Antike

Das Rätsel um jüdische Gladiatoren

Eine neue Forschungsarbeit geht der Frage nach, inwieweit Juden in Roms blutige Spiele involviert waren

von Daniel Killy  13.08.2023 13:16 Uhr

Gladiatorenkampf: römisches Mosaik aus dem 2. Jh. n.d.Z. Foto: picture alliance / akg-images

Eine neue Forschungsarbeit geht der Frage nach, inwieweit Juden in Roms blutige Spiele involviert waren

von Daniel Killy  13.08.2023 13:16 Uhr

Tausende jüdische Sklavinnen und Sklaven wurden unter römischer Herrschaft nach Rom verschleppt – da sind sich Historiker und der Talmud einig. Aber mussten sie auch als Gladiatoren im Kampf in römischen Arenen bestehen, um ihr Leben zu retten? Eine neue wissenschaftliche Arbeit hat sich jetzt des Themas angenommen – und kommt zu dem Schluss, dass Juden bei den grausigen Kämpfen zumindest zugeschaut haben.

Haggai Olshanetsky, Postdoktorand an der Uni Basel im Departement Altertumswissenschaften, schrieb seine Arbeit »Were There Jewish Gladiators? A Re-Evaluation of the Available Archaeological and Textual Evidence« (Gab es jüdische Gladiatoren? Eine Neubewertung der verfügbaren archäologischen und textlichen Beweise) für die jüngste Ausgabe der Zeitschrift »Atiqot«, die Israels Altertumsbehörde herausgibt.

BEGRENZT »Die Teilnahme von Juden in der Arena, insbesondere als Gladiatoren, hat relativ wenig Aufmerksamkeit erhalten. Die wenigen Artikel, die zu diesem Thema geschrieben wurden, legen nahe, dass Juden sowohl Zuschauer als auch Teilnehmer waren«, schreibt Olshanetsky. »Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf alle zuvor erwähnten Indizien für die Existenz jüdischer Gladiatoren und führt auch neue an. Obwohl die Möglichkeit, dass jüdische Gladiatoren im 1. bis 4. Jahrhundert n.d.Z. aktiv waren, nicht völlig ausgeschlossen werden kann, ist die Beweislage nicht eindeutig, was darauf hindeutet, dass ihre Zahl bestenfalls sehr begrenzt war.«

Gladiatoren waren Berufskrieger, die ausschließlich gegen andere kämpften.

Gegenüber dem Jewish News Syndicate (JNS) erläutert Olshanetsky, dass drei Arten von Menschen in antiken Arenen Waffen trugen. Doch obwohl alle drei häufig als »Gladiatoren« bezeichnet werden, würden zwei fälschlicherweise als solche identifiziert. »Gladiatoren waren, zumindest ab dem ersten Jahrhundert n.d.Z., Berufskrieger, die ausschließlich gegen andere Menschen kämpften. In der Regel waren dies andere Gladiatoren, manchmal aber auch Verurteilte, und die Gladiatoren fungierten als deren Henker«, so Olshanetsky.

In seinem Artikel vergleicht er diese exaltierten Kämpfer mit heutigen Fußballstars. »Sie galten bei den wohlhabenden Frauen Roms als attraktiv, und einige von ihnen wurden mit beträchtlichen Summen dafür bezahlt, diese Damen zu unterhalten, auch im Schlafzimmer«, schreibt er.

Im Unterschied zu ihrer Darstellung in Filmen kämpften die Gladiatoren mit Waffen, und die Kämpfe wurden von Schiedsrichtern überwacht, sodass sie selten tödlich endeten«, so Olshanetsky gegenüber JNS. Gladiatoren waren wertvoll, daher taten ihre Besitzer alles, um sie am Leben und im Kampf zu halten.

VERURTEILT Ab dem ersten Jahrhundert n.d.Z. ersetzte eine zweite Art von Kämpfern die Gladiatoren bei Kämpfen gegen Tiere. Diese wurden laut Olshanetsky »venatores« genannt. »Sie trugen im Unterschied zu den Gladiatoren meist keine Schutzkleidung und kämpften nur gegen Tiere«, so der Wissenschaftler. »Obwohl sie Profis waren, standen sie in der zweiten Reihe nach den Gladiatoren.« Der dritte Typ waren »Verurteilte, die zum Sterben in die Arena geschickt wurden, die in der Regel keine Ausbildung und Ausrüstung erhielten, aber bis zum Tod kämpften«, fügt er hinzu.

Unstrittig, so Olshanetsky, sei, dass Juden als Publikum in den Arenen des Römischen Reiches präsent waren. Die Rabbiner waren dagegen, dass Juden bei Gladiatorenspielen zusahen, aber es gibt historische Beweise dafür, dass Juden trotzdem teilnahmen.

Eine Inschrift, die zwischen dem zweiten und dritten Jahrhundert n.d.Z. datiert wird, bezeichnet einen bestimmten Sitzbereich im Theater von Milet in Westanatolien (der heutigen Türkei) als »Ort der Juden, die (auch) als diejenigen bekannt sind, die Gott fürchten«. In einer anderen Übersetzung heiße es »sowohl der Juden als auch der Gottesfürchtigen«, aber in jedem Fall werden die Juden eigens erwähnt.

SÜNDHAFT Selbst wenn Juden das rabbinische Verbot, an den Spielen teilzunehmen, ignorierten, glaubt Olshanetsky, dass jüdische Gladiatoren, wenn es sie denn gab, lieber gegen Tiere als gegen Menschen gekämpft hätten. Gladiatorenspiele gehören nicht zu den wenigen Ausnahmen von der Tora-Regel, dass es sündhaft sei, menschliches Blut zu vergießen, aber es gibt schließlich auch das Verbot, Tiere zu quälen.

