Streaming

»Das Unbekannte akzeptieren«

Der Geiger Daniel Hope organisiert die Reihe »Hope@Home«. Foto: imago images/Future Image

Streaming

»Das Unbekannte akzeptieren«

Bei geschlossenen Konzerthäusern bleiben Musiker mit ihrem Publikum in digitalem Kontakt

von Maria Ossowski  02.04.2020 07:42 Uhr

Sie lebt in Ramat Aviv und wird im Oktober 90 Jahre alt. Wir whatsappen täglich, sie verschickt Memes, GIFs, Familienfotos, Sprachnachrichten, Videos. Regina Steinitz, in Berlin geboren, ist digital perfekt vernetzt, und sie vermisst ihren kürzlich verstorbenen Mann Zwi, mit dem sie 70 Jahre verbrachte.

WhatsApp Regina liebt klassische Musik und kann, wie alle Israelis, momentan keine Konzerte besuchen. Also schicke ich ihr per WhatsApp ein Video der Thelma Yellin High School. Die Schüler dieses berühmten Kunstgymnasiums in der Nähe von Tel Aviv haben als Chor und Orchester Mendelssohns Psalm 42 gestreamt. »Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, o G’tt, zu Dir.« Das Video ist ein Hit in den sozialen Netzwerken, über 40.000-mal geklickt.

Die Sängerinnen und Orchestermusiker musizieren einzeln zu Hause, im Ohr einen Knopf mit der Taktangabe des Dirigenten aus der Schule. Sie filmen sich selbst mit dem Smartphone. Ein Toningenieur setzt sämtliche Einzelvideos zusammen, zeigt sie in Splitscreens, und das Ergebnis ist so berührend wie musikalisch.

Da sitzt eine 16-Jährige im Schneidersitz auf dem Sofa, die Partitur auf dem Schoß, ein Geiger spielt unter seiner Wohnzimmerlampe, der Fagottist trägt eine venezianische Maske, die Cellistin hat ein Krönchen aufgesetzt, der Dirigent trägt eine Corona-Maske, und doch eint alle eine ungeheure Ernsthaftigkeit. »Heilig«, steht in den Kommentaren bei YouTube, »unglaublich schön, brillant«.

TROST Und wie reagiert Regina, die multimedial kommunizierende Schoa-Überlebende aus Berlin? »Ich hörte die wunderbare Musik aus dem Video und musste bitterlich weinen. Mir fehlte mein Mann. Aber die Musik beruhigte mich auch wieder. Unsere beiden Kinder und die Enkel haben am Thelma Yellin Abitur gemacht. Wir alle waren an dieser Schule wie eine große Familie. Das sind gute Erinnerungen, die dieses Video mir bringt, gerade jetzt in der schweren Corona-Zeit.«

Wie erleben professionelle Musiker dieses Spielen im virtuellen Raum?

Streaming und Video bleiben als Trost in der Einsamkeit. Drei Generationen trennen die alte Dame in ihrer Quarantäne und die Schüler im Video, der digitale Mendelssohn-Psalm verbindet sie. Schüler beherrschen die digitalen Medien, aber wie erleben professionelle Musiker dieses Spielen im virtuellen Raum, ganz allein vor der Kamera oder dem Smartphone?

Pianist Die Konzerthäuser weltweit sind geschlossen, Versammlungen verboten. Streaming scheint ein Ausweg, der zwar kein Geld einbringt, aber wenigstens einen Teil des Publikums erreicht. Die Impresaria Sonia Simmenauer leitet mit ihrem Sohn Arnold eine Agentur für Musiker am Berliner Kurfürstendamm, die Krise quält sie und ihre Mitarbeiter genauso wie ihre weltberühmten Geiger und Pianisten, Bratscher und Komponisten.

»Streaming hat in jenem Vakuum, das durch die plötzliche Stille entstanden ist, eine große Bedeutung, um nicht gleich vor dem Nichts zu stehen«, meint Simmenauer, aber sie relativiert: »Es kann kein Konzert ersetzen, es kann uns nur ein bisschen Wärme spenden und den Künstlern den Trost, dass sie den Menschen da draußen, in ihren Zellen, wichtig sind. Man kommt aber schnell zu dem Punkt einer gewissen Qualität. Sie ist selten gegeben, wenn man sich selbst mit dem Smartphone beim Musizieren aufnimmt.«

Für Matan Porat erlaubt Streaming mehr Intimität als im Konzertsaal.

Sorgen um mangelnde Qualität beim Streaming musste sich Amihai Grosz vor der Corona-Krise nicht machen. Der erste Solobratscher der Berliner Philharmoniker, er stammt aus Jerusalem, konnte sich mit seinem Orchester immer auf die brillanten Übertragungen der Digital Concert Hall (DCH) verlassen. Beste Kameraführung, hervorragende Tonmeister, die DCH ist weltweit beliebt. Aber die Philharmoniker treten momentan nicht auf. Also Solo-Strea­ming? »What else?«, fragt Amihai.

