Erinnerung

Das verheißende Land

Deutschland? Deutschland! Mit Germania ist Rafael Seligmann erst über die Jahre warm geworden. Foto: Reuters

Soweit ich zurückdenken kann, war ich neugierig. Stets wollte ich wissen, was als Nächstes passieren würde. Was verbarg sich hinter den Wolken? Was geschah in der nahen Zitrusplantage, wenn es brannte, oder im Wadi davor, der sich bei Regenschauern unversehens mit Wasser füllte? Dann zog ich meine Gummistiefelchen an und rannte zum Orangenhain, um nachzusehen. Gleich nach dem Aufwachen lief ich in unseren kleinen Garten, um zu schauen, ob die Erdbeeren schon reif waren und die Blumen bereits blühten oder ob Schildkröten sich im Gemüsebeet zum Fressen niedergelassen hatten. Die Schildkröten schleppte ich ins Haus, um sie genau beobachten zu können. (…)

Der tramp Nach meiner Einschulung verschoben sich meine Neugierde und mein Unternehmungsgeist. Für gewöhnlich war ich lange vor Unterrichtsbeginn in der Klasse, weil ich es kaum erwarten konnte, zu erfahren, welche Zahlen und Rechenarten gelehrt wurden. Vor allem, welche Abenteuer das Volk Israel auf seiner Reise durch die Tora zu bestehen hatte. Die Fähigkeit zum selbstständigen Lesen ließ mich Märchen und Erzählungen verstehen. Am stärksten bewegte mich Onkel Toms Hütte. Ich musste weinen und begriff, welche Kraft in Büchern steckt. Mindestens ebenso aufregend waren Filme. Wann immer ein neuer Streifen für Kinder in Herzliyas Kino gezeigt wurde, war ich zur Stelle. Dick und Doofs Scherze trieben mir Tränen in die Augen. Mein unbestrittener Liebling aber war Charlie Chaplin – das hat sich bis heute nicht geändert. Der Tramp war lustig, zugleich verstand er es, mein Herz zu ergreifen. Und meinen Verstand. Also verfasste ich ein kurzes Stück: »Charlie in Israel«. Als ich den Sketch in der Schule aufführte, lachten und jauchzten die Kinder. Am Ende riet unsere Lehrerin Towa: »Du sollst das weitermachen.«

Dazu kam es nicht – zumindest nicht im nächsten Vierteljahrhundert. Denn ich hatte mit meinen Eltern in ihre deutsche Heimat zurückzukehren. Vaters Verheißung »Deutschland wird dir gefallen« erfüllte sich zunächst nicht. Das neue Land bedeutete Verlust und Ausgrenzung. Wir verloren unseren Garten und mussten anfangs in einem Zimmer hausen. In der Schule war ich mit einem Mal Analphabet. Es dauerte, bis ich des deutschen Lesens und Schreibens kundig war.

Erziehung Die deutsche Sprache wurde mir zunehmend vertraut. Dies änderte jedoch nichts an meiner Ausgrenzung als Jude. Durch die Übersiedelung nach Deutschland wurde ich zum Außenseiter. Dank israelischer Erziehung kam mir nicht in den Sinn, zu versuchen, diese Abseitsstellung durch Verleugnung meiner Identität – den Begriff kannte ich damals noch nicht, wohl aber meinen Glauben und Grundzüge der jüdischen Geschichte – aufzuheben.

Die Position als Außenstehender absorbierte in den folgenden Dutzend Jahren einen Großteil meiner seelischen Energie. Es war meine bleierne Zeit. Ich flüchtete vor der Wirklichkeit in Tagträume. Der Treibsatz war meine Fantasie, das Ziel blieb das verheißene Land meiner Kindheit, Israel. Ich war jedoch unfähig, selbstständig dorthin zurückzukehren.

Als ich mich endlich aufraffte, mich freiwillig zum Militärdienst nach Israel zu melden, wie es mir als zionistischem Zögling beigebracht wurde, war es meiner Mutter ein Leichtes, mich dank moralischer Erpressung im Land der »Nazis« zu halten und obendrein in eine ungewollte Lehre in einem unpassenden Beruf zu bannen. Möglicherweise brauchte es das Frustrationspotenzial, verbunden mit der Wahrnehmung meines intellektuellen Stillstands, um meine Kräfte zu mobilisieren, mich aus der Starre zu befreien. Ich begann zu begreifen, dass ich meine Lage nur ändern konnte, indem ich handelte.

