Als die 1970er Jahre über die Welt hereinbrachen, begann Carole Kings schnelle Entwicklung hin zur Folk- und Pop-Ikone. Die Kunst des Songschreibens und der Schönheit der Klänge beherrschte sie schon früh. Tapestry , ihre zweite Schallplatte von 1971, ist bis heute eines der wichtigsten Pop-Folk-Alben überhaupt.
Um ihre Musik aufschreiben, aufnehmen und spielen zu können, musste sie aber zuerst geboren werden. Dies geschah am 9. Februar 1942 in New York. Sechs Jahre zuvor hatten sich ihre jüdischen Eltern Eugenia Cammer und Sydney Klein ausgerechnet in einem Aufzug kennengelernt. Romantischer geht es kaum. Sie studierte Theater, während er Chemiestudent war. 1937 wurde geheiratet.
Sobald Sydney Feuerwehrmann geworden war und Eugenia als Lehrerin arbeitete, ließen sie sich in Brooklyn nieder. Carol (damals noch ohne »e«) war drei Jahre alt, als ein Klavier ins Haus kam. Ihre Begabung machte sich schnell bemerkbar. Die verdutzten Eltern stellten fest, dass ihre Tochter das absolute Gehör hatte. In diesem Moment war klar: Carol brauchte Förderung und daher Klavier- und Musiktheorie-Unterricht.
Worte oder Zahlen
»Meine Mutter hat mich nie gezwungen, zu üben«, sagt Carole King Jahrzehnte später. »Das musste sie auch nicht. Ich wollte unbedingt die populären Songs beherrschen, die ständig aus dem Radio kamen.« Heute ist sie als Frau bekannt, die Songs nicht aus dem Radio holt, sondern den umgekehrten Weg wählt: Sie bringt einige der schönsten Folk- und Pop-Songs aller Zeiten ins Radio.
Schon im Kindergarten stellte sich heraus: Carol Klein, wie sie als kleines Mädchen hieß, war hochbegabt. Alles, was mit Worten oder Zahlen zu tun hatte, fiel ihr in etwa so leicht wie das Musizieren. Letztere Aktivität begeistert sie bis heute. In der James Madison High School gründete sie ihre erste Band und änderte ihren Namen in Carole (mit »e«) King.
Einer ihrer Freunde war der ebenfalls jüdische Barde und Gitarrist Paul Simon. Mit ihm nahm sie Probe-Schallplatten auf. Kurzzeitig war sie mit dem späteren Popstar Neil Sedaka zusammen. Ihre erste offizielle Single mit dem Titel »The Right Girl« wurde 1958 veröffentlicht. Der Titel war gut gewählt, denn sie war und ist »the right girl« – auch mit 83 Jahren.

Hit für Girl-Band
Wenig später feierte Caroles Ex-Freund Neil Sedaka mit einem Hit namens »Oh! Carol« (ja, ohne »e«) einen großen Erfolg. Dem Text nach zu urteilen wollte er sie zurückhaben: »Oh, Carol, ich bin so ein Narr. ... Wenn du mich verlässt, werde ich bestimmt sterben.« Mit Gerry Goffin, den sie gerade in einer jüdischen Zeremonie geehelicht hatte, machte Carole King daraus eine Replik. In »Oh, Neil«, mit derselben nervtötenden Melodie, heißt es: »Ich hätte mir nie träumen lassen, dass Du einen Song über mich schreibst.« Während Sedakas Song ein voller Erfolg wurde, kann dies im Fall »Oh, Neil« nicht behauptet werden.
Es dauerte dennoch nicht lange, bis das Paar seine Tagesjobs kündigen und vom Songschreiben leben konnte. Carole King und ihr Mann schrieben mit »Will You Love Me Tomorrow« den ersten Nummer-Eins-Hit, der je von einer schwarzen Girl-Band aufgenommen wurde. The Shirelles wurden damit zu Stars.
Im Lauf der Zeit schrieb sie 118 Songs, die die amerikanischen Billboard Hot 100 erreichten – entweder solo oder im Team. In Großbritannien, wo 61 ihrer Lieder in den Charts landeten, war sie zwischen 1962 und 2005 die erfolgreichste Songschreiberin überhaupt. Tapestry stand 15 Wochen lang auf Platz eins der US-Charts und blieb sechs Jahre lang in den Hitlisten präsent. Besser kann es nicht laufen.
