Adrien Brody

Der ewige Pianist

»Warum sollte ich das Humpeln spielen?«: Bei den Dreharbeiten zu »Der Pianist« legte sich Schauspieler Adrien Brody selbst einen Stein in den Schuh. Foto: picture alliance / Evan Agostini/Invision/AP

Adrien Brody

Der ewige Pianist

Zum 50. Geburtstag eines Ausnahmeschauspielers

von Sophie Albers Ben Chamo  14.04.2023 12:45 Uhr

Es gibt diese Geschichte über Adrien Brody, wie er bei den Dreharbeiten zu Der Pianist in einer Szene über eine Mauer springen, sich den Fuß verdrehen und davonhumpeln sollte. Der Schauspieler stopfte sich kurzerhand einen scharfkantigen Stein in den Schuh.

»Warum sollte ich das Humpeln spielen?«, fragte der Method-Acting-geschulte Brody in einem Interview mit dem Magazin »GQ«. Mit dem Stein habe es nur eine kurze Zeit wehgetan.

Der Ausnahmeschauspieler, der so fragil und gleichzeitig tough aussehen kann wie eine amerikanische Ausgabe von Serge Gainsbourg, folgt bei der Arbeit einer simplen Regel: ganz oder gar nicht. Egal ob Schoa-Drama, Wes-Anderson-Komödie oder Action-Gemetzel, Brody gibt sich ganz: in Schweiß, Blut und Tränen, in körperlicher und mentaler Gesundheit. Und das schon seit rund 35 Jahren.

ZAUBERSHOW Heute wird der Nachkomme zweier jüdischer Familien, die einst aus Polen und Ungarn in die USA emigrierten, 50 Jahre alt. Dass er Schauspieler werden würde, war sehr früh klar. Schon als Kind liebte er große Aufritte, spielte Szenen nach, die ihn beeindruckt hatten, oder trat mit seiner eigenen Zaubershow bei Kindergeburtstagen auf – unter dem Bühnennamen »Der fantastische Adrien«.

Natürlich studierte er Schauspiel, und er war gerade 18, als Francis Ford Coppola ihn fürs Kino entdeckte und in New York Stories besetzte. Der Erfolg wuchs stetig und kam leicht: Mit Steven Soderbergh dreht Brody King of the Hill, mit Terrence Malick The Thin Red Line und mit Spike Lee Summer of Sam.

Er arbeitete mit Barry Levinson, Hilary Swank, Andie MacDowell und Tupac Shakur. All seinen Auftritten verpasst Brody eine melancholische Intensität, die dafür sorgt, dass man ihn nicht vergisst. »Er packt dich sofort«, zitiert »GQ« Wes Anderson, mit dem Brody bis heute fünf Filme gedreht hat.

Brody war 27, als Roman Polanski ihn für die Rolle des Władysław Szpilman in Der Pianist auswählte, nachdem der Regisseur unter 1400 europäischen Schauspielerin nicht »den Richtigen« gefunden hatte. Der Film über das Schicksal des polnischen Pianisten und Komponisten, der das Warschauer Ghetto überlebte, brachte Brody den internationalen Durchbruch und 2003 den Oscar als Bester Hauptdarsteller. Er ist bis heute der jüngste Gewinner in der Kategorie.

EXTREM Es war eine Rolle, der sich Brody im Extrem auslieferte. Er nahm radikal ab, gab sein bisheriges Leben auf, trennte sich von Menschen und Dingen, um sich auf die Gefühle und die Geschichte zu fokussieren, während er in Hotelzimmern in Berlin und Warschau lernte, Chopin zu spielen. In Interviews spricht er bis heute von der enormen Verantwortung der Rolle, und dass sie ihn nachhaltig verändert habe. Nach Der Pianist fiel er in eine Depression und konnte ein Jahr lang nicht arbeiten.

Doch Hollywood ließ nicht locker. In den 2000ern gehörte Brody zur A-List der Filmstars. Er war in Blockbustern wie Peter Jacksons King Kong und M. Night Shyamalans The Village zu sehen, spielte neben Keira Knightley und Daniel Craig in The Jacket und neben Diane Lane und Ben Affleck in Hollywoodland.

Mit The Darjeeling Limited trat nach Polanski der nächste Karriere-entscheidende Regisseur in Brodys Leben: Wes Anderson erlaubte dem Spezialisten für schwierige Charaktere, Spaß zu haben. Und der Mime fand neue Ressourcen für seine Kreativität. Plötzlich, als habe er verstanden, dass Leiden keinen besseren Künstler aus ihm macht, ließ er sich fallen. Mit herrlichem Erfolg, wie The Grand Budapest Hotel und Fantastic Mr. Fox zeigen. Auch Woody Allen hat Brodys komisches Talent verewigt: Im Meisterwerk Midnight in Paris ließ er ihn einen wundervoll skurrilen Salvador Dali spielen.

Mitte der 2010er-Jahre ist Brody das Lachen allerdings vergangen. Nachdem kleinere, unabhängige Filme mit großem Anspruch scheiterten und die großen Produktionen zunehmend auf Anspruch verzichteten, zog er sich mehr und mehr zurück.

PAUSE Er malte lieber großformatige, abstrakte Bilder, als in großformatigen, nichtssagenden Filmen aufzutreten. Es entstand eine Pause, die Filmstars sich in Zeiten des Ego-Hypes selten erlauben. Doch Brody sammelte Kraft und Ideen, fand in Harvey Weinsteins Ex-Frau Georgina Chapman eine neue Gefährtin und wandte sich schließlich einem neuen Format zu: der Serie.

In den gefeierten Peaky Blinders fing er an und fand auch im Streaming-Hit Succession, in der Stephen-King-Adaption Chapelwaite und in Adam McKays Winning Team ein neues künstlerisches Zuhause.

Und dann interessierte ihn auch das Kino wieder: Im hochgelobten Monroe-Drama Blonde spielte er deren Ehemann Arthur Miller, für The French Dispatch arbeitete er erneut mit Wes Anderson, und mit Clean schrieb und inszenierte Brody 2021 seinen ersten eigenen Film, der eine hypnotische Mischung aus Clint Eastwood, Dystopia und Melancholie geworden ist.

Mit dem Weinen und dem Lachen im Gepäck geht Brody in die zweite Lebenshälfte. Er versuche, offen und ohne Angst zu sein, sagt er. »Ich brauche nicht immer einen Stein, aber ich habe oft einen.«

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