Seiltanz So gewann ich die Energie, mein Leben in die gewünschte Richtung zu steuern. Nach dem Abitur studierte ich gemäß meinen Interessen Geschichte und Politik. Die Liebe zu meiner deutschen Gefährtin schenkte mir erstmals seit meiner Kindheit wieder Lebensfreude und stabilisierte mich. Die neue Stärke nutzte ich, um nach zwei Dekaden die Rückkehr nach Israel zu wagen. Das Ergebnis war ein zionistischer Seiltanz über einem materiellen deutschen Sicherungsnetz. Dabei wurde mir das eigene Diasporabewusstsein offenbar. Ich genoss den Aufenthalt in Zion, es war jedoch unübersehbar, dass ich nicht Teil der israelischen Militärgesellschaft war. Ich strebte auch nicht danach, es zu werden. Ich erkannte im ersehnten Land zunehmend meine Bindung an die deutsche Sprache und Kultur. Denn hier hatte ich unterdessen meine Heimat gefunden. (…)

Nach Abschluss meines Studiums ergriff ich einen stimmigen Beruf. Als Journalist konnte ich meiner Neugier in Politik und Kultur frönen und versuchen, Antworten zu finden. Die im Zeitungsgewerbe gegebene Begrenzung der Fantasie durch »harte Fakten« staute diese, ehe sie sich in meinem ersten Roman Bahn brach. Obgleich ich nun wusste, dass ich meinen Beruf als Schriftsteller gefunden hatte, ließ ich vier Jahre verstreichen, ehe ich es wagte, mich als vogelfreier Autor in die Lüfte zu erheben.

Das fiktive Schreiben entspricht meinem Wesen. Es entspringt der Freude am Fabulieren, die wiederum von meiner unentwegten Vorstellungslust befeuert wird. Als Schriftsteller begnüge ich mich nicht mit Impressionen und Ideen, ich bin von dem Bestreben getragen, die Fäden zu einem tragfähigen neuen Netz zu verknüpfen. Das bedeutet eine immerwährende Achterbahnfahrt zwischen Himmel und Hölle. Ich besitze die Freiheit der Assoziation, doch diese ist abhängig von den passenden Einfällen –die aber lassen sich nicht herbeibefehlen. Soweit sie aufscheinen, sind sie schwer regierbar. Dennoch muss ich sie in eine Ordnung fügen. Dabei scheint ein entscheidender Unterschied zur freien Gedankenassoziation auf: Schreiben erheischt gedankliche Disziplin, Logik und Recherche. (…)

Abseitsstellung Die Situation als Jude in Deutschland ist eine nie versiegende Inspirationsquelle für einen Schriftsteller. Aufgrund der sprachlichen und kulturellen Zugehörigkeit bin ich Teil der Mehrheitsgesellschaft und verstehe sie auf meine Weise. Doch die reale, zumindest aber die subjektive Abseitsstellung schärft die Beobachtungsgabe durch gefühlte Verletzungen und Verzerrungen. Es ist die Balance zwischen Verstehen, Dazugehören und Abgesondertsein.

Diese Beobachtungsposition bedeutet Verantwortung. Als Jude, zumal der nachgeborenen Generation, darf man sich nicht in Selbstmitleid ergehen. Man hat sich als Abels Erbe vor Augen zu führen, dass die Nachkommen Kains ebenso nachhaltig von den Furien der Vergangenheit angegangen werden. Dieses Bewusstsein hilft, Verletzungen hinzunehmen, ebenso die Feststellung, dass jede Gesellschaft in zahlreiche Minderheiten zerfällt. (…)

Die Position eines jüdischen Publizisten hierzulande macht einen für eine spezifische Falle der Post‐Nazizeit empfänglich. »Broder, Wolffsohn, Brumlik, Biller, Seligmann und die anderen Idioten können schmieren, was sie wollen, die Deutschen sind darauf versessen, den Tineff zu lesen«, ließ ich die Titelfigur meines Musterjuden räsonieren.

Walter Benjamin Fast jeder jüdische Autor und nicht wenige Funktionäre erliegen zumindest gelegentlich der Versuchung, sich als Gewissen Deutschlands zu gerieren, legitimiert durch nichts als den deutschen Phantomschmerz über die fast vollständig ausgelöschte hebräische Gemeinde dieses Landes. Wir Juden sollten uns dieser Leichenfledderei enthalten, und die Gojim sollten sich die Schadenfreude ersparen, uns dermaßen zu korrumpieren. Auf diese Weise wird kein neuer Walter Benjamin geschaffen, allein Lakaien.

Was bleibt? Mein Vater hatte gemeint, in Deutschland werde es mir gefallen. Wurde seine Verheißung wahr? Germanias Busen und meine Wangen haben mit der Zeit die gleiche Temperatur angenommen, wer wem dabei Wärme spendet und wer den anderen erkalten lässt, ist (…) unwichtig geworden.

Ich gehe meinen Weg in Deutschland. Vom unzufriedenen Lehrling zum Schriftsteller und Publizisten, der teilhat an der Kultur und der Meinungsbildung des Landes, das mir so vertraut wurde. Auf diese Weise habe ich hier meine Heimat gefunden. Dass ich so weit kam, habe ich meinen Gefährten zu verdanken, in erster Linie meiner Frau. Ob sie jüdisch, deutsch oder beides sind, ist mir einerlei. (…)

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