Chemie

Der Doktor aus Pinsk

In diesem Jahr feiert die Firma Beiersdorf den 100. Geburtstag ihres Weltbestsellers: der Nivea-Creme. Ohne die bahnbrechende Forschung des beinahe vergessenen Chemikers Isaac Lifschütz wäre dieser Erfolg jedoch undenkbar.

Lifschütz entwickelte den stabilen Emulgator, durch den eine haltbare Gesichtscreme überhaupt erst möglich wurde. Erst mit seiner Innovation war die Voraussetzung für die industrielle Produktion von Salben geschaffen. Damit, dass seine Erfindung für Kosmetik benutzt wurde, konnte sich der Wissenschaftler allerdings nur schwer anfreunden.

Nur bruchstückhaft ist die Biografie des gebürtigen Weißrussen überliefert. Die wenigen Informationen, die es gibt, sind dem Hamburger Wissenschaftshistoriker Sven Tode zu verdanken. Geboren wurde Lifschütz am 15. März 1852 in Pinsk. Die im Laufe ihrer Geschichte unter ganz unterschiedlicher Herrschaft stehende Stadt hatte sich seit dem frühen 16. Jahrhundert zu einer Hochburg jüdischen Lebens entwickelt.

An einem Verkehrsknotenpunkt zwischen Polen, Russland und Litauen im heutigen Weißrussland gelegen, mit zahlreichen Handelsbeziehungen und prosperierender Industrie, war Pinsk berühmt für seine Weltoffenheit. Chronisten berichten, dass bei der Staatsgründung Israels von der »Pinsk-Mafia« die Rede war, weil ein Viertel der Minister von dort stammte – neben Golda Meir etwa Chaim und Ezer Weizmann.

patent Isaac Lifschütz verließ seine Heimatstadt früh und ging – wie unzählige andere russische Juden – zum Studium ins Ausland. Den Kontakt zu seinen Eltern soll er abgebrochen haben. Er studierte zunächst ab etwa 1870 in der Schweiz und dann in Freiburg im Breisgau, wo er 1884 mit einer Arbeit zum Thema »Über die Einwirkung der konzentrierten Schwefelsäure auf Nitroantrachione« zum – wie damals üblich an philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten – Doktor der Philosophie promoviert wurde. Seine Dissertation hatte er in Berlin in den Laboratorien von Carl Liebermann an der Königlich Technischen Hochschule vorbereitet.

Schon früh arbeitete Lifschütz mit wichtigen deutschen Chemikern zusammen. Seit 1885 war er im chemischen Laboratorium der Lanolinfabrik Benno Jaffé & Darmstädter in Berlin tätig. Mit Ludwig Darmstädter, der später als Wissenschaftshistoriker berühmt wurde, veröffentlichte er seit 1896 mehrere Forschungsberichte zur Chemie des Wollfetts.

Ziel aller Forschung war die Herstellung einer unbegrenzt haltbaren wasserbindenden Salbengrundlage als Träger medizinischer Präparate zur dermatologischen Anwendung. 1898 gelang der Durchbruch mit der Isolierung des Eucerits aus Wollfett. 1902 erhielt Lifschütz die Patenturkunde für den revolutionären Grundstoff haltbarer Salben. 20 Patente folgten im Laufe der Jahre.

kosmetik 1887 hatte Lifschütz seine ebenfalls aus Pinsk stammende Frau Cäcilie geheiratet. 1904 zog die Familie nach Bremen, wo Lifschütz zunächst als Chemiker für die Norddeutsche Wollkämmerei tätig wurde. Aus dieser Zeit wird berichtet, dass das religionslose, kunstsinnige Ehepaar Lifschütz enge Kontakte zu fortschrittlichen Theologen und Intellektuellen unterhielt.

1909 trat Isaac Lifschütz einen Direktorenposten in einer Chemiefabrik bei Bremen an, wo sein Eucerin industriell produziert wurde. Lifschütz’ Versuch, seine Erfindung selbst zu vermarkten, scheiterte jedoch. Der Forscher war sich zwar der Bedeutung seiner Entwicklung bewusst, wehrte sich aber lange gegen die Verwendung für ein rein kosmetisches Produkt.

Erst das Zusammentreffen mit dem Hamburger Dermatologen Paul Gerson Unna und dem Apotheker und Unternehmer Oscar Troplowitz führte zum wirtschaftlichen Durchbruch. Troplowitz hatte 1890 von Paul C. Beiersdorf das pharmazeutische Labor übernommen und gemeinsam mit Unna beachtliche Erfolge mit medizinischen Pflastern und kosmetischen Produkten wie dem ebenfalls berühmten »Labello« erzielt.

1911 wurden Troplowitz und Lifschütz sich handelseinig. Lifschütz wurde Leiter eines eigenen Labors bei Beiersdorf und bekam ein Direktorengehalt und eine Gewinnbeteiligung. Im Gegenzug erhielt Beiersdorf alle Rechte an Lifschütz’ Erfindung.

Lifschütz, der von seinem Sohn als übervorsichtig beschrieben wurde, war eine durchaus streitbare Person. Was ihm missfiel, brachte er deutlich zum Ausdruck. Im Archiv von Beiersdorf finden sich zahlreiche Berichte von Konflikten, die zu bereinigen waren.

Streitigkeiten leitender Wissenschaftler nahmen manchmal handgreifliche Formen an: Einmal wurde Lifschütz sogar von einem Kollegen zu Boden geschlagen. Mit der Unternehmensleitung gab es Auseinandersetzungen um seine Position. Der 1920 beantragte Sitz im Aufsichtsrat wurde dem Forscher verweigert, dafür wurde er mit einem zusätzlichen Gehalt von 60.000 Mark beschwichtigt.

würdigung Trotz mancher Unstimmigkeiten genoss Lifschütz allergrößtes Ansehen. So wurde er 1921 für seine besonderen Verdienste mit einem Kunstwerk geehrt. Seit 1923 arbeitete er nur noch bis 14 Uhr. Die Firmengeschichte vermerkt, dass sich sein Gehalt bis 1930 auf 222.000 Mark gesteigert habe – womit er mehr verdient hat als der gesamte Vorstand zusammen.

1931 ging Lifschütz 79-jährig in den Ruhestand. Als die Nazis die Macht übernahmen, war er schon schwer krank. Seine Frau war bereits 1926 verstorben, und nun musste er noch erleben, dass sein Sohn und seine jüngere Tochter in die Emigration gingen. 1935 würdigte der gesamte Vorstand von Beiersdorf anlässlich der 25-jährigen Zusammenarbeit sein Wirken.

Über die letzten Lebensjahre des genialen Erfinders ist nichts überliefert. Lifschütz starb am 6. Februar 1938 in seiner Wohnung in Eppendorf. Die älteste Tochter Sophie, die als Zahnärztin in Berlin tätig war, starb 1942 auf dem Weg ins KZ. Die Pianistin und Musiklehrerin Elisabeth, die jüngere Tochter, lebte seit 1935 in Palästina. Lifschütz’ Sohn Alexander überlebte das Exil im besetzten Holland und kehrte 1945 nach Bremen zurück, wo er Senator für Entnazifizierung und später Präsident des Staatsgerichtshofs wurde.

Die Bedeutung, die Isaac Lifschütz mit seiner Erfindung für den Welterfolg der Marke Nivea hat, wird in diesem Jahr erstmals umfassend gewürdigt. Das Leben des Mannes, dessen Äußeres nur durch eine Zeichnung und eine undeutliche Vergrößerung aus einem Gruppenfoto überliefert ist, ist endlich dem Vergessen entrissen.

Medien

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