Der Geiger Daniel Hope hat ihn eingeladen, Mozarts Sinfonia Concertante und Weiteres mit ihm zu spielen. »Hope@Home«: eine gut ausgestattete Streaming-Initiative in Hopes repräsentativem Wohnzimmer. Grosz macht das gern, denn das Schlimmste sei das Vakuum, das Nichts. Andererseits sei es für jeden Künstler wichtig, das Unbekannte zu akzeptieren, denn nur im Kontakt mit dem Unbekannten entstehe Kunst.

WOHNZIMMER Grosz’ Nachbar ist einer der berühmtesten Mandolinenspieler weltweit, Avi Avitall. Avitall hat im Lincoln Center, im KKL Luzern und in der Wigmore Hall gastiert. Zuletzt spielte er im Konzerthaus am Gendarmenmarkt vor leeren Stühlen, für das TV-Programm des RBB. 90.000 Leute haben zugeschaut. Corona hat ihn plötzlich vor existenzielle Fragen gestellt: Weiß ich ohne Konzerte und Publikum noch, wer ich bin? Was meine Arbeit bedeutet? Avitall wird demnächst aus Berlins legendä­rem Meistersaal streamen, zu erleben auf der Plattform der Deutschen Grammophon zusammen mit »ARTE concert« unter dem Titel »Moment Musical«.

Der Pianist und Komponist Matan Porat lebt in Berlin-Prenzlauer Berg, er war in der Carnegie Hall und in der Berliner Philharmonie zu Gast und kann dem Streaming einen gewissen Charme abgewinnen, denn es erlaube eine Intimität zwischen dem Publikum und ihm, die im Konzertsaal fehlt. Es ermögliche den Zuhörern einen Blick ins Wohnzimmer des Künstlers, der ohne Make-up und im Alltagsoutfit spielt.

SALON Ebenfalls in Berlin wird die Sängerin und Gastgeberin Avitall Gerstetter ihren nächsten Salon via YouTube streamen: Stephan Wackwitz und Michael Wuliger diskutieren am Sonntag, den 12. April, über russische Zuwanderer, die Kamera wird dem iranischen Koch Reza Daenabi über die Schulter schauen, und Avitall Gerstetter präsentiert dazu im Berliner Dom jiddische Lieder: »Jerushalayim Shel Zahav«, »A jiddische Mame« oder »Bai mir biste schejn«.

Für den jungen, preisgekrönten Geiger Marc Bouchkov beginnt Musik in der Stille. Der Belgier stammt aus einer russisch-jüdischen Musikerfamilie und lebt in Frankfurt. Stille formt die Energie im Saal, die Spannung steigt. Das Streamen ist für ihn vergleichbar mit dem letzten Schritt des Übens. Von Jascha Heifetz stammt der Ratschlag, so zu üben, als wäre das Publikum bereits anwesend.

Chicago Den israelischen Geiger Vadim Gluzman, der mit den bedeutendsten Orchestern weltweit gastiert, erreiche ich zu Hause in Chicago. Er wird mit seiner Frau Angela Yoffe auf dem Violin Channel und auf der Concerto Platform streamen, 120.000 Zuhörer erwartet er. Seine Tochter hilft ihm bei den technischen Fragen, stellt das Mikrofon auf und aktiviert den Code.

Aber was machen all diese Musiker in der Pessachzeit? Amihai Grosz und Avi Avitall haben im vergangenen Jahr gemeinsam gefeiert, jetzt werden sie bei ihren kleinen Familien bleiben. So wie alle anderen auch. Skypen mit den Verwandten in Israel, sich vergangener Sederabende erinnern und auf gemeinsame hoffen. Und Regina Steinitz in Ramat Aviv? Sie wird mit allen telefonieren und vielleicht ein bisschen weinen. »Ich bin so emotional«, mailt sie, »aber so bin ich nun mal, und so ist es gut.«

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

Plakat mit der Aufschrift Nie wieder ist jetzt

Gedenken zum 9. November

»Nie wieder«: Ein Appell in der Kritik

In diesen Tagen wird der Opfer der NS-Pogrome von 1938 gedacht. Anlass, öffentlich »nie wieder« zu fordern. Wegen des aktuellen Antisemitismus wollen manche das jedoch nicht mehr hören. Schlaglichter auf eine Debatte

von Leticia Witte  08.11.2026

Tasche mit der Aufschrift Anne Frank – 30 Jahre Anne Frank Zentrum

Berlin

Anne Frank Zentrum: Holocaustleugnung bei Jugendlichen nimmt zu

Die Leiterin des Anne Frank Zentrums Berlin warnt vor Falschinformationen zur NS-Zeit in Sozialen Medien. Ein Grund für die Wissenslücken könne auch ein rückläufiger Stellenwert im Schulunterricht sein, sagt sie

 08.11.2026

Oper

»Da ruft mich jemand«

Das Theater Osnabrück erinnert mit einem eigens komponierten Stück an Peter van Pels. Der Gefährte von Anne Frank im Versteck wurde vor 100 Jahren geboren

von Claudia Irle-Utsch  08.11.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 08.11.2026

Ruth Ur im Exilmuseum

Berlin

Das Exil ist überall – Berlins neues Museum schlägt Brücken

Während der NS-Zeit war Berlin für viele ein Ort, den sie verlassen mussten. Ein neues Museum verbindet ihre Geschichten mit heutigen Exil-Erfahrungen

 08.11.2026

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  07.11.2026

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026