Streaming

»Chabos« fährt mit Vollgas in die Nullerjahre

Peppi (Nico Marischka, r.) und PD (Jonathan Kriener, l.), Alba (Loran Alhasan, 2.v.r.) und Gollum (Arsseni Bultmann, 2.v.l.) sind die Hauptdarsteller von »Chabos« Foto: ZDF/ Nikolaus Schreiber

Peppi lebt ein busy, cooles Leben in der Stadt und erfährt zufällig, dass er nicht zum Klassentreffen in der Heimat eingeladen worden ist. Dafür ist er dann überraschenderweise nicht zu busy, nicht zu cool - er gerät sogar geradezu in Panik. Peppi setzt sich nachts betrunken ins Auto und rast heim. 

Unterwegs auf der Autobahn beginnt er zu erzählen – direkt an den Zuschauer gewandt – seine Geschichte und die seines Teenager-Ichs in den Nullerjahren. Die Serie »Chabos« startet am 22. August im ZDF-Streamingportal und wird im Fernsehen am 24. und 31. August sowie am 7. September ab 20.15 Uhr bei ZDFneo gezeigt.» Arkadij Khaet, bekannt unter anderem für den Kurzfilm «Mazel Tov Cocktail», ist Co-Regisseur und Drehbuchautor von «Chabos».

Es ist eine Serie, die bewusst für Millennials beworben wird – also all jene, die grob zwischen 1980 und 1995 geboren wurden. Peppis Teenagerzeit findet um 2006 herum in Duisburg statt – er gelt sich die Haare in Spikes, fährt Kickboard, glüht mit Apfelschnaps vor und trägt einen MP3-Player stolz am Halsband über den Pausenhof. Und dem Klapphandy fehlt immer Guthaben. Kommt jedem bekannt vor, der damals aufwuchs.

Abmahnung wegen Urheberrechtsverletzung

«Com’on, das war eine Zeit, als man sich auf Kazaa einen Film heruntergeladen hat und plötzlich vor einem Tierporno saß», sagt der erwachsene Peppi direkt ans Publikum gewandt und holt mit solchen Verweisen die Zielgruppe der Serie immer wieder selbst zurück in ihre Erinnerungen. Oder erinnert sentimental an den Zusammenhalt von Jugendcliquen: «Es war so ’ne geile Zeit, wir waren einfach die besten Freunde.» Waren sie das? Rückblende: Eine verhängnisvolle Nacht im Jahr 2006

Denn es blieb nicht so geil und es lief sogar einiges gehörig schief - 18 Jahre Kontaktpause zu der Clique folgte. Und nun ist der erwachsene Peppi (gespielt von Johannes Kienast) nicht mal zum Klassentreffen eingeladen. Er düst also nach Hause und trifft in Duisburg rasch auf die ersten damaligen Kumpels - in Millennial-Deutsch, er trifft auf die «Chabos». 

Lesen Sie auch

Und der heute 36-Jährige erzählt nun endlich von diesen folgenreichen Tagen im Jahr 2006 - nach der einen Nacht, in der die Kumpels illegal einen Kino-Film heruntergeladen haben. Unzählige Male haben sie das gemacht, aber jetzt hagelt es eine Abmahnung wegen Urheberrechtsverletzung. Peppi kann das seinen Eltern nicht sagen und die Jungs brauchen viel Geld. Sie fassen also einen Plan. Wann hat man das letzte Mal Overground gehört?

Porträt vom Aufwachsen

Sie fühlen sich als Millennial? Herzlichen Glückwunsch, das ZDF hat eine Serie für Sie gemacht. Das kann auch hart sein. Denn die Jungenclique um den Teenager-Peppi (Nico Marischka) benimmt sich zum Teil so peinlich und zum Fremdschämen wie sie es eben wohl sein muss im Teenageralter. So lautstark, so aggressiv, so sexualisiert, zugleich so unsicher und albern, bei allem mithalten wollend. Das ist stellenweise schwer erträglich zu sehen, denn wir waren das ja eben auch mal. 

Doch dieses Zurück in die Vergangenheit kann auch wunderbar sein, weil die vielen kleinen Details beim Sehen und Hören Erinnerungen hervorrufen. Allein schon die Musik: Es werden Songs von Eko Fresh, Alexander Klaws, Sabrina Setlur, US5, Tokio Hotel genutzt. Und wann hat man das letzte Mal Overground gehört? Das ZDF kündigt Auftritte von Mola Adebisi, Jeanette Biedermann, DSDS-Dauergast Menderes und TV-Host Britt an. Gewalt, Coolness und Machogehabe

Das Comedy-Drama liefert zudem ein Porträt vom Aufwachsen in einer Zeit, in der Streaming- und Porno-Plattformen ins Kinderzimmer kamen. Eine Zeit, in der Ausgrenzung normal war. So wurde Freund Alba eben so genannt, weil man dachte, er sei Albaner, oder PD heißt eben PD, weil er «Polendeutscher» ist. 

Schonungslose Erzählung

Es war eine Zeit in der Männer, selbst diese noch Jungs, Männer sein mussten: Erzogen wurden Peppi und seine Chabos laut dem Regie-Drehbuch-Duo Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch «in Codes aus Gewalt, Coolness und Machogehabe». «Denn die frühen 2000er Jahre waren eine Zeit, in der Männer noch alles sein durften – außer verletzlich», erläutern sie laut ZDF-Mitteilung. 

Der erwachsene Peppi schafft dabei im direkten Dialog mit den Zuschauern und durch seine schonungslose Erzählung, in der er sich auch oft selbst bloßstellt, eine kritische und doch zugleich liebevoll-nostalgische Einordnung - die zumindest jene, die zu der Zeit selbst ungefähr gleich alt waren, nicht fremdeln lassen dürfte.

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  17.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

Ein Gespräch über ihren Film »Paris Murder Mystery« und Drehs mit Jodie Foster und Natalie Portman

von Patrick Heidmann  17.04.2026

Streaming

Schichtende bei »The Pitt«

Die letzte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Krankenhaus-Serie ist nun bei HBO zu sehen – Fans warten auf die dritte Staffel

von Katrin Richter  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026