Lesen!

Das jüdische Belgrad

Foto: PR

Lesen!

Das jüdische Belgrad

Ein hervorragender Reiseführer durch die Hauptstadt Serbiens

von Katrin Diehl  24.12.2020 10:49 Uhr

Reisen »mit dem Finger auf der Landkarte« hat etwas Vintagemäßiges. Es ist also – wie viele Sachen, die etwas aus der Zeit gefallen sind – wieder durchaus angesagt. »Belgrad« soll es heute sein, vielleicht mit einem Glas Rotwein in greifbarer Nähe, vor allem aber mit einem nun im Wiener Falter-Verlag erschienenen Reiseführer.

Und dann darf man sich wundern. Und freuen. Nicht, weil der einen so ganz anderen Ton anschlagen würde – Formulierungen wie »charmante Parkanlagen« oder »urige Tavernen« gehören einfach dazu (die »attraktiven Frauen« dagegen irritieren ein wenig), genauso wie dieser oder jener Ort, an dem sich »für jede Geldbörse etwas finden« lässt.

Genauigkeit Nein. Was bei diesem ganz hervorragenden Reiseführer auffällt, ist die Ausführlichkeit, die Genauigkeit, die Deutlichkeit, mit der der Blick auf das jüdische Belgrad gelenkt wird, und das ganz ohne überfürsorgliche Erklärungspassagen zum »Judentum im Allgemeinen«.

Und ja, wir bekommen zum Glück immer auch den Kontakt mitgeliefert, den wir brauchen, wenn wir uns zum Schabbat-Gottesdienst in der »Suka Šalom«, der einzig verbliebenen Synagoge der Stadt, anmelden wollen. Bei »Route 4« gehen wir, »obwohl der Weg dorthin nicht attraktiv ist«, »weiter in Richtung Donau«, um nach Sport- und Tenniszentrum vor dem Denkmal »Menora in Flammen« des serbischen Künstlers Nandor Glid zu stehen, das seit 1990 an die Belgrader Juden erinnert, die zwischen 1941 und 1944 von SS- und Wehrmachtseinheiten ermordet worden sind. Bei der sechsten »Etappe« peilen wir auf dem »Zemun-Friedhof« – »der bis heute in Betrieb ist und ein spezifisches Denkmal der Multikonfessionalität mit serbisch-orthodoxen, katholischen und jüdischen Gräbern darstellt« – fast selbstverständlich das Grab von Theodor Herzls Großeltern väterlicherseits an.

Geheimnis Wie kommt’s? Na ja. Das Geheimnis lässt sich lüften, und es soll ja auch gar keines sein. Die Autorin des Reiseführers ist einfach »nah dran«. Es ist die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Ida Salamon, die in Belgrad geboren wurde, seit 2007 in Wien lebt, für die Belgrader Jüdische Gemeinde ebenso tätig war, wie sie das heute als Veranstaltungsmanagerin fürs Jüdische Museum Wien ist. Dass sie ihre Geburtsstadt Belgrad liebt, spürt man bei jedem der sechs einladenden Rundgänge – für die Leser ein großes Glück.

Und so »schlendert« man in Belgrad zwischen den in goldenem Licht scheinenden Postkartenbildchen weiter bis zur Gospodar Jevremova, in der sich links die Bajrakli-Moschee befindet und rechts das »Haus der Kirche und Schule der jüdischen Gemeinde« mit dem »Jüdischen historischen Museum«, in dem »Sie die Möglichkeit haben, eine mehr als 50 Jahre alte Ausstellung zu besuchen …«.

Ida Salamon: »Belgrad«. Falter, Wien 2020, 136 S., 12,90 €

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026

Fußball

»Ich weiß, wer Weltmeister wird«

Uri Geller über die Weltmeisterschaft, den Gewinner des Turniers und seinen fatalen Einfluss auf einen verschossenen Elfmeter bei der EM 1996

von Detlef David Kauschke  19.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Sein Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  19.06.2026

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Literatur

Prophet im eigenen Land

Ein neuer Band mit bisher unveröffentlichten Texten von Amos Oz zeigt den israelischen Schriftsteller als reflektierten Staatsbürger und überzeugten Zionisten

von Marko Martin  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Ausstellung

Androgyn, zeitlos, modern

Das Georg Kolbe Museum in Berlin widmet sich der britischen Ausnahmekünstlerin Marlow Moss – erstmals in Deutschland

von Alicia Rust  18.06.2026

Streaming

Bringt Gali nach Hause!

Eine junge Israelin wird in Moskau verhaftet. Die Serie »Unconditional« erzählt vom Kampf einer Mutter gegen die Justiz

von Chris Schinke  18.06.2026

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 18.06.2026