Gedenken

Charlotte Salomon: Ein Leben, das einem düsteren Wintertag gleicht

Foto: picture-alliance/ dpa

Charlotte Salomons Leben gleicht einem düsteren Wintertag, der nur an wenigen Momenten von vereinzelten Sonnenstrahlen erhellt wird. Einer dieser Momente war sicherlich der 17. Juni 1943: die Hochzeit mit Alexander Nagler, nur wenige Wochen vor der Deportation des Ehepaares nach Auschwitz, wo Salomon vermutlich am 10. Oktober 1943 unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurde. Sie war 26 Jahre alt und im fünften Monat schwanger.

Salomon wurde am 16. April 1917 in Berlin geboren und wuchs im Stadtteil Charlottenburg auf. Charlotte wurde nach der jüngeren Schwester ihrer Mutter benannt, die sich im Alter von 18 Jahren das Leben nahm. Auch ihre Mutter, Franziska Salomon, nahm sich das Leben als Charlotte acht Jahre alt war. Von dem Freitod ihrer Mutter erfuhr sie erst viele Jahre später – man hatte ihr erklärt, dass diese an Influenza gestorben war.

Inspirierendes Umfeld

Im Jahr 1930 heiratete Charlottes Vater, Albert Salomon, die Konzertsängerin Paula Lindberg. Die Mitglieder des Salomon-Haushalts verkehrten mit Größen wie Albert Einstein, Erich Mendelsohn, Albert Schweitzer und Leo Baeck. Doch das neue Familienglück war nur von kurzer Dauer. Nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 verließ Charlotte das Fürstin-Bismarck-Gymnasium (heute das Sophie-Charlotte-Gymnasium) ein Jahr vor dem Abitur.

Ihrem Vater wurde untersagt an der Charité zu unterrichten und ihre Stiefmutter Paula Lindberg-Salomon, die bereits vor 1933ihren Namen von Levi zu Lindberg geändert hatte, durfte ausschließlich Musik von jüdischen Komponisten vor jüdischem Publikum aufführen. Ihre Großeltern, Dr. Ludwig Grünwald und Marianne Grünwald, flohen aus Berlin und ließen sich im Süden Frankreichs nieder.

Trotz allem konnte Charlotte im Jahr 1935 ihr Studiuman der Vereinigten Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst beginnen. Dort war Charlotte die einzige jüdische Schülerin. Im Jahr 1937 reichte sie ein Werk für den Sandkuhl-Preiswettbewerb ein. Ihr Werk wurde als preiswürdig erachtet, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft erhielt jedoch eine ihrer Mitschülerinnen den Preis. Daraufhin brach Charlotte ihre Ausbildung ab.

Albert Salomon wurde während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Seine Frau erwirkte seine Freilassung und arrangierte im Dezember 1938 Charlottes Ausreise nach Frankreich. Dort fand sie Zuflucht bei ihren Großeltern in Villefranche-sur-Mer, die auf dem Anwesen von Ottilie Moore lebten. Moore gewährte ab 1939 einer Vielzahl an Flüchtenden Schutz in der Villa L’Ermitage. Darunter auch Alexander Nagler, der 1939 aus Wien geflohen war und den Charlotte später heiraten sollte. Er starb am 2. Januar 1944 nach drei Monaten ununterbrochener Zwangsarbeit in Auschwitz.

Aus Angst vor dem Vorrücken der deutschen Armee fasste Charlottes Großmutter nach Kriegsbeginn den Entschluss, ihr Leben zu beenden. Im Anschluss an dieses traumatische Erlebnis erfuhr Charlotte von den Selbstmorden in ihrer Familie und dass sie die einzige verbleibende Erbin einer Familie war, in der sich über drei Generationen hinweg zwei Männer und sechs Frauen das Leben nahmen.

Als Frankreich Deutschland den Krieg erklärte, wurden Charlotte und ihr Großvater in das Internierungslager in Gurs deportiert, wo sie nach wenigen Wochen aufgrund von Ludwigs hohem Alter freigelassen wurden. Zu dieser Zeit litt Charlotte unter einer schweren Depression, die sie an den Rand des Suizids trieb. Um in Frankreich bleiben zu dürfen, wurde Charlotte zur Pflegerin ihres Großvaters bestimmt. Doch diese intensive Aufgabe verschlimmerte ihre Situation drastisch.

In ihrem Werk schildert sie eine Unterhaltung mit ihrem Großvater, in der er sie zum Suizid auffordert. An anderer Stelle veranschaulicht sie, wie er sie drängt, das Bett mit ihm zu teilen. In einem 35-seitigen Brief, der von ihren Eltern geheim gehalten wurde, berichtet sie davon, ihren Großvater vergiftet zu haben. Es bleibt jedoch unklar, ob dies der Realität entspricht oder einem Versuch, ihren Gedanken und Ängsten, wie an anderen Stellen ihres Werkes, künstlerischen Ausdruck zu verleihen.

Verarbeitung der dunklen Familienbiographie

»Leben? Oder Theater?«, auch als »dramatisierte Autobiografie« bezeichnet, repräsentiert Salomons  Versuch, sich mit ihrer Psyche, der Beziehung zu ihrer Familie und deren erschütternder Geschichte auseinanderzusetzen. Ihr »Singespiel« besteht aus 1325 Blättern und ist ähnlich einem Theaterstück in Vorspiel, Hauptteil und Nachwort gegliedert. Es erinnert im Stil an einen Graphic Novel, durch die Kombination von Bild- und Textelementen sowie Verweisen auf begleitende Musikstücke.

Das Werk entstand auf das Anraten eines befreundeten Arztes, Dr. Georges Mordis, der sie während ihrer Depression dazu ermutigte, sich ganz der Malerei zu widmen. Über mehrere Monate hinweg erstellte sie täglich zwei bis drei Gouachen, bis sie im Sommer 1942 »Leben? Oder Theater?« vollendete. Versteckt in einem Paket, das an Ottilie Moore adressiert war, übergab Charlotte ihr Werk an Dr. Mordis und bat ihn, gut darauf aufzupassen.

Den Weg aus der Dunkelheit fand ihr Werk über ihre Eltern, die die Schoa im Versteck in Amsterdam überlebten. Lange zeigten sie es niemandem, außer ihrem Freund Otto Frank, der ihnen das Tagebuch seiner Tochter gebracht hatte und gefragt hatte, ob es wertvoll sein könnte.

Seit der ersten Ausstellung ihrer Kunstwerke im Jahr 1961 ist das Interesse an Salomon und ihrer Kunst kontinuierlich gewachsen. Ihre Werke wurden bereits in zahlreichen Städten weltweit ausgestellt, darunter Paris, Lissabon und San Francisco. Zuletzt stellte das Lenbachhaus München in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Amsterdam das Lebenswerk der Künstlerin aus.

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