Barfuß mit Katze
Das Cover-Foto der Schallplatte Tapestry ist legendär. Da sitzt sie: Carole King, in Jeans und Wollpullover, aber barfuß, auf einer Fensterbank (vermutlich der berühmtesten Fensterbank der Welt) mit einer Katze, die weniger begeistert in die Linse guckt. Die Künstlerin strahlt auf dem Bild Selbstbewusstsein aus. Schon der erste Song »I Feel the Earth Move« trifft das Gefühl seiner Zeit sowohl textlich als auch musikalisch. Es ist ein tanzbarer Folk-Song, der auch heute noch frisch und aktuell wirkt.
Carole King wäre nicht Carole King, wenn sie nicht einen zweiten Mega-Hit auf dem Album verewigt hätte: »It’s Too Late« ist ein Evergreen, der noch heute im Radio läuft und mehrere Generationen angesprochen hat. Der Song lebt auch von ihrer rauen Stimme, vom Know-How der Künstlerin, der eingängigen Melodie und der Schönheit, die sie offensichtlich säckeweise integrierte.
Der Song »Smackwater Jack« auf derselben Platte wurde im selben Veröffentlichungsjahr von Quincy Jones interpretiert – auf seinem Album, das er nach diesem Lied von Carole King benannte. Auch das A-Cappella-Quartett The Manhattan Transfer sang »Smackwater Jack«.
Schätze auf Vinyl
Insgesamt nahm Carole King 16 Studioalben auf – von Writer: Carole King (1970) bis Love Makes the World (2001). Hinzu kommen mehrere Live-Aufnahmen, Sampler und ein Weihnachtsalbum. Im Gegensatz zu ebenfalls jüdischen Kollegen wie Barry Manilow, Elvis Presley oder Neil Diamond verewigte sie darauf allerdings ein Hanukka-Lied, nämlich »Chanukah Prayer«. Gesungen wurde es zum Teil von Kindern. Diesen Song als schön zu bezeichnen, wäre maßlos untertrieben. Wer noch das Adjektiv »unglaublich« davor setzt, kommt näher an eine zutreffende Beschreibung heran.
Grundsätzlich lohnt sich eine Reise durch die Klänge von Carole King. Ich nehme mir ihre 1979 veröffentlichte Platte Touch the Sky vor. »Time Gone By« ist ein weiterer Song mit einem klugen Text, der Lebensweisheiten enthält, aber eine starke Country-Tendenz aufweist. In »Move Lightly« versucht sie offenbar, für diese Zeit typische Dance-Klänge mit einzubauen, was ihr aber nicht gelingt. Das ganze Album besteht aus Songs mit Aussagen, enthält aber kaum musikalische Faszination.
Ihr zumindest bislang letztes Studioalbum Love Makes the World kommt zum Teil mit programmiertem Schlagzeug daher, was die musikalische Umrahmung ihrer Message-Songs nicht überzeugender gestaltet. »This Time« spricht mich an, trotz Country-Einschlag. Lieber gehe ich aber zurück zu den frühen Werken von Carole King. Es sind Schätze auf Vinyl. Auf dem ersten Album spielt ihr Freund James Taylor, ein weiterer Star und Genre-Kollege, Gitarre und trägt Hintergrundgesang bei.
Im Studio mit B.B. King
Carole Kings Leben ist aufregend. Nach der Scheidung von Goffin zog sie Ende der 60er Jahre von New York nach Los Angeles, wo sie sich mit ihren Töchtern im Stadtteil Laurel Canyon niederließ. Dann wurde gearbeitet. Zunächst gründete sie ein Rock-Trio. Während sie begann, Solo-Alben aufzunehmen, trug sie als Pianistin zu Aufnahmen von Künstlerkollegen bei, darunter B.B. King, der weder mit ihr verwandt noch verschwägert war.
