Berlin

Den Rahmen sprengen

»Das Jüdische in den Mittelpunkt stellen«: Impressionen von der Ausstellung »Looking Back – Thinking Ahead« Foto: Stephan Pramme

Wenn junge jüdische Künstler mit einem biografischen Hintergrund aus der ehemaligen Sowjetunion, Deutschland sowie Israel, Ungarn und Südafrika ihre aktuellen Arbeiten unter einem Dach zeigen, dann ergibt sich daraus so etwas wie das künstlerische »Best of« einer wohl einzigartigen Diasporagemeinschaft. Auch kann es dabei um mehr gehen als nur um die Vielfalt jüdischer Identitäten, wie von nun an in der vergangene Woche unter dem Titel Looking Back – Thinking Ahead in der »Box Freiraum« eröffneten Ausstellung in Berlin‐Friedrichshain zu sehen ist.

»Es ist unser Ziel, zeitgenössische jüdische Künstler aus verschiedenen Ländern zusammenzubringen, die bis dato jüdische Themen in der Öffentlichkeit nie so wirklich in den Vordergrund gerückt hatten«, skizziert Kurator Daniel Laufer die Idee hinter dem Konzept. »Für die Präsentation hier in Berlin wollten wir aber genau das, nämlich das Jüdische in den Mittelpunkt stellen.«

POLITISCH Viele der präsentierten Werke thematisieren politische und soziale Realitäten, wie sie eigentlich nur von jüdischen Künstlern erfahren werden können. Doch Looking Back – Thinking Ahead versteht sich nicht als Nabelschau und will keineswegs Stereotype unhinterfragt reproduzieren. »Von Anfang an war es unser Anliegen, eine Ausstellung zu konzipieren, die jenseits der jüdischen Bubble funktionieren kann und keinerlei Schubladen bedient«, betont Laufer, der auch bei DAGESH, dem Kunstprogramm des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) mit an Bord ist. Und damit kommt das Begabtenförderungswerk für jüdische Studenten ins Spiel, das die Ausstellung initiiert hat und jüdische Studenten eben nicht nur finanziell, sondern auch ideell fördert.

»Die Ausstellung soll auch jenseits der jüdischen Bubble funktionieren und keinerlei Schubladen bedienen«, betont Kurator Daniel Laufer.

 

Medienkultur Beispielhaft für die Idee der Macher, wie der konventionelle Rahmen gesprengt werden kann, sind die Arbeiten der 1977 in Tel Aviv geborenen Keren Cytter, die seit Jahren zwischen New York, Israel und Europa hin‐ und herpendelt. Darin thematisiert sie die Einflüsse der Medienkultur auf zwischenmenschliche Beziehungen. So auch in Berlin, wo sie mit ihrem Videoprojekt »De Trous« ihr Leben als mittlerweile Fremdgewordene in Israel verhandelt. Als Resonanzraum zur eigenen, auf Französisch erzählten Vita greift Cytter auf die Biografie der aus Tunesien stammenden israelischen Musikerin Corinne Allal zurück, die wiederum durch ihre in hebräischer Sprache gesungenen französischen Chansons sehr populär geworden ist.

Sehr persönlich geht es auch in den Fotografien von Benyamin Reich zu. In einer Familie von Charedim in Bnei Brak 1976 geboren, changieren seine Bilder zwischen den Polen Religion, Identität sowie Vergangenheitsbewältigung und Sexualität. Vor diesem Hintergrund ist auch das großformatige Bild »Venus as a Boy« zu verstehen, das einen fast androgynen Jüngling im Wasser liegend zeigt und aufgrund des auf den ersten Blick nur schwer zuzuordnenden Geschlechts der abgebildeten Person mehr Fragen stellt als Antworten gibt.

»Es ist nicht so einfach die Frage zu beantworten, was jüdische Kunst sein soll«, betont ELES‐Chef Jo Frank.

Gleich einen ganzen Raum beherrschen die beiden Installationen des Berliner Künstlers Leon Kahane. Gezeigt werden zwei Glasgehäuse, die wie Brutkästen aussehen und in denen unter künstlichem Licht jeweils ein Weinstock heranwächst. Beide Pflanzen sind aus Bethlehem importiert und haben eine DNA, die sich laut Kahane auf die Zeit von König David zurückverfolgen lässt. Darüber hinaus soll ein bedrucktes Klebeband in abstrahierter Form die biblische Sage von Caleb und Joshua erzählen, deren Gabe einer Rebe die Israeliten nicht von der Fruchtbarkeit des Landes zu überzeugen vermochte. »Die Berichte über meine Assimilation sind in hohem Maße übertrieben«, so der Titel von Kahanes Werk.

GEDENKEN Die 1979 im Kibbuz Hazorea geborene Atalya Laufer zeigt unter anderem einen Vorhang voller Kinderzeichnungen, die in ihrer Schule anlässlich des Jom Haschoa entstanden waren. »Das muss ungefähr 1985 gewesen sein«, erinnert sich Laufer. »Fast alle Menschen, die darauf zu sehen sind, weinen.« Auch lassen sich einige Hakenkreuze und ein Magen David erkennen. »In dem Alter hatten wir damals wenig faktisches Wissen, um die Schoa zu beschreiben.«

Die Arbeiten der 14 ausgestellten Künstler vereinen zahlreiche Aspekte: Individualität, Kollektivität und Sexualität …

Pädagogisch mag das etwas fragwürdig gewesen sein. Gleichzeitig wussten die Grundschüler davon, weil der Kibbuz 1936 von deutschen Juden gegründet worden war und viele Angehörige seiner Bewohner ermordet wurden. »Kinderzeichnungen wirken immer harmlos – erst einmal.« Dass das nur scheinbar so ist, zeigt der Vorhang. »Ich habe mich bewusst für diese Art der Darstellung entschieden, weil ein solcher unseren Blick umrahmt. Auch können wir selbst entscheiden, ob wir ihn aufmachen oder schließen wollen.«

Die Arbeiten der 14 ausgestellten Künstler vereinen zahlreiche Aspekte. »Es geht um Familiengeschichten und intergenerationelle Konflikte«, wie es Jo Frank auf den Punkt bringt. »Darüber hinaus werden Individualität, Kollektivität und Sexualität thematisiert«, so der ELES‐Geschäftsführer. Und immer wieder treten Migrationserfahrungen und ihre Traumata hervor. »Es ist halt doch nicht alles so einfach, wenn man versucht, die Frage zu beantworten, was jüdische Kunst sein soll«, betont Frank.

Auf die Suche nach Antworten auf diese Frage muss sich wohl jeder selbst begeben, scheint eine Botschaft der Ausstellung zu sein. Und so viel steht nach dem Besuch der Schau fest: Die Suche lohnt sich.

»Looking Back – Thinking Ahead«. Bis 29. Juni in der Box Freiraum, Boxhagener Straße 96, Berlin

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