Fernsehen

Blühende Landschaften?

Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Florenz: die Große Synagoge (1874 erbaut) Foto: dpa

Die deutsche Filmproduzentin Alice Brauner und der Schweizer Zeitungsverleger Yves Kugelmann wollten es wissen. Wie sieht derzeit das jüdische Leben in Europa aus, ungeachtet von Anschlägen, Bewachung durch schwer bewaffnete Polizisten und die langen Schatten der Schoa, die auch nachgeborene Generationen treffen?

Die Reise führte sie quer Reise durch Europa, von Tanger nach Marseille, vor Straßburg nach Frankfurt und Berlin, von Warschau nach Budapest bis zum einstigen Ghetto von Venedig. Zu sehen ist das in der Arte-Dokumentation »Jüdisch in Europa«, die am Dienstag ab 22.45 Uhr in zwei Teilen ausgestrahlt wird.

INNENSICHT Überraschungen gab es auch für die beiden reflektierenden und kommentierenden Reisenden, die in der Dokumentation unter der Regie von Christoph Weinert auch für jüdische Innensicht stehen. Was heißt das überhaupt, jüdisch zu sein? Die Gesprächspartner von Brauner und Kugelmann sind zwar zu einem großen Teil religiös, doch säkulares Judentum ist ebenso vertreten wie sich einfach kulturell jüdisch zu fühlen.

Brauner und Kugelmann finden viele ebenso vitale wie positiv gestimmte jüdische Gemeinden vor.

Vor allem aber trotzten die Rabbiner und Künstler, Kantoren und Gastronomen ganz selbstverständlich allen antisemitischen Anfechtungen, sie könnten nicht Teil ihrer jeweiligen Länder und ihrer Kulturen sein.

Im Gegenteil: Sowohl in der Vielvölkerstadt Marseille wie auch in Straßburg fanden Brauner und Kugelmann blühende jüdische Gemeinden vor, die ein Zusammenleben in ganz überwiegend harmonischer Toleranz mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern betonten. Nur gelegentlich wurde eingeräumt, es gebe natürlich auch Stadtteile, in denen Kippa oder Davidstern-Anhänger aufgrund des muslimischen Judenhasses lieber verborgen blieben.

RECHTSRUCK Auch in Ungarn schien sich der politische Rechtsruck und wieder aufflammende Nationalismus nicht auf das Selbstbewusstsein und die Selbstverständlichkeit der jüdischen Gemeinde auszuwirken. Die vielen jungen, aktiven Familien der Gemeinde zeigten: Hier wächst etwas. Auch die kürzlich verstorbene Philosophin Ágnes Heller gab sich bei aller Kritik an der Politik von Viktor Orbán optimistisch, was die Zukunft jüdischen Lebens in Ungarn betrifft.

Auch Ágnes Heller äußerte sich optimistisch, was die Zukunft jüdischen Lebens in Ungarn betrifft.

»Irgendwie mehr mitten im Leben und in der Gegenwart« seien die jüdisch-europäischen Nachbarn, resümiert Brauner am Ende der Reise. Vielleicht war das der größte Unterschied zwischen »Jüdisch in Europa« und Jüdischsein in Deutschland, wo die Erinnerung an den Nationalsozialismus, Verfolgung, Deportationen und Holocaust auch die Gegenwart nach wie vor besonders prägt.

Der Zweiteiler »Jüdisch in Europa« wird am 3. September bei Arte ausgestrahlt. Teil eins um 22.45 Uhr, Teil zwei anschließend um 23.35 Uhr.

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Harry Connick Jr.: Das Wunderkind

Mit drei Jahren spielt er Klavier, mit fünf tritt er öffentlich auf, mit neun interpretiert er Beethoven als Solist mit Orchester

von Imanuel Marcus  26.07.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Schon 200? Happy Birthday, Fotografie!

von Katrin Richter  26.07.2026

Los Angeles

Kate Hudson bekommt »Walk of Fame«-Stern

Die jüdische Schauspielerin ist einer von 33 Stars, die eine Ehrung auf dem Hollywood Boulevard erhalten sollen

 24.07.2026

London

Gal Gadot spielt Hauptrolle in rasantem Thriller »The Runner«

Gadot spielt die erfolgreiche Wirtschaftsanwältin Maia Marten, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Sohn entführt wird

 23.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026