Frankfurt

Blick in die Vergangenheit, Schritte in die Zukunft

Foto: Thinkstock

Vom 13. bis 15. Mai trafen sich fast 200 Forscher, Multiplikatoren in Bildung, Gesellschaft und Politik sowie Studierende an der Goethe-Universität Frankfurt, um sich bei der internationalen Konferenz »Gegenwart und Zukunft des christlich-jüdischen Dialogs: Historische und theologische Perspektiven« über neueste Entwicklungen im christlich-jüdischen Gespräch auszutauschen. Ein Grußwort hielt Zentralratspräsident Josef Schuster.

Die Relevanz des Dialogs ist ungebrochen, dies zeigten Vorträge und Diskussionsrunden ebenso wie viele Fragen, die im Laufe der Konferenz für die Zukunft aufgeworfen wurden. Die bisher erreichten Schritte erschienen vielen namhaften Persönlichkeiten im Dialog wie ein Wunder angesichts der Katastrophe der Schoa, die kaum eine Lebensspanne zurückliegt.

Lernprozess Im Vergleich zur langen Geschichte gegenseitiger Abgrenzungen und des christlichen Antijudaismus stecke der Dialog aber immer noch in den Kinderschuhen, das konstatierte Philip Cunningham (Philadelphia) in seiner Bilanz der ersten Jahrzehnte der neuen Beziehung zwischen Judentum und Christentum: »Wir müssen immer noch lernen, miteinander zu reden.« Wie dieser gemeinsame Lernprozess gestaltet und gefördert werden kann, wurde unter verschiedenen Aspekten beleuchtet.

Die aktuellen Entwicklungen verändern auch den Blick auf die Vergangenheit. Israel Yuval (Jerusalem) beeindruckte die Teilnehmer mit seinen Reflexionen über das Verhältnis von Judentum und Christentum in der Antike: »Vor 18 Jahren habe ich dafür argumentiert, das Judentum nicht als Mutterreligion des frühen Christentums zu präsentieren, sondern beide als Geschwisterreligionen zu betrachten, die sich parallel entwickelten. Ich würde jetzt gerne noch einen Schritt weiter gehen. Das neue rabbinische Judentum entwickelte sich sowohl aus den Ruinen des Zweiten Tempels als auch aus der Frühzeit des Christentums.«

Aufgabe Rabbiner Eugene Korn (Jerusalem) nannte als zukünftige Aufgabe für das Judentum die Ausarbeitung eines neuen theologischen Verständnisses des Christentums, für das Christentum die Reflexion einer Theologie des Landes und für beide »eine gemeinsame göttliche Aufgabe, eine Welt zu schaffen, in der jeder Mensch Gottes Ebenbild ist, in der moralische Werte real und wirksam sind«.

Workshops zu gesellschaftlichen Themen wie Bio- und Medizinethik, Dialog in Bildungskontexten und Kultur, Antisemitismus sowie theologischen Fragen, wie die nach der liturgischen Praxis oder dem Problem des Leids, konkretisierten die Auseinandersetzung mit diesem Auftrag. Diskutiert wurde auch die Bedeutung des jüdisch-christlichen Dialogs im interreligiösen Kontext. Jüdische und christliche Bibelwissenschaft wurden etwa von Christian Wiese (Frankfurt) auf eine »verantwortliche Hermeneutik« der religiösen Tradition des jeweils anderen hin befragt.

Ausbildung Wie können junge Generationen von Forschern, Pädagogen und religiösen Verantwortungsträgern für das christlich-jüdische Gespräch gewonnen werden? Der immer noch bestehende Antisemitismus sowie theologisch längst überholte Vorurteile in der Bevölkerung machen deutlich, wie wichtig die Etablierung des christlich-jüdischen Dialogs in Ausbildungskontexten ist. Die Evangelische Akademie zu Berlin leistete hier einen Beitrag, indem sie 40 Studenten und Promovenden die Teilnahme an der Tagung ermöglichte.

Stipendiat Felix Schölch (30), Doktorand am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München, resümiert: »Insbesondere die Workshops waren eine tolle Möglichkeit, sich mit Rednern und Teilnehmern auszutauschen und so Einsichten in jüdische wie christliche Überlegungen zum interreligiösen Gespräch zu erhalten.« Für die Studenten eröffnete sich ein ungewohnter Diskursraum: »Schön war es, dass die Diskussionen noch unter uns Studierenden weitergeführt wurden. Ich habe mir viele offene Fragen notiert, vielleicht wird eine davon der Ausgangspunkt für meine Masterarbeit«, so Alexandra (23, Katholische Religionspädagogik, Wien).

Sowohl die Begegnungen und Gespräche bei der Tagung als auch die Organisation der Veranstaltung selbst sind Zeichen für gelebten Dialog. Die Konferenz wurde von der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie an der Goethe-Universität in Kooperation mit verschiedensten Institutionen organisiert, etwa der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, dem Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und dem Haus am Dom Frankfurt.

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