In einem Interview erzählte sie einst, wie ihr Erfolg mit eigenen Aufnahmen begann: »Ich wurde von Eltern großgezogen, die mich nie denken ließen, ich könne nicht tun, was ich tun wollte, da ich ein Mädchen war – oder aus irgendwelchen anderen Gründen.« Ihr Vater habe ihr geraten, einfach Schallplattenfirmen aufzusuchen, um ihre Musik vorzustellen. »Dann dache ich: Klar, warum nicht?«
Tapestry, das seither allein 30 Millionen mal verkauft wurde und ihr vier Grammys einbrachte, war wenige Jahre später fertig. Jährlich veröffentlichte sie weitere Aufnahmen. Der 26. Mai 1973 war ein großer Tag, an dem 100.000 Menschen ihr Konzert im New Yorker Central Park erlebten. Auf Film und Tonband wurde der Gig festgehalten. Aus dem Material entstand der Film Carole King: Home Again - Live in Central Park.
Tour mit Taylor
Noch aufregender wurde es 1977, als Carole King begann, mit dem Songwriter Rick Evers zu kooperieren. Sie heiratete ihn im selben Jahr. Ein weiteres Jahr später starb er an einer Überdosis Kokain. Simple Things, das Album, das sie mit ihm geschrieben hatte, war die erste Platte seit Tapestry, die es nicht mehr in die Top Ten schaffte. Das Rolling Stone Magazine betitelte Simple Things gar als »das schlechteste Album des Jahres 1977«.
Zweimal spielte King in Broadway-Produktionen mit. Es wurde ruhiger um sie, obwohl sie sich weiterhin in Aufnahmestudios anstrengte. Für den Kinofilm You’ve Got Mail (deutscher Titel E-Mail für Dich) schrieb und sang sie den Song »Anyone at All«.
Mehr als ein Jahrzehnt später, 2010, startete Carole King mit ihrem alten Freund James Taylor die »Troubadour Reunion Tour«. Über 700.000 Tickets wurden verkauft. Es war wohl ihr größter Erfolg seit den 70er Jahren. Dies motivierte sie dazu, ihre Autobiografie A Natural Woman: A Memoir zu schreiben. Im Mai 2012 kündigte Carole King ihren Ruhestand an und bekam einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.
Missbrauch in Ehe
Noch während ihrer Musik-Karriere, aber vor allem danach, half sie den Demokraten bei Wahlkämpfen. Neben Barack Obama und Kamala Harris unterstützte sie auch weniger prominente Kandidaten. Sie betätigte sich außerdem als Umweltaktivistin und nahm als solche an Anhörungen im amerikanischen Kongress teil.
Carole King ist eine der einflussreichsten Sänger/Songschreiberinnen aller Zeiten. Mit 75 Millionen verkauften Platten steht sie ebenfalls jüdischen Kollegen wie Kiss und Barry Manilow oder nichtjüdischen Künstlern wie The Police und Aretha Franklin in nichts nach. Auch wurde sie mit Preisen überhäuft und bekam die Ehrendoktorwürde des Berklee College of Music.
Ihr Leben war aber nicht immer einfach. In Interviews sprach sie von Missbrauch: »Mein dritter Ehemann Rick Evers missbrauchte mich. Und ich blieb bei ihm. Diese beiden Sätze ergeben zusammen eine verrückte Dynamik.« Das ist nicht bestreitbar.
Auch sprach und schrieb sie immer wieder vom Beginn ihrer Karriere: »Ich hasste meine Stimme und nahm Gesangsstunden, da mir Leute einredeten, sie sei zu heiser. Aber dies ist die Stimme, die berühmt wurde. Das verwundert mich noch immer.« Sie deutete außerdem an, ohne James Taylor wäre sie nie aufgetreten, da sie schüchtern war. Er brachte sie dazu.
Weiterhin hören Menschen weltweit vor allem ihre Songs vom Tapestry-Album. Fast ein Viertel Jahrhundert nach dieser Veröffentlichung, im Jahr 1995, kam Tapestry Revisited. Lieder von ihrem beliebtesten Album wurden darauf von Künstlerkollegen wie Aretha Franklin, den Bee Gees und der Kitsch-Sängerin Celine Dion interpretiert.
Mit der 2018 verstorbenen Soul-Größe Aretha Franklin kam die lebende Legende Carole King auch im Jahr 2015 nochmal in Berührung. Damals wurde King im Washingtoner Kennedy Center für ihr Lebenswerk geehrt. Franklin sang bei diesem Anlass ihre Songs. Carole King war begeistert, wie man ihr deutlich ansah.
»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. E-Mail: marcus@juedische-allgemeine.de