ist ein grausames Exempel dafür, wie gefährlich die Macht der Inszenierung sein kann. Wie konnte es gelingen, dass einer von Hitlers engsten Vertrauten, der Leibarchitekt und Reichsminister, der ab 1942 für zwölf Millionen Zwangsarbeiter verantwortlich war, so lange einen Ruf als »guter Nazi« genoss? So wie Speer Adolf Hitler einschüchternd in Szene setzte, indem er ihn, wie wir in Vanessa Lapas Dokumentarfilm Speer goes to Hollywood erfahren, auf Parteitagen mit umgebauten Opernscheinwerfern ausleuchtete, genauso verstand er es auch, an seinem eigenen Mythos zu feilen.

Genau diesen Prozess, dieses Zurechtbiegen der eigenen Historie, macht Lapa in ihrem vor Ruhe berstenden Film sichtbar. »Hinter der Fassade war er ein größenwahnsinniger Narzisst, für den das Leben von Menschen keinen Wert hat, und der jeden ausnutzt, den er trifft.« So fasste es die israelische Regisseurin und Journalistin, die zuvor mit Der Anständige einen Film über Heinrich Himmler gemacht hat, im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen zusammen.

MONTAGE Es ist furios, wie sie in Speer goes to Hollywood das historische Material alleine sprechen lässt: Montage als Mittel der Aufklärung. In 47 Bild- und Filmarchiven und neun Audioarchiven hat Lapa Material für ihren Film gesammelt.

Im Zentrum steht die Geschichte der nie umgesetzten Verfilmung von Speers Welt-Bestseller Erinnerungen von Paramount Pictures. 1971 besucht der britische Drehbuchautor Andrew Birkin den fünf Jahre zuvor nach 20-jähriger Haft entlassenen Speer, um mit ihm die erste Drehbuchfassung der Verfilmung durchzugehen. Diese von Birkin aufgezeichneten Gespräche bilden einen dramaturgischen Rahmen in Lapas Film, der den Aufstieg Speers zeigt und immer wieder auch in den Gerichtsaal der Nürnberger Prozesse ab 1945 springt.

HITLER Mit Entsetzen folgt man den Gesprächen, in denen sich Speer ganz offen gibt. »Es war Liebe auf den ersten Blick« sagt er über seine Beziehung zu Hitler. Und ebenso offen versucht der gebildete Nazi, der seinen Gast zu Wein und Essen einlädt, seine Weste mit dem im Entstehen begriffenen Film weiter reinzuwaschen.

Es hat etwas Monströses, wie unmonströs Speer im Film wirkt und mit wie viel Kalkül er an seiner Geschichte webt. Speer goes to Hollywood ist filmhistorisches Dokumentarfilmkino par excellence, ein so erschreckendes wie brillantes Schlaglicht in die Schatten der deutschen Geschichte.

Der Film »Speer goes to Hollywood« kommt am 11. November in die Kinos.

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Musik

Mike D in Berlin: Ein Beastie Boy meldet sich zurück

Das Berliner Säälchen am Holzmarkt wird zur Kulisse des einzigen Deutschland-Konzerts des »Beastie Boys« Mike D. Hunderte Fans sind begeisterte Zeugen des überraschenden Comebacks ihres Idols

 12.06.2026

Weltmeisterschaft

Die Kraft des Gemeinsamen

Vom Hoffen, Mitfiebern und Leiden: Eine Liebeserklärung an die Macht und die Möglichkeiten des Fußballs

von Awi Blumenfeld  11.06.2026

Kulturfest

Jüdische Woche in Leipzig

70 Leipziger Institutionen und Vereine gestalten ein Programm zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Erwartet werden internationale Gäste

 11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026

Hass auf der Bühne

»Hofnarr der Hamas«: Kritik an Auftritt von Bassem Youssef in Berlin

Der amerikanisch-ägyptische Comedian relativiert die Hamas-Verbrechen vom 7. Oktober und verbreitet Verschwörungsmythen über Israel. Nun werden Forderungen nach einer Absage seiner Vorstellung im Tempodrom laut

von Imanuel Marcus  11.06.2026 Aktualisiert

Festival in Köln

»Shalom-Musik.Koeln« 2026 bringt jüdische Musik in die ganze Stadt

Avi Avital, Sharon Brauner, Omer Klein und Bar Zemach sind nur vier der vielen Künstler, deren Performances auf dem Programm stehen

 11.06.2026

Hollywood

Hasswelle gegen Gwyneth Paltrow wegen Israel-Werbung

Die Datstellerin mit jüdischem Familienhintergrund ist das Werbegesicht für das israelische Luxusbauprojekt 51 Park in Herzliya. Die Quittung: Sie wird online als »genocide queen« beschimpft

 11.06.2026