Spielfilm

Der andere Citizen Kane

Amanda Seyfried spielt in »Mank« Marion Davies, die Geliebte von William Randolph Hearst. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Was für brillante Witze Herman J. Mankiewicz wohl reißen würde angesichts der Tatsache, dass sein tragisch-dauerbetrunken unterhaltsames Leben in ein Drehbuch über ein Drehbuch und in einen Film über einen Film verwandelt wurde. Dass dieser Film als großer Favorit der Golden Globes 2021 gilt: ein Kichern. Und dass er selbst von einem Schauspieler gespielt wird, der seit fast 25 Jahren trocken ist: eine Lachsalve. Aber Mankiewicz wäre wohl auch ein bisschen stolz, so wie er es auf den Oscar war, den er sich 1942 mit Orson Welles geteilt hat.

Orson Welles kennt jeder, aber Herman J. Mankiewicz? Der ist 78 Jahre nach seinem Tod eher ein Fall für Filmexperten, obwohl der Sohn jüdischer Einwanderer, der einst mit Dorothy Parker am berühmten Algonquin Round Table saß und für den frisch gegründeten »New Yorker« Theaterkritiken schrieb, das Hollywood der Goldenen Ära entscheidend mitgeprägt hat, als Drehbuchautor, aber auch als Produzent.

Die geistreichen Maschinengewehr-Dialoge der 30er- und 40er-Jahre? Mankiewicz. Monkey Business und Duck Soup von den Marx Brothers? Mankiewicz. Dass The Wizard of Oz in Schwarz-Weiß beginnt und dann in Technicolor wechselt? Mankiewicz. Das Drehbuch zu Citizen Kane, dem »besten Film, der je gedreht wurde«?

ALKOHOL Aus Letzterem kann man einen ganzen Film machen, und Regisseur David Fincher (The Social Network, Gone Girl) hat es getan: Mank ist dabei herausgekommen, der in 131 Minuten und mit Gary Oldman in tiefenschärfeschwangerem Schwarz-Weiß auf Netflix davon erzählt, wie der alkoholkranke Mankiewicz vom gerade mal 24-jährigen Welles engagiert wird, ein Drehbuch zu schreiben.

Und wie der Autor, der nach einem Autounfall bis zur Hüfte eingegipst ist, in einer abgelegenen Ranch in der Mojave-Wüste liegt, wo ihn eine Pflegerin und eine Sekretärin bemuttern und bewachen, denn er soll nüchtern bleiben. 90 Tage Zeit hatte er.

Weil es Aufregenderes gibt, als einem Mann im Bett beim Schreiben zuzusehen, hat Fincher Flashbacks eingebaut, die von Manks wilder Zeit im Hollywood der 30er berichten: von hoch bezahlten Jobs bei Paramount und Metro-Goldwyn-Mayer, von genialen Autorenkollegen wie Ben Hecht, Sid Perelman und George S. Kaufman, von seiner viel zu toleranten Ehefrau Sara, von unbändiger Spiel- und Alkoholsucht und von seiner gefeierten Schlagfertigkeit und dem Talent, brutale Wahrheiten in elegant-grandiose Scherze zu verpacken. Fran Lebowitz auf Speed, mit Zucker überstäubt.

Mankiewicz hatte 90 Tage Zeit, das Drehbuch für Welles zu schreiben.

Während Mankiewicz also ein Drehbuch über den Aufstieg und Fall eines Medienmoguls schreibt – natürlich ist der megalomane William Randolph Hearst gemeint, dem damals alle wichtigen Medien des Landes gehörten –, flanieren MGM-Mitgründer Louis B. Mayer und der viel zu früh verstorbene, hoch talentierte Produzent Irving Thalberg durchs Bild, Cary-Grant-Drehbuchautor Charles Lederer und auch Hearst selbst samt geplagter Dauer-Mätresse Marion Davies.

setting Das Setting ist detailverliebt grandios, und Fincher hat es sich sogar nicht nehmen lassen, ab und an kleine Kreise oben rechts im Bild aufscheinen zu lassen, früher einmal das Zeichen, dass die Filmrolle gewechselt werden muss.

Wir besuchen verrauchte Studios und Hearsts selbst entworfenes Märchenschloss San Simeon, aber auch eine Zeit, in der Hollywood Politik gemacht hat. Und hier dringt Mank zum goldenen Herzen seines Helden vor, das dieser so gut zu verstecken weiß.

Im Jahr 1934 ist der Demokrat Upton Sinclair gegen den Republikaner Frank Merriam in der kalifornischen Gouverneurswahl angetreten. Mitten in der Weltwirtschaftskrise standen die Chancen gut für den Demokraten, der mehr wollte, als die Reichen reicher machen. Damals hieß es noch nicht Fake News, aber neben einer monströsen Anti-Sinclair-Schmähkampagne in den Hearst-Medien machten auch aberwitzige Propagandafilmchen von MGM die Runde. Sinclair verlor.

STOLZ Man könnte meinen, der allzu klarsichtige Mankiewicz wollte den eigenen Blick auf das große Ganze in Alkohol ertränken, auf dass er nicht durchschaue, wie armselig, von Gier getrieben und hilflos die Menschen nicht für das einstehen, woran sie glauben, sondern für das, was sie weiterbringt, reicher macht, an Geld oder Einfluss. Weil aber selbst der ganze Alkohol der Welt Mankiewicz’ Geist nicht entschärfen konnte, wehrte er sich mit bitterstem Zynismus.

So kommt es zu der Szene, in der Mank während eines opulenten Dinners in Hearsts Schloss den Medienmogul bloßstellt und lauthals dessen Wandel vom einst idealistischen Aufsteiger zum manipulativen, rechtskonservativen Populisten erklärt. Am Ende der Rede übergibt sich Mankiewiecz auf den edlen Teppich und beruhigt die feine Gesellschaft mit dem Bonmot, dass ihm der Weißwein zusammen mit dem Fisch hochgekommen sei.

Ein Zitat, für das Mankiewicz berühmt war, auch wenn es im wahren Leben an anderer Stelle fiel. Das macht Fincher übrigens gern, nimmt Mankiewicz’ Leben und räumt es um, damit es in seinen Film passt.

streit Ganz real war aber der existenzielle Streit mit Orson Welles. Mankiewicz hatte im Drehbuchvertrag auf die Nennung seines Namens verzichtet. Doch als er begreift, dass er endlich etwas geschrieben hat, worauf er tatsächlich stolz ist, will er nicht auf seinen Credit verzichten. Welles wütet, doch gibt er am Ende nach. Und Mankiewicz’ Gefühl wird bestätigt: Citizen Kane wird neun Mal für den Oscar nominiert, es gewann allein das Drehbuch.

Es war ein bedeutsamer Triumph, auch für den am Judentum uninteressierten Juden, der Mankiewicz angeblich war: Hearst wollte Citizen Kane mit allen Mitteln verhindern, er drohte jüdischen Studiobossen mit einer antisemitischen Kampagne gegen die europäischen Einwanderer, ließ Kopien des Films aufkaufen, um sie zu zerstören, orderte Hetzkampagnen gegen Welles und Mankiewicz. Doch der Film setzte sich durch. Bis heute. Go, get them, Herman!

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