»Ich vermute, dass die Juden wirklich an den Spielen teilnehmen wollten und einen Kompromiss eingegangen sind«, sagte Olshanetsky gegenüber JNS. »Für sie war der Kampf gegen Tiere das geringere Übel. Ich nehme an, dass man, wenn man etwas wirklich tun will, immer eine Rechtfertigung finden kann, sodass das Wohl der Tiere kein Hindernis für diejenigen war, die sich entschieden, teilzunehmen.«

Der Frühhistoriker Samuele Rocca schrieb 2006 in seinem Aufsatz »A Jewish Gladiator in Pompeii« über einen ganz speziellen jüdischen Legionär: »Bei einem kürzlichen Besuch in Rom nahm ich an einer Führung durch das Kolosseum teil, die von einem versierten Archäologen geleitet wurde, dessen Doktorarbeit sich mit dem jüdischen Leben im frühen Rom befasst hatte. Ich erfuhr, dass die Männer, die in diesem antiken Kampfplatz kämpften, im Unterschied zu den Hollywood-Bildern nicht die stämmigen Krieger aus den Filmen waren, sondern stattdessen dürre Sklaven, deren Überlebenskampf der Familienunterhaltung diente. Die wilden Tiere, die in den Kämpfen eingesetzt wurden, waren tagelang ausgehungert worden, um sie gefräßiger und gewalttätiger zu machen. Die Sklaven hingegen wurden mit Gerste gefüttert, um ihre Bäuche zu mästen und zu vergrößern, damit die Reißzähne der Tiere (oder die Schwerthiebe der echten römischen Krieger) länger brauchten, um in ihre inneren Organe einzudringen, was zur Freude der Eltern und Kinder auf den Tribünen zu mehr Blutvergießen führte.«

HEIDNISCH Die Rabbiner zu jener Zeit sahen die blutigen Kämpfe als heidnische Praktiken an – auch das bloße Zuschauen galt als Verstoß gegen jüdische Gesetze. Kampf und noch dazu Kampfformen, bei denen Blut fließt, waren verpönt im Judentum. Doch Rocca schildert im weiteren Verlauf seines Textes, dass sein akademischer Führer durchs Kolosseum unvermittelt sagte, »unsere archäologischen Forschungen haben Beweise dafür, dass es einen jüdischen Gladiator gab«.

Im alten Rom war die Palme ein Symbol für das Land, das heute als Israel bekannt ist.

Rocca zitiert seinen akademischen Kollegen: »Sie alle wissen, dass die Nazis die Juden zwangen, einen gelben Stern zu tragen, um sie als Juden zu kennzeichnen. Während des gesamten Mittelalters haben verschiedene Länder ähnliche Dinge getan. Im alten Rom war die Palme ein Symbol für das Land, das heute als Israel bekannt ist. In Italien gab es keine Palmen, aber im Nahen Osten sind sie weit verbreitet. Jüdische Sklaven in Rom mussten ein Palmensymbol tragen, um zu verbreiten, dass die Römer ihr Heimatland erobert und dessen Bewohner in Gefangenschaft genommen hatten. In Pompeji fanden wir das Haus eines ehemaligen männlichen Gladiators. Sein Helm und sein Mantel trugen das Palmensymbol, was ihn als Juden auswies. Offensichtlich hatte er seine Kämpfe überlebt und durfte sich unter den Bürgern von Pompeji niederlassen.« Der Helm, den dieser vermeintlich jüdische Gladiator getragen hatte und der in der Gladiatorenschule von Pompeji gefunden wurde, trägt eine Palme mit sieben Wedeln, laut Rocca ein eindeutiges Symbol für Juden.

inkonsistent Das bestreitet Olshanetsky: »Da die Palme auf dem Helm aus Pompeji sieben Wedel hat, behauptet Rocca, dass es sich nicht um eine karthagische Palme handeln könne, da diese nicht durchgängig sieben Wedel aufweise und deren Stamm oft proportional länger sei als der auf den Münzen aus Judäa. Andererseits stellt Rocca fest, dass die Anzahl der Wedel auf Münzen aus Judäa ebenfalls uneinheitlich ist, schließt aber aufgrund der Ähnlichkeiten mit Münzen von Agrippa I. und Antonius Felix, deren Palmen sieben Wedel haben, auf eine jüdische Palme. Er erklärt nicht, warum die eine Widersprüchlichkeit anders zu beurteilen ist als die andere.« Olshanetsky hält Roccas These für wissenschaftlich inkonsistent.

Obwohl es keine eindeutigen Beweise für jüdische Gladiatoren gibt, sagt er, »und nur geringfügig bessere Beweise für jüdische Venatoren, gibt es immer die Option, dass dies nur statistischer Zufall ist und es tatsächlich viele jüdische Gladiatoren gab. Aber die einzige Rekonstruktion, die ich anbieten kann, basiert auf dem, was wir tatsächlich haben, und das ist dürftig«.

Die Beweise deuteten nicht darauf hin, dass es viele jüdische Gladiatoren oder Venatoren gab. »Andererseits kann ich sagen, dass es viele Juden im Publikum gab, die es genossen, die Kämpfenden in der Arena anzufeuern«, so Olshanetsky. »Dafür haben wir reichlich Beweise.«

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